Archivierter Artikel vom 29.04.2013, 14:10 Uhr
Rheinland-Pfalz

Der Mensch ist der Biene größter Feind

Sie sind Lebensspender und unverzichtbar für unsere Natur – doch den Bienen geht es nicht gut. Und dass sie auf der ganzen Welt vom Aussterben bedroht sind, haben sie dem Menschen zu verdanken.

Regisseur Markus Imhoof reiste für seinen Film um die Welt. Ihm gelangen faszinierende Aufnahmen, und er begleitete Imker wie Fred Terry, der in Arizona mit sogenannten Killerbienen arbeitet.
Regisseur Markus Imhoof reiste für seinen Film um die Welt. Ihm gelangen faszinierende Aufnahmen, und er begleitete Imker wie Fred Terry, der in Arizona mit sogenannten Killerbienen arbeitet.
Foto: DPA

Von unserem Reporter Michael Fenstermacher

Imker Fred Terry 
Imker Fred Terry
Foto: Senator Film Ver

Diese Botschaft vermittelt „More than Honey“ (Mehr als Honig), der neue Dokumentarfilm des Schweizer Regisseurs Markus Imhoof. Skurril bis apokalyptisch wirken die Bilder, mit denen er die Kinobesucher konfrontiert. Zu sehen ist, wie Obstbauern im Norden Chinas Bäume von Hand bestäuben, weil die Bienen dort ausgestorben sind, oder wie sich in den USA auf Mandelplantagen die Imkerei zur Massentierhaltung gewandelt hat. Rücksichtslos werden die Bienen mit Pestiziden verseucht und auf Lkw quer durchs Land gekarrt.

„Wenn die Biene ausstirbt, stirbt nach vier Jahren auch der Mensch aus“, soll Albert Einstein gesagt haben. Ohne die Bestäubung durch die Biene gehen elementare Nahrungsressourcen verloren.
„Wenn die Biene ausstirbt, stirbt nach vier Jahren auch der Mensch aus“, soll Albert Einstein gesagt haben. Ohne die Bestäubung durch die Biene gehen elementare Nahrungsressourcen verloren.
Foto: DPA

Mit beeindruckenden Bildern vom Bienenflug oder aus dem Inneren der Stöcke vermittelt der Film aber auch die Faszination des Insekts. Über den Film und die Probleme der Imkerei auch hierzulande hat der 71-jährige Filmemacher mit uns gesprochen.

Ihre Kernaussage lautet: „Die Bienen sterben am Erfolg der Zivilisation.“ Was meinen Sie damit?

Alle Gründe, aus denen die Bienen sterben – Pestizide, Krankheiten, falsch angewendete Medikamente, Stress, Verarmung der Landschaft, Hunger, Inzucht – sind menschengemacht. Das gilt auch für die Varroa-Milbe. Die asiatische Zwergbiene lebt seit Jahrtausenden mit der Milbe zusammen und kann sie bekämpfen. Dann aber haben russische Imker ihre Bienen nach China gebracht. Sie wurden angesteckt, und die Milbe konnte sich nach Europa und Nordamerika ausbreiten. Die Varroa ist also gewissermaßen ein Globalisierungserfolg.

Kann denn der einzelne Verbraucher etwas dafür tun, dass es den Bienen besser geht?

Ja, natürlich kann der Konsument seine Marktmacht nutzen und beispielsweise auf Mandeln von kalifornischen Plantagen verzichten. Auch beim Honig sollte man schauen, woher er kommt. Heute beim Frühstück im Hotel gab es Honig ohne genaue Herkunftsangabe. Da habe ich lieber Marmelade genommen. Wenn man die Pollen aus dem Honig rausfiltert, hat man keine „Fingerabdrücke“ mehr und kann nicht mehr feststellen, woher er kommt. Das wird zum Beispiel mit chinesischem Honig gemacht, der stark belastet sein kann. Ich würde den Honig beim Imker auf dem Wochenmarkt kaufen und ihn ein bisschen ausfragen, wie er seine Bienen hält und wo sie fliegen.

Ginge es den Bienen ohne Menschen generell besser?

