Archivierter Artikel vom 24.11.2017, 16:20 Uhr

Ein Bild von einem Hund: Koblenzerin fotografiert Vierbeiner

Den Finger am Auslöser, das Auge am Sucher, verharrt Stephanie Schmidt im Moment. Sie wartet auf die Sekunde, in der Micky, ihr Model, sich entspannt. Dieser Moment wird kommen, das weiß sie sicher. Sie muss nur warten.

Dem Hund in die Seele blicken – in einem Moment, der seinen Charakter spiegelt: Das möchte Fotografin Stephanie Schmidt, die sich auf das Ablichten von Vierbeinern spezialisiert hat.
Dem Hund in die Seele blicken – in einem Moment, der seinen Charakter spiegelt: Das möchte Fotografin Stephanie Schmidt, die sich auf das Ablichten von Vierbeinern spezialisiert hat.
Foto: Stephanie Schmidt
Stephanie Schmidt ist Tierfotografin. Und Geduld ihr zweiter Vorname. „Mit Zwang geht da gar nichts“, flüstert die 40-Jährige und holt noch einmal Luft. Die Hündin rührt sich, hat draußen offenbar etwas gehört, spitzt die Ohren, schaut neugierig in Richtung Fenster, ein Klick, ein Blitz – der Schnappschuss sitzt.

Das Warten wird belohnt. Das weiß die Koblenzerin aus Erfahrung. Seit vier Jahren hat sie Tiere vor der Linse. Hühner, Pferde – doch am liebsten Hunde. „Ich bin selbst dreifache Hundemama und habe irgendwann entdeckt, wie viel Spaß es mir macht, Hunde zu fotografieren“, erinnert sich Schmidt an die ersten fotografischen Gehversuche. Dackelmix Klitschko, Labrador-Dobermann Blacky und Retriever-Hündin Merle mussten stets für Schnappschüsse herhalten. „Klitschko schaut heute nur noch entnervt weg, wenn ich mit der Kamera um die Ecke komme. Der findet das total doof“, erzählt die Tierfotografin schmunzelnd.

Stephanie Schmidt hat auch zu ihren eigenen Vierbeinern eine innige Beziehung. Dackelmix Klitschko war eines ihrer ersten Models.
Stephanie Schmidt hat auch zu ihren eigenen Vierbeinern eine innige Beziehung. Dackelmix Klitschko war eines ihrer ersten Models.
Foto: Stephanie Schmidt

Doch das hielt Schmidt nicht davon ab, sich tiefer in die Tierfotografie einzuarbeiten. Von Haus aus Grundschullehrerin, eignete sie sich Fachwissen in Kursen und von Profis an. Schritt für Schritt verbesserte sie ihre Ausrüstung.„Es war schnell klar, dass das Fotografieren meine Leidenschaft ist und ich es zum Beruf machen will“, erzählt sie. Mit einem Freund gründete sie vor vier Jahren „Dox in Focus“ und bietet seitdem Fotoshootings für Hunde an.

Micky hat es sich mittlerweile auf dem Hocker bequem gemacht. Vor einer aufgespannten schwarzen Stoffbahn liegt sie entspannt auf einem Hocker und lässt ein Bein baumeln, den Kopf lässig auf den Pfoten abgelegt. „Jetzt ist sie relaxt. Das ist perfekt“, freut sich Schmidt, legt sich bäuchlings vor den Hund auf den Boden und knipst. Rund 60 Fellnasen durfte sie bisher ablichten, „und jedes Shooting ist ein Erlebnis“, berichtet sie mit ruhiger Stimme, während ihre blauen Augen leuchten. „Hunde sind meine absoluten Lieblingstiere. Ich mag es, sie einfach nur zu beobachten, wie sie agieren, sich bewegen, das ist so spannend“, schwärmt sie.

Beim Shooting geht es vor allem um eines: Spaß

Ob groß oder klein, Rassehund oder bunter Straßenmix, für Schmidt ist jeder Hund für ein Shooting geeignet. „Obwohl das schon eine besondere Herausforderung ist – Hunde und Kinder sind unberechenbar. Wenn sie keine Lust haben, dann ist das so. Deshalb läuft nichts über Zwang. Der Hund darf spielen, Blödsinn machen, aber auch einfach nur rumliegen, wenn ihn das glücklich macht. Es muss ihm Spaß machen. Ich will seinen ganz eigenen Charakter entdecken, das Besondere, was in ihm steckt“, erklärt die Fotografin. Und so darf sich Micky auch locker hinfläzen, posieren, mit Frauchen ein Spielchen einlegen, mit der Fotografin schmusen. Berührungsängste? Fehlanzeige. Behutsam lässt sie sich beschnuppern, nimmt von Anfang an mit ihren Models Kontakt auf, legt ruhig ihre Hand auf die Hundeflanke, schafft Vertrauen. Denn auch das gehört zum Job. Nur so lässt sich der Hund auf die Situation ein und öffnet sich, ist Schmidt überzeugt.

