Archivierter Artikel vom 14.03.2013, 07:30 Uhr
Buenos Aires

Der stille Jesuit aus Buenos Aires

Der Argentinier Jorge Mario Bergoglio ist der erste Papst aus Lateinamerika. Erstmals steigt damit ein Jesuit auf den Petrusstuhl. Bereits beim vergangenen Konklave 2005 war er der stärkste Kontrahent Joseph Ratzingers. Mit 76 Jahren und seiner etwas gebrechlichen Gesundheit ging Bergoglio in die neue Papstwahl eher als Außenseiter unter den Favoriten.

„Fratelli e sorelle, buona sera“ – „Brüder und Schwestern, guten Abend.“ So begrüßte der neue Papst die jubelnden Gläubigen auf dem Petersplatz. Die Wahl von Jorge Mario Bergoglio hatte viele überrascht.
„Fratelli e sorelle, buona sera“ – „Brüder und Schwestern, guten Abend.“ So begrüßte der neue Papst die jubelnden Gläubigen auf dem Petersplatz. Die Wahl von Jorge Mario Bergoglio hatte viele überrascht.
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Der Erzbischof von Buenos Aires und Primas Argentiniens bevorzugt ein möglichst unauffälliges Auftreten in der Öffentlichkeit. So konnte er bereits als Kardinal häufiger in der U-Bahn auf dem Weg in die Kathedrale an der Plaza de Mayo beobachtet werden. Auch in Rom geht er lieber in einem dunklen Mantel und ohne Kardinalshut.

Fotos aus dem Leben von Kardinal Jorge Mario Bergoglio: Der Erzbischof von Buenos Aires gilt zwar als Fürsprecher der Armen in Lateinamerika, kritisierte allerdings seit jeher die Befreiungstheologie.
Fotos aus dem Leben von Kardinal Jorge Mario Bergoglio: Der Erzbischof von Buenos Aires gilt zwar als Fürsprecher der Armen in Lateinamerika, kritisierte allerdings seit jeher die Befreiungstheologie.
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Bergoglio wird oft auch als Anwalt der Armen bezeichnet. Vor wenigen Wochen warnte Bergoglio vor der „alltäglichen Übermacht des Geldes mit seinen teuflischen Folgen von Drogen und Korruption sowie dem Handel von Menschen und Kindern zusammen mit der materiellen und moralischen Misere“.

Fotos aus dem Leben von Kardinal Jorge Mario Bergoglio: Der Erzbischof von Buenos Aires gilt zwar als Fürsprecher der Armen in Lateinamerika, kritisierte allerdings seit jeher die Befreiungstheologie.
Fotos aus dem Leben von Kardinal Jorge Mario Bergoglio: Der Erzbischof von Buenos Aires gilt zwar als Fürsprecher der Armen in Lateinamerika, kritisierte allerdings seit jeher die Befreiungstheologie.
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Bergoglio wurde am 17. Dezember 1936 als Sohn italienischer Einwanderer geboren. Sein Vater war Bahnangestellter in der argentinischen Hauptstadt. Bergoglio absolvierte eine technische Schule als Chemietechniker. Mit 21 Jahren ging er ins Priesterseminar. Im selben Alter wurde ihm wegen einer schweren Lungenentzündung ein Teil der rechten Lunge entfernt. Sein schlichter Lebensstil ermöglichte ihm, mit diesem Handicap bis ins Alter recht gut zu leben.

Fotos aus dem Leben von Kardinal Jorge Mario Bergoglio: Der Erzbischof von Buenos Aires gilt zwar als Fürsprecher der Armen in Lateinamerika, kritisierte allerdings seit jeher die Befreiungstheologie.
Fotos aus dem Leben von Kardinal Jorge Mario Bergoglio: Der Erzbischof von Buenos Aires gilt zwar als Fürsprecher der Armen in Lateinamerika, kritisierte allerdings seit jeher die Befreiungstheologie.
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Nach Angaben des Vatikans hat der Argentinier seine Doktorarbeit in Deutschland beendet. Nach seiner Priesterweihe 1969 wurde er 1973 zum Provinzial des Jesuitenordens berufen. In diesen für Argentinien sehr schwierigen Jahren, in denen nach sozialer Aufruhr das Militär die Staatsmacht übernahm, führte Bergoglio seine Ordensbrüder streng in strikt religiöse Aufgaben zurück. Der einzige Jesuit im Konklave übernahm 1998 die Erzdiözese von Buenos Aires und wurde 2001 zum Kardinal berufen.

Fotos aus dem Leben von Kardinal Jorge Mario Bergoglio: Der Erzbischof von Buenos Aires gilt zwar als Fürsprecher der Armen in Lateinamerika, kritisierte allerdings seit jeher die Befreiungstheologie.
Fotos aus dem Leben von Kardinal Jorge Mario Bergoglio: Der Erzbischof von Buenos Aires gilt zwar als Fürsprecher der Armen in Lateinamerika, kritisierte allerdings seit jeher die Befreiungstheologie.
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Bergoglio wird eine zu große Nähe zur damaligen Militärdiktatur Argentiniens vorgeworfen. Er wurde beschuldigt, zwei Jesuiten nicht vor der Verfolgung durch die Junta geschützt zu haben. Er erklärte stets, dass er wenige Tage vor dem Staatsstreich 1976 die beiden Patres vor bevorstehender Gefahr gewarnt und ihnen angeboten hat, im Jesuitenhaus Schutz zu suchen. Die beiden Priester, die in Elendsvierteln in Buenos Aires predigten, sollen nach Bergoglios Aussagen dieses Angebot abgelehnt haben.

Zwei Monate später wurden die beiden von Militärs entführt und fünf Monate lang in der berüchtigten Marineschule Esma in Haft gehalten. Danach beschuldigten sie Bergoglio. Trotz seines Strebens, Distanz zu der Politik zu halten, kollidierte Bergoglio in den vergangenen Jahren mehrfach mit den Regierungen von Néstor und Cristina Kirchner. Er kritisierte Korruption und Armut, außerdem wandte er sich 2010 frontal und erfolglos gegen die Legalisierung der Homo- Ehe in Argentinien.

Als Bergoglio die Gesetzesvorlage zur gleichgeschlechtlichen Ehe als „Teufelsmanöver“ bezeichnete, antwortete Staatschefin Cristina Kirchner, diese Kritik erinnere an die Zeiten der Inquisition. Als Argentinier kam Bergoglio nicht umhin, Fußballfan zu sein und in seiner Jugend auch Tango zu tanzen. Erstligist San Lorenzo de Almagro ist „sein“ Verein. Hölderlin, Borges und Dostojewski sind seine beliebtesten Autoren. Auf der Leinwand bevorzugt er die Filme des italienischen Neorealismus – jetzt wird er neben dessen Kulissen leben.

Von Juan Garff