Archivierter Artikel vom 18.11.2016, 17:10 Uhr

Der Knabberkeks und die Hexe

Er ist Paul, der Knabberkeks, und sie ist Paula, die Hexe. Eigentlich dürfte er gar nicht lebendig sein oder sich bewegen können. Denn er ist nur ein kleiner, gebackener, goldbrauner Keks aus Buttergebäck.

Paul selbst weiß nicht, wie er lebendig wurde. Vermutlich wurde er im Haushalt der Hexe gebacken, bevor ein Zauberspruch danebenging und ihn zum Leben erweckte. Woran sich Paul aber erinnern kann, ist die Zeit mit der Hexe.

Als er das erste Mal die Augen aufschlägt, steht sie über ihm und hat Tränen der Freude in den Augen. Die Hexe ist so fasziniert von ihrem lebendigen Keks, dass sie ihn unter einer Glasglocke auf die Fensterbank stellt, damit alle, die vorbeikommen, ihn bewundern können. Am Anfang winkt Paul noch zurück und freut sich über die Aufmerksamkeit. Er muss ja wirklich etwas Besonderes sein, wenn die Menschen „Schau mal, ein lebendiger Keks!“ oder „So was habe ich ja noch nie gesehen!“ rufen.

Doch der Keks ist damit nicht glücklich. Er langweilt sich, kann er sich doch nicht viel bewegen. Und wenn die Sonne in das Fenster scheint, wird ihm furchtbar heiß. Dafür hat die Hexe ihm einen kleinen Hut genäht, den er gern trägt. Die Leute, die vorbeikommen, klopfen mit dem Finger gegen das Glas und erschrecken ihn.

Doch am schlimmsten sind die Vögel, vor allem die Raben. Die setzen sich gern auf den Baum vor dem Fenster oder auf das Fensterbrett, um ihn zu beobachten. Sie hätten Paul gern angeknabbert, mögen sie doch Teig und Kekse sehr gern. In solchen Momenten ist der Knabberkeks dann wieder sehr froh, dass er unter der Glasglocke sicher ist.

Eines Tages, es ist ein stürmischer Morgen im Frühling, steht er wieder auf dem Fensterbrett. Paula ist gerade aus dem Wald mit einem Beutel voller unbekannter Kräuter zurückgekommen, die sie direkt für ein neues Rezept ausprobieren will. Sie singt und schnippelt vor sich hin, hält immer wieder kurz inne, um ihr Werk umzurühren. Knabberkeks Paul hat dabei kein gutes Gefühl. Denn meistens gehen solche spontanen Kochversuche schief.

Er hat schon oft versucht, sie davon abzubringen. Aber Paula antwortet dann immer: „Paul, wenn ich nicht spontan gezaubert hätte, wärst du jetzt gar nicht da. Und neue Rezepte kann man ja auch erst durch Ausprobieren herausfinden.“ Die Hexe Paula hat mittlerweile einen großen Kessel voll stinkenden Eintopfs gemacht. Wir müssen ehrlich sein, sie ist keine gute Hexe. Ihr selbst gekochtes Essen schüttet sie häufig weg, weil es ungenießbar ist.

Dann schimpft sie und rauft sich die schwarzen Haare. Meistens bekleckert sie sich bei ihren Kochversuchen auch noch so sehr, dass sie von oben bis unten dreckig ist. Und nicht selten kommt es zu kleinen Unfällen in der Küche. Dann explodiert mal der ganze Kessel, und der Inhalt verteilt sich im Raum an Wänden und Böden. Doch der Zauberspruch danach macht es auch nicht wirklich besser. Denn statt dass der verzauberte Lappen den Dreck aufwischt, wird der Dreck noch mehr verteilt.

Dann stemmt sie die Hände in die Hüften und murmelt Flüche vor sich hin, die niemand versteht. So auch heute. Die stinkende Flüssigkeit hat nach und nach eine ungesunde Farbe angenommen. Paula rührt und rührt mit dem schweren, großen Holzlöffel herum. Doch die Farbe und der Geruch wollen einfach nicht besser werden.

