Archivierter Artikel vom 16.09.2011, 17:38 Uhr
Berlin/Koblenz

Die Koblenzer Grüne Silke Gebel will Ost-Berlin erobern

Während Renate Künast den Wahlsieg in Berlin schon aufgegeben hat, kämpft eine Koblenzer Grüne um jede Stimme: Die 28-jährige Silke Gebel ist in Angriffslaune – und hat einen langen Atem.

Silke Gebel – stammt aus Koblenz und will in Berlin gewählt werden.
Silke Gebel – stammt aus Koblenz und will in Berlin gewählt werden.
Foto: Rena Lehmann

Berlin/Koblenz – Mit Schwindel erregend hohen Wahlergebnissen rechnen die Grünen in Berlin schon seit einigen Monaten nicht mehr.

Trotzdem geht der Wahlkampf im 16. Stockwerk eines Plattenbaus weiter. Die 28-jährige Silke Gebel will kämpfen, um jede einzelne Stimme, bis zum Schluss. Sie hat seit Monaten keinen Alkohol angerührt, das Rauchen aufgegeben („Ich brauche Kondition“) und ihr Privatleben gestrichen. Die Koblenzerin tritt als Direktkandidatin der Grünen im Wahlkreis Mitte 2 an, zwischen Regierungsviertel und Alexanderplatz. Eine Hochburg der Linken, seit 20 Jahren. Silke Gebel muss viele Treppen nehmen, wenn sie hier hoch hinaus will.

In den vergangenen Wochen hat sie deshalb jeden Abend zwischen 17 und 20 Uhr bei fremden Menschen geklingelt, freundlich gelächelt und ihr Programmheft verteilt. Im 16. Stock des Ost-Berliner Plattenbaus auf der Fischerinsel, wo noch zu DDR-Zeiten Stasi-Offiziere und Mitarbeiter der Ministerien lebten, beginnt diesmal ihre besonders anspruchsvolle Tour. Die Grünen sind hier nicht angesagt. „Aber das macht nichts, die Leute freuen sich trotzdem, wenn man sich persönlich vorstellt.“ Man brauche eben einen langen Atem. Den hat sie.

Seit sechs Jahren in der Hauptstadt

In der „Platte“, wie die anonymen Wohnblöcke der DDR in Berlin genannt werden, wohnen 250 Menschen. Blauer PVC-Boden, blaue Türen mit Nummern, lange leere Flure, ratternde Aufzüge. In der Luft liegt ein süßlicher Geruch. „Von den Müllschluckern.“ Silke Gebel kennt sich hier aus. In der Mitte des Gebäudes befindet sich auf jeder Etage eine Luke, durch die die Abfälle der Bewohner gen Erdgeschoss fliegen. „So muss man nicht ständig 20 Stockwerke runterfahren, um den Müll wegzubringen“, erklärt die Kandidatin. „Auch das kann Lebensqualität bedeuten.“

Sie hat sich eingearbeitet in „ihren“ Bezirk, obwohl sie erst seit sechs Jahren in der Hauptstadt lebt. In der einen Hand trägt sie einen Stapel Broschüren, in der anderen einen Stapel kleiner Schilder, die sie an die Türklinken hängt, wenn niemand aufmacht. Was meistens der Fall ist.

Durchatmen, lächeln, klingeln. Diesmal hat sie Glück. Ein älterer Herr öffnet, er trägt Jogginghose und blickt die junge, engagierte Frau ein wenig verstört an. „Hallo, ich bin die Kandidatin“, sagt sie fröhlich und hält ihm das Prospekt entgegen. Er sieht nicht aus, als wollte er es unbedingt haben, nimmt es dann aber doch. „Ich weiß sowieso schon, wen ich wähle“, sagt er noch. Er möchte seine Tür gern schnell wieder zumachen. Eine ältere Dame, die einige Stockwerke tiefer öffnet, freut sich, als sie entdeckt, dass die junge Frau vor ihrer Tür und die lächelnde Person auf dem Prospekt identisch sind. Ein Anflug von Überraschung liegt auf ihrem Gesicht. Dass da jemand wirklich persönlich vorbeikommt...

So mancher weiß nichts von Wahlen

Aus anderen Türen, die sich heute Abend noch öffnen, schlägt ihr manchmal kalter Zigarettenqualm entgegen, häufig Unverständnis („Wir wählen nicht.“) und noch häufiger die reine Unkenntnis („Was für Wahlen?“). Ein Mann fragt in gebrochenem Deutsch, ob die Grünen denn besser wären als die anderen? „Na klar.“ Der Mann schaut ungläubig, immerhin: Er lächelt.

Silke Gebel findet es toll, sagt sie, so viele verschiedene Menschen kennenzulernen. Mehr Grünflächen müsste es hier geben, mehr Lebensqualität. „Ich glaube, dass man sehr viel verändern kann.“ Die Tour ist für diesen Abend geschafft, es war eine der letzten vor der Wahl am Sonntag. Silke Gebel steigt auf ihr Wahlkampf-Fahrrad. Sie muss jetzt noch zu einem Stand, an dem sie und ihr Team weiter um Stimmen werben.

Berlin funktioniere im Grunde auch nicht anders als Koblenz, findet die Verwaltungswissenschaftlerin, die zurzeit Mitarbeiterin des grünen EU-Parlamentariers Reinhard Bütikofer ist. „Die Menschen leben in ihren Kiezen, man kennt sich und passt aufeinander auf.“ Das sei „wie bei uns in Koblenz“, wo sie 2003 bei den Grünen eintrat. Rena Lehmann