Nein. Die Honigbienen könnten ohne Menschen höchstens zwei Jahre überleben. Dann sterben sie, weil sie sich nicht selbst gegen Bienenkrankheiten, also vor allem die Varroa-Milbe, wehren können. Jeder Imker – ob in Europa, Nordamerika oder China – muss wenigstens Ameisensäure in die Stöcke einbringen.

Experten arbeiten aber auch daran, die Honigbiene gegen Schädlinge resistenter zu machen, damit sie keine Behandlung mehr benötigt.

Ja, in der Schweiz arbeiten sie an einem Pilz, der die Varroa befallen soll und den Bienen nichts tut. In Frankfurt konstruiert eine Forschergruppe eine Art Fußabtreter, der den Bienen, wenn sie durchs Flugloch in den Stock kommen, die Varroa abstreicht. Etwas anderes erprobt man in Italien: Im Herbst wird die Königin in einen speziellen Käfig gesperrt, wo sie von ihren Ammenbienen gefüttert wird, aber 25 Tage lang keine Eier legen kann. Weil Arbeiterinnen nach 21 Tagen schlüpfen und Drohnen nach 24 Tagen, sind dann alle Varroas auf den Tieren und keine mehr auf der Brut, in der sich die Milbe vermehrt. Mit einer Säurebehandlung erwischt man dann 95 Prozent der Varroa, aber leider nicht alle.

Im Vergleich zu den schockierenden Bildern aus den USA und China in ihrem Film wirken die Zustände in Mitteleuropa noch harmlos. Befürchten Sie hierzulande für die Zukunft eine ähnliche Entwicklung?

Wir haben keine Massentierhaltung wie in Amerika. Hobbyimker haben meistens zwischen acht und zwölf Völker. Enorme Probleme entstehen aber durch Mais-Monokulturen, die sich aufgrund der Subventionen für die Herstellung von Biogas ausgebreitet haben und den Bienen das Futter wegnehmen. Weil Monokulturen ein Fest für Parasiten sind, müssen dort auch mehr Pestizide eingesetzt werden, an denen auch Bienen sterben.

Drohen dann im schlimmsten Fall die chinesischen Verhältnisse, die Sie in Ihrem Film darstellen?

Das wäre die Zukunft, und das könnten wir uns natürlich in Europa niemals leisten, weil dann etwa ein Apfel unbezahlbar würde.

Was war Ihre persönliche Motivation, diesen Film zu machen?

Mein Großvater war Großimker mit 150 Völkern, die er einsetzte, um Obstgärten zu bestäuben für seine Marmeladenfabrik. Die Bienen waren unsere Haustiere. Aber der Auslöser waren akute Probleme: dass seit sechs Jahren auf der ganzen Welt die Bienen sterben. Meine Tochter und mein Schwiegersohn sind außerdem Bienenforscher in Australien. Sie streben eine Lösung an, die ich interessant finde: dass man das Immunsystem der Bienen stärken und den Genpool breiter machen muss. Denn die Zuchtziele, die nur auf Sanftmut und Fleiß ausgerichtet waren und die Bienen aus dem Druck der Evolution herausgenommen haben, müssen korrigiert werden.

Ihr Film begeistert auch durch beeindruckende Bilder. Wie sind Ihrem Kamerateam diese Aufnahmen gelungen?

Wir hatten zwei Teams, eines für Bienen und eines für Menschen. Der Zuschauer soll einen emotionalen Bezug zu den Bienen bekommen und staunen können. Das Bienenteam war deshalb mit zehn Leuten doppelt so stark besetzt wie das Menschenteam. Wir hatten ein Studio in Wien – eine alte Fabrik mit mehreren Hektar Umland, wo wir unsere eigenen 15 Völker hatten und einen Bienenflüsterer, der die Themen, die wir umsetzen wollten, in den Stöcken gesucht hat, beispielsweise Honigübergabe, Abstreifen von Pollen oder die Geburt der Königin. Und für die Aufnahmen in Arizona mit sogenannten Killerbienen war das Makroteam vor Ort. Dort haben wir mit Mini-Helikoptern die Flüge gefilmt. Um Details im Stock filmen zu können, haben wir mikroskopische Objektive verwendet, wie sie auch bei Operationen zum Einsatz kommen.