Archivierter Artikel vom 11.03.2020, 12:57 Uhr

Coronavirus-Auswirkungen

Erster Geisterspieltag – 96-Profi positiv getestet

Der Coronavirus bringt den Sport immer mehr in Bedrängnis. Der erste Fußballprofi in Deutschland ist positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden. Fest steht nun auch, dass alle Bundesliga-Spiele am Wochenende vor leeren Rängen stattfinden.

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Red Bull Arena in Leipzig
Als letzte Partie des 26. Spieltages wurde das Bundesliga-Spiel in Leipzig als Geisterspiel bestätigt.
Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Berlin (dpa). Das Coronavirus hat nun auch den ersten Fußballprofi in Deutschland erwischt und sorgt zudem für den ersten kompletten Geisterspieltag in der Bundesliga-Geschichte.

Kurz nach dem Ende der Posse um die Partie 1. FC Union Berlin gegen Bayern München, die nun doch vor leeren Rängen gespielt wird, gab Zweitligist Hannover am Mittwoch die Infektion von 96-Spieler Timo Hübers mit Sars-CoV-2 bekannt. Der 23-Jährige befinde sich in häuslicher Quarantäne, er habe seit seiner Infektion bei einer Veranstaltung in Hildesheim keinen Kontakt mit Mannschaftskollegen gehabt.

Ob das Folgen für den Spielbetrieb haben könnte, blieb vorerst unklar. Die Deutsche Fußball Liga war für eine Reaktion zunächst nicht zu erreichen. Klar ist seit Mittwoch in jedem Fall, dass der 26. Bundesliga-Spieltag komplett in leeren Stadien ausgetragen wird, nachdem als letzte Begegnung auch RB Leipzig gegen SC Freiburg zum Geisterspiel erklärt wurde.

„Ich weiß, da blutet vielen Fans das Herz“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bei einer Pressekonferenz auch mit Kanzlerin Angela Merkel am Mittwoch in Berlin: „Aber ich vertraue auf die Solidarität der Fußball-Begeisterten. Auch sie helfen, chronisch Kranke und ältere Menschen besser zu schützen.“ Am Abend stufte die Weltgesundheitsorganisation die Verbreitung des Virus nun als Pandemie ein.

In der 2. Liga sind ebenfalls Partien des kommenden Spieltags von Zuschauerausschlüssen betroffen. Für die dritthöchste Spielklasse entschied der Deutsche Fußball-Bund, die kommenden beiden Spieltage zu verlegen. „Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation, nahezu stündlich ergeben sich neue Sachlagen. Klar ist: Die Gesundheit steht über allem“, sagte DFB-Generalsekretär Dr. Friedrich Curtius. Die Spieltage sollen frühestens Anfang Mai nachgeholt werden.

In Frankfurt wurde am Mittwoch nach langem Hin und Her doch noch beschlossen, die Europa-League-Partie der Eintracht am Donnerstag gegen den FC Basel vor leeren Rängen auszutragen. Noch am Mittag hatte Frankfurts Trainer Adi Hütter angekündigt, das „vorerst letzte Spiel“ mit Publikum „noch einmal genießen“ zu wollen. Es kam anders.

Der Coronavirus bringt den Sport in Deutschland in schwere Bedrängnis. Eishockey-Verantwortliche rufen nach der historischen Komplett-Absage der Restsaison nach Hilfe aus der Politik. Wie es im Basketball, Handball und Volleyball weitergeht – offen. Geisterspiele in diesen Sportarten würden Einnahmeverluste bedeuten, die die Vereine angesichts geringer TV-Gelder nicht kompensieren können.

Auch international drohen die Auswirkungen der Pandemie, die Wettbewerbe ins Chaos zu stürzen. Erste Fußball-Nationaltrainer verzichten für die kommenden Test-Länderspiele Ende März bereits auf Legionäre aus Italien. Der spanische Club FC Getafe kündigte den Boykott des Achtelfinal-Hinspiels in der Europa League bei Inter Mailand, das dann am Mittwoch abgesagt wurde. Präsident Angel Torres sagte: „Wir wollen nicht ins Epizentrum des Coronavirus reisen“.

