Archivierter Artikel vom 19.07.2011, 09:22 Uhr
Hamburg

Die Sozialrallye in die Mongolei

Zwei Hamburger Brüder kündigen ihre Bürojobs und machen sich auf den Weg in die Mongolei – mit dem Auto. Ihre Reise um die halbe Welt führt sie durch karge Wüsten und schroffe Gebirge – und verändert ihr Leben.

Lesezeit: 5 Minuten
Sozialrallye in die Mongolei
An einem sonnigen Tag im Juli 2010 setzten sich Daniel (l.) und Sebastian Kaerger in Hamburg ins Auto und fuhren ostwärts. (Bild: Superlative Adventure Club/dpa/tmn)
Foto: DPA

Es ist ein sonniger Sommertag, als sich Daniel und Sebastian Kaerger in Hamburg ins Auto setzen und alles hinter sich lassen. Jobs, Termine, Stress. Das Ziel der Brüder: Ulan Bator, die Hauptstadt der Mongolei. In einem roten «Kia Rio», 1,2 Liter Hubraum, 80 PS, wollen sie einmal um die halbe Welt fahren, so weit wie die Luftlinie von Hamburg nach Sydney. Ohne Navigationssystem, nur mit Kompass und Landkarten. Sechs, sieben Wochen wird die Reise dauern, so genau wissen sie es nicht.

Sozialrallye in die Mongolei
Jetzt beginnt das Abenteuer: Erst in Istanbul hatten die Brüder das Gefühl, dass ihre Reise in die Mongolei richtig losgeht. (Bild: Superlative Adventure Club/dpa/tmn)
Foto: DPA

Zuerst müssen sie aber in die falsche Richtung fahren, nach Goodwood in Südengland. Dort startet offiziell die «Mongol Rally», an der die beiden und rund 450 andere Teams aus aller Welt teilnehmen. Sebastian, 31, und Daniel, 32, sind im Juli 2010 die einzigen Deutschen. Die Strecke ist nicht vorgegeben, auch kein Zeitlimit. Dafür aber Alter, Motorstärke und Größe der Autos. Und: Alle Teilnehmer sollen vorab Spenden für wohltätige Zwecke sammeln.

Sozialrallye in die Mongolei
Als der Wagen am Urmia-See in der Salzkruste festhängt, kommen einige Iraner vorbei – um dabei zuzusehen, wie die Brüder die Reifen freischaufeln. (Bild: Superlative Adventure Club/dpa/tmn)
Foto: DPA

1000 britische Pfund haben Sebastian und Daniel von Freunden und Bekannten zusammengekratzt, das Geld geht an die internationale Hilfsorganisation Mercy Corps. Einmaliges erleben und Gutes tun, das ist die Idee der Rallye. Dieses Jahr startet sie am 23. Juli, wieder in Goodwood.

Sozialrallye in die Mongolei
Auf ihrer Fahrt von Hamburg nach Ulan Bator treffen die Brüder Kaerger viele Menschen – und Tiere. (Bild: Superlative Adventure Club/dpa/tmn)
Foto: DPA

Nach dem Start in England durchqueren die Brüder zunächst Europa: Frankreich, Belgien, Deutschland, Tschechien, die Slowakei, Rumänien, Bulgarien. Sie übernachten auf Campingplätzen, in Hostels, auf Kartoffeläckern. «Aber erst bei unserem ersten längeren Stopp in Istanbul hatten wir das Gefühl, jetzt geht es richtig los», sagt Sebastian rückblickend. «Jetzt verlassen wir Europa, jetzt kommt das Abenteuer.» Zu diesem Zeitpunkt haben sie gut 5000 Kilometer hinter sich.

Sozialrallye in die Mongolei
Wie auf einem anderen Planeten: Die schöne, karge Landschaft der Mongolei hat die beiden Abenteurer tief beeindruckt. (Bild: Superlative Adventure Club/dpa/tmn)
Foto: DPA

Ab da campen sie fast immer wild, nur in größeren Städten gönnen sie sich mal ein Hotel und eine heiße Dusche. «Die längste Strecke ohne Dusche waren sieben Tage. Zur Not springt man eben in einen Fluss», sagt Daniel und lacht. «Das Fahren ist unglaublich befreiend. Du denkst nicht mehr an Arbeit oder E-Mails. Du bist ganz bei dir selbst und in der Natur. Du bist irgendwo im Nirgendwo.»

Sozialrallye in die Mongolei
Manchmal werden Daniel (l.) und Sebastian Kaerger von den Einheimischen zum Essen eingeladen. (Bild: Superlative Adventure Club/dpa/tmn)
Foto: DPA

Ihre Tage im Auto unterwegs verlaufen immer gleich: Aufstehen mit dem Sonnenaufgang, Zelt abbauen, Powerriegel zum Frühstück, einpacken. Und dann: Fahren, stundenlang. Sie kurven entlang der Küste des Schwarzen Meers, durch anatolische Berglandschaften mit Nadelbäumen und schäumenden Gebirgsbächen. Dann wird die Szenerie karger, vorbei am schneebedeckten Ararat geht es weiter in den Iran.