Preisgekrönt: Galgohündin Stella schaffte es bis in die Gewinnergalerie der Fine Arts Photography Awards.
Preisgekrönt: Galgohündin Stella schaffte es bis in die Gewinnergalerie der Fine Arts Photography Awards.
Foto: Stephanie Schmidt

Der Blick fürs Detail und die besondere Ruhe, die Schmidt ausstrahlt, spiegeln sich auch in ihren Fotos wider. Die Fotografin mag es aufgeräumt, ohne Kitsch, ohne Ablenkung. Jeder Hund ist ein Kunstwerk für sich, ist sie überzeugt. Deshalb hält sie sich mit Kulissen zurück. Ob Wald, Wiese oder Schlossarkaden – am Ende reichen ihr ein paar Linien und klare Formen, um den Hund in Szene zu setzen. „Schließlich steht er ja im Mittelpunkt.“ Diese Aufmerksamkeit genießt der ein oder andere Vierbeiner sichtlich. Dackel Buddy, erinnert sich Schmidt, stolzierte bereits mit geschwellter Brust ins Atelier, das die Fotografin von einer befreundeten Künstlerin in Koblenz anmietet. Wie der Chef im Ring posierte der Rüde auf seinem Thron, aalte sich in Aufmerksamkeit, standesgemäß auf rotem Samt gebettet. „Der war echt der Knaller. So ein Selbstbewusstsein hab ich noch nie gesehen“, erinnert sich Schmidt lachend. Ganz anders zeigte sich hingegen Whippetdame Maja. Die zarte Windhündin trippelte schüchtern zwischen den Säulen des Koblenzer Schlosses hindurch, wurde durch ihren Körperbau eins mit der Architektur – das perfekte Motiv für eine von Schmidts Schwarz-Weiß-Aufnahmen. „Ich brauchte gar nicht viel zu machen. Ich musste nur den richtigen Moment abpassen.“ Nach kurzer Zeit waren die Bilder im Kasten.

Das Händchen für den richtigen Moment hat Stephanie Schmidt schon einigen Erfolg gebracht. So schaffte sie es mit einem ihrer berührenden Windhundeporträts in der Kategorie Schwarz-Weiß unter die besten zehn beim Fotowettbewerb „100 Jahre Nikon“ der gleichnamigen Fotofirma. Teilgenommen hatten 22.000 Fotografen. Als Belohnung durfte sie an einer großen Ausstellung in Düsseldorf teilnehmen. Anfang des Jahres freute sie sich besonders über die Platzierung in der Gewinnergalerie bei den Fine Art Photography Awards, einem internationalen Fotowettbewerb für Profis und Amateure mit ebenfalls mehreren Tausend Teilnehmern. Die Fotokünstlerin setzte Galgomädchen Stella im Puschelkragen in Szene und erhaschte dabei einen stimmungsvollen Moment, der die Jury überzeugte.

Hund hat eine besondere kulturelle Bedeutung

„So richtig kann ich gar nicht glauben, dass das gerade passiert. Als Fine Arts mich angeschrieben haben, bin ich ausgeflippt“, freut sich die Fotografin noch heute – ein Jahr nach der Bekanntgabe der Nominierung – wie ein Schneekönig über ihren Erfolg. Auch die Buchungen für Fotoshootings nehmen stetig zu, die breite Resonanz auf Ausstellungen in Galerien und einem Laden für Tierbedarf ist für Schmidt noch kaum fassbar.

Dabei fragen sich viele Nichthundehalter, wieso man überhaupt seinen Vierbeiner ablichten soll. Doch Schmidts Kunst ist Teil eines gesamtgesellschaftlichen Phänomens. Allein in Deutschland leben 7,9 Millionen Hunde, die Vierbeiner sind in 16 Prozent der Haushalte zu finden. Damit steht der Hund im Ranking nach der Katze auf Platz zwei der beliebtesten Haustiere. Und auch die Wissenschaft hat sich mit dieser Frage beschäftigt. Für die Kulturwissenschaft sind der Kontakt und die Beziehung zu Tieren Grundbedürfnisse des Menschen. Vor allem in Mitteleuropa haben Tiere einen besonderen emotionalen Wert. Literaturwissenschaftler Roland Borgards sieht Haustiere als Projektionsfläche für menschliche Vorstellungen: Das Tier ist das, was der Mensch draus macht. Das wird beim Hund auf die Spitze getrieben. Ob der beste Freund des Menschen oder sein treuester Begleiter – kein Tier scheint dem Menschen so nah wie der Hund. „Tiere haben zwar keine Geschichte. Aber sie machen Geschichte“, fasst es Borgards zusammen. Zum Beispiel indem sie an der Domestizierung des Menschen mitwirken, an der Seite von Berühmtheiten auftauchen oder Lebenspartner werden.

Auch Stephanie Schmidt merkt in ihrer Arbeit, dass Hunde eben nicht einfach nur Hunde sind: „Sie übernehmen viele Rollen.“ Sie sind Freund, Begleiter, Partner. Da verwundert es nicht, dass immer mehr Hundebesitzer den Wunsch hegen, ihren Liebling auch auf einem Foto zu verewigen – am liebsten professionell. Die Tierporträtistin bietet ihre Leistung natürlich nicht kostenlos an. Sie verlangt für einen Termin von 90 Minuten inklusive sieben bearbeiteten Bildern 140 Euro. Das muss man sich schon leisten wollen. „Mir ist klar, dass ich ein Luxusprodukt bin. Aber für Hunde und für Kinder geben die Leute gern und viel Geld aus“, schildert sie ihre Erfahrung.

Und doch ist ihr Kundenstamm gemischt. Zwischen den gut betuchten Rassehundbesitzern finden sich auch Familien, die so eine Kamerasitzung einmal gemeinsam erleben wollen, oder auch Hundebesitzer, die eine Fotosession mit ihr geschenkt bekommen haben. Zumal die Erinnerungskultur für Hundehalter immer wichtiger wird. Tiere werden mit zunehmendem Aufwand bestattet, viele wollen bereits zu Lebzeiten des Tieres etwas schaffen, was sie nach dem Tod an ihren Begleiter erinnert. So erhalten Fotos wie jene von Stephanie Schmidt einen besonderen emotionalen Wert – auch weil sie den Hund zeigen, wie er leibhaftig ist.

Marta Fröhlich

Mehr Fotos und Infos zur Arbeit von Stephanie Schmidt finden Sie unter www.dox-in-focus.de