Archivierter Artikel vom 29.04.2013, 07:00 Uhr
Amsterdam

Die Oranier: Die deutschen Wurzeln der Niederländer

Vor jedem Fußballspiel der Nationalelf werden die Niederländer wieder daran erinnert: Ihre Königsfamilie stammt aus Deutschland. Denn wenn die Spieler die Nationalhymne anstimmen, singen sie: „Wilhelmus von Nassouwe (Nassau), bin ich von deutschem Blut ...“.

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Mit diesem Wilhelm von Nassau-Dillenburg (1533–1584), Fürst von Oranien, beginnt die Geschichte der Niederlande als unabhängiger Nation. Wilhelm von Oranien ist der Mann, der die Niederlande für alle Zeit orange gestrichen hat – denn das war seine Wappenfarbe. Der Vater des Vaterlandes betrachtete sich allerdings gar nicht als Niederländer, sondern sprach von sich als einem „waschechten Deutschen“.

Sein Geburtsort war Dillenburg am Rande des Westerwalds, seine Muttersprache war Deutsch. Niederländisch beherrschte er nicht oder kaum. Jahrhundertelang suchten sich die Oranier ihre Heiratspartner bevorzugt in Deutschland – und versorgten umgekehrt den deutschen Adel. So ging Luise Henriette von Oranien (1627–1667) mit dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm nach Brandenburg und wurde dort zur Namensgeberin von Oranienburg.

Auch als die Oranier Anfang des 19. Jahrhunderts unverhofft zu Königswürden gelangten, vergaßen sie ihre deutschen Wurzeln nicht. Von 1890 bis 1898 wurden die Niederlande von der Hessin Emma zu Waldeck und Pyrmont regiert, weil Königin Wilhelmina noch nicht volljährig war. Am Ende des Ersten Weltkriegs floh sogar der deutsche Kaiser Wilhelm II. in die Niederlande und lebte bis zu seinem Tod 1941 in Haus Doorn.

Das Anwesen vor den Toren von Utrecht hat sich wie eine Zeitkapsel erhalten – bis heute tickt dort unverdrossen die kaiserliche Kuckucksuhr. Auch nach 1933 orientierten sich die Oranier nicht um. 1937 heiratete Kronprinzessin Juliana das NSDAP-Mitglied Bernhard zur Lippe-Biesterfeld. Als die Niederlande drei Jahre später von Hitler- Deutschland überfallen wurden, legte Bernhard jedoch alles Deutsche ab. Nur seinen Akzent wurde er nie los. Nach den schrecklichen Besatzungsjahren waren Deutsche in den Niederlanden erst mal unten durch.

Doch dann wurde 1965 bekannt, dass sich Kronprinzessin Beatrix doch wieder in einen Deutschen verliebt hatte. Um die Gemüter zu beruhigen, wurde erst einmal der Vorname des Zukünftigen geändert: Statt Klaus von Amsberg hieß er nun Claus van Amsberg, das sah schon etwas weniger „duits“ aus. Die Hochzeit 1966 in Amsterdam war von Krawallen überschattet. Doch zehn Jahre später war Claus der beliebteste aller Oranier – die Niederländer hatten den leisen, humorvollen Mann für immer ins Herz geschlossen.

Willem-Alexander hat dann bekanntlich keine Deutsche geheiratet, sondern die Argentinierin Maxima Zorreguieta. Aber er spricht fließend Deutsch. So gut, dass er einmal in einem bayerischen Wirtshaus drei Stunden lang mit einem Bauern über das deutsch-niederländische Verhältnis diskutiert hat. Der Bauer hielt ihn für einen Touristen. Er hat vermutlich nie davon erfahren, mit wem er den angeregten Abend verbracht hat.

Von Christoph Driessen