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Berlin

Die Hand verbiegen – wie es sich «mit links» lebt

dpa

Die Schere ist schwer zu bedienen, der Dosenöffner auch. Linkshänder werden nicht mehr umerzogen – doch Werkzeug und Besteck sind auf Rechtshänder ausgelegt. Der Weltlinkshändertag am 13. August erinnert an eine Minderheit. Ein Erfahrungsbericht:

Linkshänder
Linkshänder werden nicht mehr umerzogen. Doch Werkzeuge, Besteck, Maschinen sind oft auf Rechtshänder ausgelegt. (Bild: dpa)

Das mache ich doch «mit links»: Da verschmiert beim Schreiben die Tinte, oder ich stoße meinen Sitznachbarn am Ellenbogen. Das Leben als Linkshänder ist in einer Welt der Rechtshänder nicht immer einfach. Daran erinnert der 13. August, der Weltlinkshändertag dieses Jahr zum 35. Mal.

Etwa 10 bis 15 Prozent der Menschen sind nach gängigen Schätzungen Linkshänder, sagt Onur Güntürkün, Professor für Biopsychologie an der Universität Bochum. Frühere Statistiken hatten so ihre Tücken – weil viele Linkshänder zu Rechtshändern umerzogen wurden.

Mein heute über 80 Jahre alter Onkel hatte es als Linkshänder schwer. Er wurde gezwungen, mit der rechten Hand zu schreiben. So erging es vielen – spätestens mit dem Schreiben-Lernen entdeckten die Eltern, dass ihr Kind die linke Hand bevorzugt, sagt Güntürkün. Doch seit Jahrzehnten werden in den meisten westlichen Gesellschaften wie Deutschland Linkshänder anerkannt. Meine Grundschullehrerin etwa wäre 1986 nie auf die Idee gekommen, mir in der ersten Klasse den Füller in die rechte Hand zu drücken.

Das Schreiben erinnert mich jeden Tag ans Linkshänder-Dasein. Benutze ich einen Füller und ziehe die Hand nach, verschmiert die Schrift – obwohl ich einen speziellen Füller besitze. Dann sind da die regulären Ringhefte, deren Metallspirale links angebracht und immer der Hand im Weg ist.

Selbst dann, wenn ich mit Kugelschreiber oder Bleistift schreibe – außen, am linken kleinen Finger, kann ich immer gut nachvollziehen, welche Farben ich benutzt habe. Doch es gibt auch Vorteile: Die Computermaus benutze ich mit der rechten Hand und kann so gleichzeitig Notizen machen und mit der Maus arbeiten und klicken. Hände schüttelt «man» mit rechts – meiner bevorzugten Hand bleibt eine schwitzige Begegnung auf jeden Fall erspart.

Schämen muss ich mich für die leicht verkrampft aussehende Handhaltung beim Schreiben oder beim Weinflaschen-Öffnen eh nicht. Oder haben Sie schon mal gesehen, wie US-Präsident Barack Obama ein Gesetz unterschreibt? Als Linkshänder befinde ich mich in guter Gesellschaft. Alexander der Große und Leonardo da Vinci sollen Linkshänder gewesen sein. Albert Einstein war es. Und, nun ja: auch Dieter Bohlen und Lady Gaga sind Linkshänder.

Dennoch: Dass mit der linken Hand in vielen Kulturen Negatives verbunden wird, zeigt sich allein schon bei einem Blick auf unsere Sprache. Ein Trottel benimmt sich «linkisch». Oder jemand wird «gelinkt», hinters Licht geführt. Auch in anderen Sprachen ist das bekannt – im Englischen etwa steht «sinister» (vom Lateinischen sinistra für links) für böse und teuflisch.

In London gibt es seit Ende der 1960er Jahre den nach eigenem Bekunden weltweit ersten Laden, der nur für «Lefties» ist – der von der Schere bis zum Golfschläger alles anbietet, was das Linkshänderherz höher schlagen lässt. Und zumindest das schlägt ja eh auf der richtigen Seite – auch wenn «richtig» semantisch wiederum mit «rechts» zu tun hat.

