Archivierter Artikel vom 25.07.2016, 14:39 Uhr

Die Geschichte vom Wassertröpfchen Traps

Es war einmal ein kleines Wassertröpfchen mit Namen Traps. Es lebte mit vielen anderen Wassertröpfchen im blauen Meer. Von der weiten Welt wusste Traps nur, was die anderen Wassertröpfchen erzählten.

Foto: Illustration: Carola Bergmann

Die erzählten wunderschöne Geschichten. Manche waren weit gereist und wussten von sprudelnden Quellen, munteren Bächlein und großen Flüssen zu berichten, die sie durch das ganze Land bis ins große Meer gebracht hatten. Sie erzählten von dunklen Wäldern und Bergen, deren Gipfel weiß von Schnee sein sollten. Andere Wassertröpfchen waren im Sturzflug ins Meer gekommen.

Nur der kleine Traps konnte nichts erzählen, weil er nur das große Meer kannte. Manchmal kam der Westwind zum Meer und spielte sein Lied auf, dann tanzten alle Wassertröpfchen im großen Meer. Sie fassten sich an den Händen und bildeten ganz große Wellen mit Schaumkronen. Das war lustig. Ab und zu kam auch der Ostwind. Das war ein rauer Geselle. Sein Lied klang unheimlich, und die Wassertöpfchen sprangen hoch voller Entsetzen. Die Menschen, die am Meer wohnten, hatten Angst und sagten: „Es ist Sturmflut!“

Eines Tages spiegelte sich die Sonne im Meer. Sie lockte den kleinen Traps zu sich, und er stieg mit der Sonne weit hoch in den blauen Himmel. Von hier konnte er Berge, Städte und auch das blaue Meer sehen. Ganz viele Wassertröpfchen hatte die Sonne an den Himmel gebracht. Sie reichten sich die Hände und bildeten eine große weiße Wolke, die wie ein weißes Schiff am blauen Himmel vorbeizog.

Plötzlich kam der Ostwind. Übermütig zerrte der wilde Geselle die Wolke auseinander. Den armen Traps jagte er ganz weit fort, bis er die Sonne nicht mehr sehen konnte. Dafür sah Traps den kalten Bruder der Winde – den Nordwind – näher kommen.

Der Nordwind verströmte eine eisige Kälte. Ehe der kleine Traps den Mund aufmachen konnte, war sein Kleid ganz weiß. Traps war eine Schneeflocke geworden. Doch der Nordwind ließ ihm keine Zeit zum Nachdenken. „Wir müssen uns beeilen, damit wir rechtzeitig zum Empfang der Schneekönigin kommen“, sagte er und blies dann kräftig seine Backen auf.

Bevor Traps sich noch umsehen konnte, war er auch schon in der Milchstraße. Die Milchstraße ist die berühmteste Straße am Himmel. So etwas hatte Traps sich nie vorstellen können. Rechts und links standen funkende Sternenhäuser, die strahlten noch schöner als die Sonne. Doch zum Anschauen verblieb nicht viel Zeit.

Es gab ein knarrendes Geräusch. „Macht Platz!“, schrie der Nordwind: „Da kommt der große Bär mit dem großen Wagen!“ Ein riesengroßer Eisbär, der einen noch größeren Wagen zog, rauschte vorbei. In dem Wagen saß eine uralte Frau mit weißen Haaren. „Das ist die Frau Holle“, berichteten die anderen Schneeflöckchen. Der Nordwind blies noch mal kräftig, bis alle Schneeflöckchen vor dem großen Schloss der Schneekönigin waren. Das Schloss war aus feinstem Kristall. Die Türen waren aus Diamanten, und im Garten blühten herrliche Eisblumen. Die Schneekönigin war sehr schön und saß mit ihrem Thron auf einer Empore, damit sie alles übersehen konnte. Neben ihr stand ein Mann in einem dicken weißen Pelzmantel mit einer Krone auf seinen weißen Haaren. Das war der König Winter.

Es war sehr kalt im Schloss und Traps klapperte mit den Zähnen. Der prächtig gekleidete Diener rief dann einige Namen auf. Daraufhin erschienen wunderliche Leute und verneigten sich vor der Schneekönigin und dem König Winter. Als Erster kam der Herr Frost und fragte, wie lange er tätig sein soll auf der Erde. Die alte Frau Holle bestellte einen ganz großen Wagen Schnee. Die vier Winde, der Nord-, Ost-, Süd- und Westwind, wollten ihre Einsätze wissen. Der Südwind war sehr traurig, denn die Schneekönigin beachtete ihn nicht – und so vergoss er ein paar Tränen.

