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Ein Zuhause für einen Tag

Dass die Mitarbeiter vom Ordnungsamt seine Wohnung öffnen könnten, das beschäftigt einen jungen Karthäuser am meisten. Gemeinsam mit sechs Kumpels sitzt er oben auf der Tribüne der Sporthalle am Schulzentrum Karthause. Die Jungs hören Musik aus der mitgebrachten Anlage, trinken aus Plastikflaschen. Und sie langweilen sich.

Mit Kartenspielen vertrieben sich einige Wartende in den Notunterkünften die Zeit.
Mit Kartenspielen vertrieben sich einige Wartende in den Notunterkünften die Zeit, andere lasen, dösten, plauderten oder häkelten.
Foto: Denise Hülpüsch

Koblenz – Dass die Mitarbeiter vom Ordnungsamt seine Wohnung öffnen könnten, das beschäftigt einen jungen Karthäuser am meisten: „Ich hab extra einen Zettel drangemacht, dass meine Katze drin ist, sie sich also nicht wundern sollen, wenn Lärm in der Wohnung ist“, sagt er.

Gemeinsam mit sechs Kumpels sitzt er oben auf der Tribüne der Sporthalle am Schulzentrum Karthause. Die Jungs hören Musik aus der mitgebrachten Anlage, trinken aus Plastikflaschen. Und sie langweilen sich.

Das geht vielen so, die in den sieben Notunterkünften ein Zuhause für einen Tag gefunden haben. Immer wieder gehen die Blicke auf die Uhren. „Wir sind schon seit halb acht hier“, sagt Anneliese Berg in der Turnhalle der Clemens-Brentano-Realschule plus. Der Enkel hat sie, ihren Mann und ihren Sohn gefahren, jetzt warten die drei, lesen Zeitung, plaudern ein bisschen. Eine ältere Dame häkelt Topflappen, ein 48-Jähriger hat ein dickes Buch dabei, in einer Ecke sitzen die Kinder einer Familie, die ursprünglich aus Tunesien kommt. Eine Mitarbeiterin der Notfallseelsorge bringt den älteren Kindern Mau-Mau bei, während der zweijährige Bruder zuschaut und den Tag merklich genießt.

Reiner Huppertz beugt sich über sein Isländisch-Wörterbuch. Der 57-Jährige versucht, einen Text zu lesen, der in einem Altnorwegischen Dialekt verfasst ist, und hat gehofft, dass er an diesem Tag ein bisschen weiterkommt. „Mühsam“, sagt er. Überhaupt findet er die ganze Aktion total überzogen. Dass er aus der Vorstadt wegmusste, das wäre doch nicht nötig gewesen, sagt er. Rund 100 Schutzsuchende sind hier in der Schule in der Weißer Gasse, Platz wäre für rund 1500. Viele sitzen allein an einem Tisch, andere haben sich gerade ein bisschen angefreundet und plaudern.

In der Turnhalle der Carl-Benz-Schule in der Goldgrube sind spontane Verbrüderungen zu beobachten. Junge und alte Leute sitzen zusammen und spielen Uno. „Der Helmut hat mich angesprochen, ob ich Lust habe, mitzuspielen“, erzählt ein DRK-Mitarbeiter. Angst vor Langeweile hat die Truppe nicht: „Später spielen wir Skat und Poker.“ Andere stricken, lesen, plaudern. Die Stimmung in der Halle ist entspannt. Mit 134 Leuten und 6 Hunden ist sie am Mittag längst nicht gefüllt, es wäre Platz für weitere 600 bis 700 Personen. Die Verantwortlichen sehen das positiv: Die Koblenzer haben offensichtlich genügend soziale Kontakte, um anderweitig unterzukommen.

Alois Wehrhausen ist Religionslehrer an der Berufsschule und heute als Notfallseelsorger im Einsatz. Seit 6.45 Uhr ist er da und bleibt „bis zum bitteren Ende“, erzählt er lachend. Er spricht mit den Evakuierten, hört zu, und nachmittags will er mit der Schulsekretärin vielleicht einen Chor zusammentrommeln. Weihnachtslieder könnten für etwas Adventsstimmung sorgen, findet er.

Im Schulzentrum Karthause haben Mitarbeiter des Schulverwaltungsamts spontan einen kleinen Raum für die Kinder eingerichtet. Der Schulleiter hat eine DVD und einen Beamer organisiert, und auf dem Boden des Umkleideraums liegen zwei Matten – fertig ist die Möglichkeit für eine Handvoll Kinder, sich ein bisschen zu entspannen.

Überhaupt ist die Atmosphäre in der großen Sporthalle gut. „Man kennt ein paar Leute vom Sehen, da quatscht man mal ein bisschen“, sagt Mary Romatzeck. Im Übrigen nutzt sie die Zeit seit 9 Uhr, um Briefe zu schreiben. „Wir machen das Beste draus.“

Das gilt ebenso für die 13er-Jahrgangsstufe vom Gymnasium auf der Karthause. Die Schüler bieten für einen kleinen Preis belegte Brötchen, Würstchen und (meist von den Müttern) selbst gebackenen Kuchen an. „Das kommt in die Abikasse“, sagen Viviane Wienen und Carina Kapelle, die gerade Verkaufsdienst haben.

Anke Wagner hat sich in eine Decke eingemummelt. Es zieht ein bisschen in der großen Halle. Mit Freunden verbringt sie den Tag hier, liest Zeitung, spielt, lernt. Und wartet darauf, dass endlich die erlösende Nachricht kommt. Immer wieder machen Gerüchte die Runde. Die einen haben gehört, die Bombe sei fast schon entschärft, die anderen wissen fast sicher, dass sich alles verzögert. Es bleibt nichts anders übrig, als zu warten.

Als dann gegen 16.30 Uhr die offizielle Nachricht kommt, dass alles gut gegangen und die Evakuierung aufgehoben ist, packen die Menschen erleichtert ihre Sachen. Man verabschiedet sich, winkt noch einmal. Dann strebt alles nach Hause. Nur die Helfer, die bleiben. Sie müssen noch aufräumen. Denn heute Morgen werden aus den Notfallquartieren wieder Schulen.

Von Doris Schneider und Stephanie Mersmann

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