Archivierter Artikel vom 25.07.2016, 14:28 Uhr

Die Erdbeerdiebe

Die Zwerge saßen auf einer Bank am Haus und schauten sich ihren Garten an. Ihr Haus (besser gesagt Häuschen) steht am Waldesrand, nah bei einem Holunderstrauch. Zufrieden schauten sie sich ihren Garten an.

Gerade hatte der Frühling Einzug gehalten, und damit begann auch ihre Arbeit im Garten. Viel Laub und einige Maulwurfhaufen hatten sie entfernt. Über die Erde, die der Maulwurf nach oben geschaufelt hatte, freuten sich die Zwerge sehr. Die gute Erde hatten sie um die Erdbeerpflanzen verteilt. Erdbeeren waren nun mal ihre Lieblingsfrüchte neben den Holunderbeeren. Es tat gut, wieder in den Garten zu gehen, so ein langer Winter mit wenig Schnee kann langweilig werden. Sie machten sich Gedanken, ob es ihnen dieses Mal gelingt würde, die Erdbeeren vor den Dieben zu schützen. Wer könnte es sein? Warum erwischen wir den Dieb nicht? Wir werden uns auf die Lauer legen! Die Zwerge überlegten, wie man es anstellen könnte. „Ich habe eine Idee“, sagte Züppel. „Wir halten abwechselnd Wache.“ Beide nickten sich zu und fanden, so müsste es gehen. Im letzten Jahr waren die leckeren Erdbeeren einfach so verschwunden, kein Abdruck von Füßchen, es gab keine verräterische Spur.

Die Sonne verabschiedete sich, sie standen auf und gingen in ihr Haus. Draußen hörten sie das Rotkehlchen singen, sie waren befreundet mit ihm. Es war immer zur Stelle, wenn sie im Garten arbeiteten. Als wenn es helfen wollte, bewegte es sich um die Zwerge herum. Einmal hatten sie es fast untergegraben, eine Raupe wehrte sich, von ihm verspeist zu werden. Züppel hatte eine Schaufel mit Erde auf es geworfen. Doch es war noch mal gut gegangen, die Erde war locker, ließ sich leicht abschütteln. Da die Zwerge mit den Tieren sprechen konnten, durften sie sich einiges anhören. So passten sie nun besser auf. Bei der Gartenarbeit gesellte sich die Amsel Eila dazu. Sie waren nie allein, immer gab es Gäste. Was so alles im Gartenboden lebte: kleine Tausendfüßler, Eier von Schnecken, Asseln, Regenwürmer. So viele, die halfen, den Boden locker zu halten.

Der Frühling lief auf Hochtouren, warm wurde es, und die Erdbeeren zeigten die ersten Blüten. „Sieht gut aus“, sagte Züppel. Wenn da nicht der Dieb wäre. Kommt er in der Nacht? Oder sogar wenn die Zwerge mal wieder zum Bach gelaufen sind, um die Bachforelle zu besuchen? Dieses Mal sollte aufgepasst werden, denkt sich Züppel. Nach einigen Tagen bildeten sich kleine, grüne Früchtchen. „Wenn wir genug Wasser dazugeben und die Sonne weiter so fleißig vom Himmel scheint, dann können wir bald ernten.“ Siehe da, eine Seite der Beere bekam schon etwas Farbe. Gemeinsam gingen sie die Reihen mit den Erdbeerpflanzen ab. Plötzlich blieb Zupfel stehen. Er rief ärgerlich: „Sieh dir das mal an!“ Züppel schaute sich die Beere an, und da fehlte die Hälfte der Beere. „Geht es jetzt schon los?“ Da konnte wohl der Erdbeerdieb nicht warten. „Na warte“, dachten die Zwerge, „dich bekommen wir dieses Mal!“ Sie legten sich abwechselnd auf die Lauer.

Vorsichtig bewegte sich Zupfel an der Erdbeerreihe vorbei. Immer die leicht roten Stellen im Auge. Da, da war doch was! Ja, eine kleine Bewegung an einem Blatt. Dann mal genau hinschauen, es musste sich bald verraten. Wieder bewegte sich ein Blatt, und man hörte es schmatzen. Nur, es gab nichts zu sehen! Nun legte sich Zupfel auf den Bauch und streckte die Hand in Richtung Erdbeere aus. Er hielt sie zwischen den Fingern, was ein grober Fehler war. Ein kräftiger Biss in den Finger ließ ihn aufschreien. Züppel kam mit dem Spaten in der Hand angerannt und schlug kräftig zu. Hätte er mal besser nicht getan! Zupfel bekam eins auf die Mütze, und auf der Hand zeigte sich Blut. Er sah viele Sternchen und konnte noch von Glück sprechen, denn seine Zipfelmütze hatte den Schlag abgemildert. „Haste gut gemacht, der Dieb ist weg, und ich habe eine Beule so groß wie ein Gänseei, und der Finger blutet!“ „ Wollte ich doch nicht, hatte es auf den Dieb abgesehen, du lagst leider im Weg.“ „So bekommen wir ihn niemals.“ Richtig verärgert war Zupfel. Züppel half Zupfel wieder auf die Beine. Er wackelte und jammerte noch eine Weile. Langsam ging es zur Bank am Haus. Dort setzten sie sich hin. Sie saßen noch nicht lange, als eine leise Stimme zu ihnen sagte: „Nicht erschrecken, ich bin es, die Mäusemama.“ Große Knopfaugen schauten die Zwerge an, und nervös bewegten sich ihre Füßchen auf der Stelle. „Mäusemama, was willst du von uns, wir haben dir doch schon mal mit Körnern ausgeholfen.“ „Ja, aber ich muss euch was sagen.“ Sie schaute jetzt richtig traurig in die Zwergengesichter. Nun holte sie tief Luft und schaute verlegen auf ihre Füße. „Raus mit der Sprache, ich habe Kopfweh, und mein Finger pocht schon.“ „Ich habe dir in den Finger gebissen.“ „Was hast du, wo warst du denn?“ „Habe unter dem Blatt aus meinem Mauseloch mein Schnäuzchen zum Beißen weit aufgemacht und wollte doch die Erdbeere vernaschen.“ „Leider hatte ich gerade meine Finger um die Erdbeere gelegt, den Rest kennen wir alle.“ Nun erzählte die Mäusemama, warum sie ihnen immer die Erdbeeren geklaut hatte. Mit so vielen Mäusekindern unter der Erde, die ständig hungrig waren, war das Erdbeerfeld genau richtig für ihre Familie. „Es war so einfach, unter der Erdbeerpflanze ein Loch zu buddeln und sich eine Erdbeere nach der anderen zu holen. Gefahrlos konnte ich einige Wochen uns alle satt machen.“ „Klar, wir hatten viele unter Verdacht, aber unter der Erde einen Dieb zu haben!“ So langsam verstanden die Zwerge, den Dieb nie zu Gesicht bekommen zu haben. Unter die Blätter hatten sie auch nicht geschaut. Dumm gelaufen für die Mäusefamilie und für Züppel und Zupfel.

Ingrid Runkel aus Rengsdorf hat die Geschichte (ab 4 Jahren) für ihre vier Kinder 
geschrieben.