Die anderen drei Winde, Nord-, West- und Ostwind, wurden ermahnt, nicht übermütig zu werden. Das galt ganz verstärkt für den Ostwind. Ansonsten wollte ihn die Schneekönigin mal einige Zeit einsperren. Alle drei Winde versprachen, sich anständig zu benehmen.

Plötzlich ging ein Brausen durch den Palast. Die Schneekönigin und auch der König Winter machten Gesichter, als ob sie Zahnschmerzen hätten. Herein trat ein schöner junger König, der so gar nicht in die kalte Pracht passte. Es war der König Lenz. Er trug ein Gewand aus Rosen und Lilien aber seine blauen Vergissmeinnichtaugen blitzten zornig.

„Ihr habt euer Abkommen nicht gehalten“, sagte er, „euer Herr Frost hat am Aprilende viele meiner Blumenkinder getötet. Versprecht mir sofort, dass dieses nicht mehr vorkommen wird, sonst bleibe ich hier, und eure Macht ist zu Ende“, grollte er. „Wir versprechen euch alles, was ihr wollt, nur geht um Himmels willen fort“, sagte die Schneekönigin ganz aufgeregt. „Seht, der König Winter bekommt schon Herzbeschwerden, und der Herr Frost tropft schon fürchterlich. Ich hab euer Wort!“, sagte König Lenz und verschwand.

Sofort wurde es wieder kälter. Nun winkte die Schneekönigin mit der Hand, und wunderschöne Musik erklang. „Auf zum Schneeflockentanz!“, rief sie. Alle Schneeflocken fassten sich an den Händen und tanzten in ihren weißen Ballettröckchen. Auch der kleine Traps tanzte, als ob er immer getanzt hätte. Es war wunderbar.

„Nun ist es genug“, meinte die Schneekönigin. „ Ich sehe, ihr macht mir und dem König Winter keine Schande.“ König Winter befahl nun: „Alle Schneeflocken setzen sich auf den großen Wagen der Frau Holle.“ Dort war Platz genug. Frau Holle spannte den großen Bär wieder an, und juchheirassa ging es wieder über die Milchstraße bis in Frau Holles Wolkenhaus. Jedes Schneeflöckchen bekam von Frau Holle sein Bettchen angewiesen. Der kleine Traps war sehr müde und schlief gleich ein.

Als es Morgen wurde, rief Frau Holle: „Alles aufstehen: Ich lasse es schneien.“ Sanft schüttelte sie die Schneeflocken auf die Erde. Unten riefen die Kinder fröhlich: „Es schneit, es schneit, wir können Schlitten fahren.“ Der kleine Traps landete auf einem Tannenbaum. Von dort hatte er eine herrliche Aussicht; denn er konnte den Kindern von oben beim Schlittenfahren zuschauen, und das freute ihn sehr.

Eines Tages aber kam die Sonne und warf ihre goldenen Strahlen auf die weiße Pracht, sodass der Schnee glitzerte und glänzte. Dem kleinen Traps wurde dabei ganz warm ums Herz, sodass er dahinschmolz. Mit den anderen Schneewassertröpfchen floss er in ein Bächlein. Das Bächlein brachte ihn in einen Fluss. Dieser Fluss mündete in einen anderen Fluss, den man auch Strom nannte. Viele weiße Schiffe waren auf diesem Strom, und auf den Schiffen waren Menschen, die frohe Lieder sangen. Endlich brachte der große Strom den kleinen Traps ins blaue Meer. Traps war wieder zu Hause – da wo er hingehörte.

Seinen Kameraden, den anderen Wassertröpfchen, erzählt er auch nun von seinen Erlebnissen. Die Menschen, die am Meer wohnen, hören die Stimmen der Wassertröpfchen. Es ist ein ewiges Brausen und Rauschen. Doch leider sind die Menschen alle zu beschäftigt, um ihren Geschichten zu lauschen.

Renate Severin 
aus Ochtendung hat die Geschichte (ab 5 Jahren) für ihre Kinder und Enkel geschrieben.