Sozialrallye in die Mongolei
Beim Nadaam Fest in der Mongolei galoppieren Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren um die Wette. (Bild: Superlative Adventure Club/dpa/tmn)
Foto: DPA

Überall, wo die beiden Deutschen anhalten, schlägt ihnen Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft entgegen. «Im Iran haben uns alle angehupt. Eine Frau hat beim Vorbeifahren ihr Kopftuch runter gerissen und uns damit zugewinkt. Nur wegen unseres deutschen Kennzeichens», erzählt Sebastian.

Sozialrallye in die Mongolei
Irgendwo im Nirgendwo. Daniel Kaerger empfand die Reise als befreiend: «Du bist ganz bei dir selbst und in der Natur.» (Bild: Superlative Adventure Club/dpa/tmn)
Foto: DPA

Trotzdem, dass ihre Reise nicht ganz ungefährlich ist, bleibt ihnen bewusst. «Man muss sich an ein paar Grundregeln halten», sagt Daniel. «Immer anschnallen. Am Steuer keinen Mist machen. Nie nachts fahren. Und sich niemals hetzen lassen.» Sie haben sich gut vorbereitet. Monatelang haben sie Visa beantragt, Spenden gesammelt, Sponsoren gesucht, Ausrüstung besorgt, Landkarten, Bücher und Reiseführer gekauft. Von Wasser- und Benzinkanistern, Auto-Ersatzteilen, Konserven und Pumpernickel bis hin zu Antibiotika und feuchten Babytüchern haben sie alles im Gepäck.

Die Mongoleirallye
Eine offizielle Route gibt es bei der Mongoleirallye nicht, jedes Team sucht seinen eigenen Weg. (Bild: Hauschildt/dpa/tmn)
Foto: DPA

In Usbekistan haben die Tankstellen gerade kein Benzin, dafür sehen die beiden hier wunderschöne orientalische Städte mit Kuppelmoscheen und uralten Lehmziegel-Gemäuern. Im Südosten Kasachstans übernachten sie am rotbraunen Tscharyn Canyon, der dem Grand Canyon zum Verwechseln ähnlich sieht. In Russland schenkt ihnen ein Bauer, auf dessen Feld sie heimlich zelten, eine Flasche selbstgeernteten Honig, statt sie zu verscheuchen. In Sibirien freuen sie sich über die nagelneuen Autobahnen mit blitzblanken Leitplanken.

Sie brausen vorbei an türkis glitzernden Seen und kantigen Felsen vor strahlend blauem Himmel. «Die Landschaft im Altai-Gebirge wirkt fast unwirklich, wie eine Modelleisenbahn», sagt Daniel.

Und dann, am 41. Tag der Reise, erreichen sie den Grenzübergang zur Mongolei. «Du hast fast 15 000 Kilometer hinter dir und denkst, du hast alles gesehen.» Und dann fährst du über die Grenze – und bist auf dem Mond», sagt Daniel. «Es ist eine wunderschöne, karge Landschaft. Wie auf einem anderen Planeten.» Neun Tage rollen sie querfeldein, durch Steppen, Bäche und Flüsse ohne Brücken. An manchen Tagen schaffen sie gerade mal 120 Kilometer in zwölf Stunden, so beschwerlich ist das Gelände.

Am 49. Tag ist es schließlich soweit: Die Brüder treffen in Ulan Bator ein. Der Tacho zeigt 17 085 Kilometer an, sie haben es geschafft. Die offizielle Zielparty der Veranstalter ist längst vorbei, aber das ist ihnen egal. «Der Weg ist das Ziel», sagt Daniel, eine schreckliche Phrase, aber in ihrem Fall wahr.

Superlative Adventure Club

Sozial-Rallye in die Mongolei

Die diesjährige «Mongol Rally» vom Veranstalter «The Adventurist» startet am 23. Juli. Die Anmeldefrist für die Rallye 2012 beginnt am 1. August 2011. Die Rallye startet am 21. Juli 2012. Die Vorbereitungen können mehrere Monate in Anspruch nehmen. Teilnehmer müssen ein geeignetes Auto finden, Visa beantragen, Spenden sammeln und die Route planen. Außerdem sollten sie vorab mindestens 1000 britische Pfund an Spenden sammeln. Hinzu kommt eine Teilnahmegebühr von rund 700 britischen Pfund pro Team. Unter http://dpaq.de/Epyvf sind weitere Details zu finden.