Der AS Rom bekam keine Landeerlaubnis in Spanien für das Spiel der Europa League beim FC Sevilla. Die UEFA kündigte an, „zu gegebener Zeit“ über das weitere Vorgehen entscheiden zu wollen. Auch in der Champions League ist mit Atalanta Bergamo mindestens ein italienischer Club weiter dabei.

In der Formel 1 geht die Sorge vor dem Saisonauftakt in Melbourne nach drei Verdachtsfällen im Fahrerlager um. Die weltweiten Folgen der Covid-19-Erkrankungen werden von Tag zu Tag größer. In Deutschland wird sich die Lage nach Experten-Einschätzung auch noch weiter zuspitzen.

Spahn hatte im Deutschlandfunk sein Unverständnis geäußert, dass die Partie von Union gegen die Bayern am Samstag (18.30 Uhr/Sky) nach ersten Angaben mit Zuschauern stattfinden sollte. „Ich bin etwas verwundert, das will ich sagen, über das, was hier in Berlin mit diesem Fußballspiel passiert“, sagte Spahn. Die Verantwortlichen hätten mit ihren Kommentaren dazu gezeigt, dass sie noch nicht abschließend verstanden hätten, worum es gehe. Wenig später erließ der zuständige Amtsarzt am Mittwochmorgen die Anordnung, dass die Partie in Berlin auch ohne Zuschauer stattfinden muss.

Stimmen wurden bereits laut, die Saison zu unterbrechen. „Wenn die Gesundheit wirklich das Wichtigste ist, hätten wir konsequenterweise die nächsten beiden Spieltage absagen müssen. Das wäre am sinnvollsten und fairsten gewesen“, sagte Werder Bremens Geschäftsführer Frank Baumann dem Online-Portal „deichstube.de“.

Helge Leonhardt, Präsident des sächsischen Zweitligisten Erzgebirge Aue sagte der Deutschen Presse-Agentur sogar: „Ich gehe davon aus, dass die Saison nicht zu Ende gespielt werden kann. Sobald eine Person, die regelmäßigen Kontakt mit einer Mannschaft hat, erkrankt, muss das gesamte Team für zwei Wochen unter Quarantäne.“ Es sei sehr wahrscheinlich, dass sich Spieler anstecken: „Und dann brechen der ganze Spielplan und der gesamte Spielbetrieb zusammen.“

Zu dem Zeitpunkt war der positive Test des Hannover-Profis Hübers noch nicht bekannt gewesen. Hannover 96 teilte dazu mit, es sei „nicht davon auszugehen, dass sich Mitspieler bei ihm infiziert haben“. Dennoch sollen der komplette Kader sowie Trainer und Betreuer vorsorglich auf das Virus getestet werden. Der 1. FC Nürnberg, zuletzt Gegner der Hannoveraner am vergangenen Freitag, prüft nun Konsequenzen für die eigene Mannschaft.

Geisterspiele, wie sie die Fußball-Bundesliga nun erstmals erlebt, sind für andere Sportarten praktisch keine Lösung. „Ich behaupte einmal, dass kein Nicht-Fußballclub es wirtschaftlich durchsteht, die restliche Bundesliga-Saison ohne Ticketerlöse zu bestreiten“, sagte der Präsident des Basketball-Bundesligisten Telekom Baskets Bonn, Wolfgang Wiedlich, dem „Bonner Generalanzeiger“.

Amtskollege Frank Steffel von Handball-Bundesligisten Füchse Berlin erhofft sich finanzielle Unterstützung für die Sportvereine. „Ich fordere eine schnelle und unbürokratische Erstattung der entgangenen Zuschauereinnahmen. Ansonsten steht uns ein Sterben von Leuchttürmen des Sports bevor“, sagte der CDU-Politiker der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch.

Als „eine Katastrophe“ aus wirtschaftlicher Sicht bezeichnete DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke den Abbruch der Saison in der Deutschen Eishockey Liga. Die DEL wolle die Bundesregierung um Ausgleichszahlungen bitten, kündigte Tripcke an. „Sobald sie da sind, werden wir das tun. Wir hoffen, dass eins der Pakete auch uns hilft“, sagte Tripcke.

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