Mal ehrlich: Wirklich diskriminiert fühlte ich mich als Linkshänder selten. Natürlich: Die Suppenkelle stört, deren Kerbe so liegt, dass ich die Hand verdrehen muss; ebenso das Messer, dessen Klinge an der falschen Seite scharf ist. Oder wenn meine Mutter mich als Kind darauf hinwies, ich solle bitte ganz links außen am Esstisch Platz nehmen – um meine rechtshändigen Geschwister nicht zu stören.

Johanna Barbara Sattler von der deutschen Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder in München ist überzeugt: «Wir müssen das Bewusstsein stärken, dass Linkshänder eine schützenswerte Eigenart sind.» So könnten Kinder bereits vor der Schule eine lockere Handhaltung beim Malen und Schreiben lernen. Und es gebe Beispiele wie die Fleischereimitarbeiterin, bei der die Theke im Laden auf Rechtshänder ausgelegt ist. Und die mit links dann nicht schnell genug arbeite, um Erfolg zu haben.

Tröstlich bleibt für Linkshänder ein standesbewusster Leidensgenosse wie Matt Groening, der die Zeichentrickserie «Simpsons» erfunden hat und hier die Mehrheitsverhältnisse umdreht. Hier gibt es nicht nur Ned Flanders und sein Linkshändergeschäft, sondern generell ausgesprochen viele «Lefties» – wie Bart, der immer wieder zur Strafe an die Tafel schreiben muss. Auch wenn die Handaußenseite nachher weiß sein sollte – wir Linkshänder tragen es mit Fassung.

Linkshänder und ihre Klischees

Münster (dpa) – Viele Klischees ranken sich um Linkshänder: Sie sollen schlauer sein und früher sterben als Rechtshänder. Der Neuropsychologe Hubertus Lohmann von der Universitätsklinik Münster klärt auf.

Wann entscheidet sich, ob man Rechts- oder Linkshänder ist?

Lohmann: «Es scheint teilweise veranlagt zu sein. Untersuchungen hierzu haben gezeigt, dass bereits Embryonen in der 10. Schwangerschaftswoche häufig mehr Aktivität in der rechten als in der linken Hand zeigen. Allerdings darf man den kulturellen Einfluss auf die Händigkeit nach der Geburt nicht außer Acht lassen. Wir leben in einer von Rechtshändern geprägten Gesellschaft, das hat Einfluss auf die Erziehung.»

Es ranken sich viele Mythen um Linkshänder. Sie seien etwa schlauer, heißt es. Stimmt das?

Lohmann: «Das kann man so nicht sagen. Hierzu gibt es keine konkreten Ergebnisse. Außerdem sind nicht alle Menschen entweder nur Links- oder Rechtshänder. Oft gibt es fließende Übergänge. Zum Beispiel beim Volleyball: Es gibt Linkshänder, die den Ball dennoch mit rechts schlagen. Viele Klischees über Linkshänder sind heutzutage immer noch präsent. Aber an berühmten Einzelfällen, wie Barack Obama oder Leonardo da Vinci, kann man das nicht ausmachen. Unterschiede zeichnen sich häufig nur im Vergleich von großen Gruppen ab, wenn beispielsweise Rechts- und Linkshänder in Bezug auf ein Merkmal untersucht werden. Bezogen auf den Einzelnen fällt es dann aber schwer, eine konkrete Aussage oder Prognose für bestimmte Fähigkeiten zu machen.»

Bis in die 70er Jahre wurden Linkshänder zu Rechtshändern umerzogen. Warum hat man Abstand davon genommen?

Lohmann: «Früher wurde davon ausgegangen, dass Linkshändigkeit ein Anzeichen einer Erkrankung sei. Heute betrachtet man die Händigkeit eines Menschen als eine Variation der Natur. Außerdem sieht man heute keine Notwendigkeit mehr in der Umerziehung von Links- zu Rechtshändern.»

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