Plötzlich fängt der Kessel an zu wackeln und schwingt hin und her. Paula ist sehr überrascht und legt den großen Löffel beiseite. Vorsichtig geht sie mit dem Kopf näher über den Kessel. In diesem Moment macht es „Puff!“, und eine schwarze Rauchwolke steigt nach oben. Paulas ganzer Kopf, die Haare und Hände sind schwarz.

Was aber noch viel schlimmer ist, ist der Gestank, der sich in der ganzen Küche ausbreitet. Dabei entsteht ein Windstoß, der das Fenster zuschlägt. Paul spürt einen Ruck und stürzt mit dem Glas von der Fensterbank. Als er auf den Boden fällt, zerspringt das Glas in Hunderte kleiner Scherben. Zum Glück hat er sich nicht wehgetan. Lediglich eine seiner Knusperecken ist angeknackst.

Er richtet sich auf, schüttelt die kleinen Scherben von seinem Körper und setzt sich seinen roten Hut auf, den er beim Sturz verloren hat. Paul schaut sich um. Überall auf dem Boden ist die stinkende, klebrige, grüne Masse verteilt. Vor ihm türmt sich riesengroß der schwarze Kessel auf, in dem Paula wieder mal irgendetwas Unbekanntes gebraut hat. Vorsichtig geht er um den Kessel herum und passt auf, nicht aus Versehen in einen der grünen Stinkhaufen zu treten.

Doch Paula kann er nirgendwo sehen. „Wo ist sie hin?“, fragt er sich und sucht die Decke ab. Vielleicht ist sie durch den Windstoß dorthin geschleudert worden. Aber an der Decke befinden sich nur aufgehängte Kräuter zum Trocknen und Spinnenweben. Er entdeckt die alte Spinne, die schon seit Jahren in der Ecke hinter dem Ofen haust, und ruft: „Hast du Paula gesehen? Wo ist sie hin?“

Die Spinne lacht und antwortet kichernd mit hoher Stimme: „Kannst du es nicht sehen? Sie sitzt doch da hinten hinter dem Stuhl. Hihihi. So kann sie wenigstens nichts mehr kochen, das mir die Mücken von meinem Spinnennetz fern hält. Hihi.“ Die Spinne dreht sich auf ihrem Netz herum und beginnt, es zu vergrößern. Der kleine Knabberkeks ist irritiert, denn Paula ist viel größer als er. Warum sollte sie sich unter dem Stuhl verstecken? Das passt doch gar nicht. Aber dann erkennt er, warum die Spinne so lacht, und ist traurig. Paula sitzt weinend und schluchzend unter dem Küchenstuhl. Anscheinend der einzige Platz im Raum, der nicht von der grünen Masse bekleckert ist. Ihr kullern große Tränen über das Gesicht, und sie ist geschrumpft.

Gerade mal nur noch so groß wie Paul, der Keks. Schnell läuft Paul zu ihr hin und möchte sie trösten. Sie war ja immer nett zu ihm und hat ihm sogar für die Sonne einen schönen roten Hut genäht. Doch Paula ist wirklich sehr traurig. „Ach Paul“, schluchzt sie, „jetzt habe ich es richtig vermasselt. Hätte ich doch mal auf dich gehört. Jetzt kann ich nicht mal mehr normal in meinem Haus leben. Alles ist viel zu groß, und niemand sieht mich. Ich will nicht so klein sein.“ Paul setzt sich neben sie und legt den Arm um sie.

„Ach, Paula. Was ist denn so schlimm daran, klein zu sein? Du siehst doch viel mehr von der Welt, als wenn du groß bist. Zum Beispiel siehst du die ganzen kleinen Tiere viel besser und kannst dich an viel mehr Orten verstecken. Die Tiere haben keine Angst vor dir, weil du nicht mehr so groß bist, und vielleicht ist ein Fuchs oder ein Reh so nett und nimmt dich sogar auf dem Rücken mit. Das alles kannst du nur erleben, wenn du so klein bist wie ich.“

Die kleine Hexe seufzt und zieht sich ein großes, mit Flicken besticktes Taschentuch aus der Schürze. Dann schnäuzt sie herzhaft laut hinein und schaut Paul an. Paul streicht Paula über den Rücken und spricht weiter: „Und abgesehen davon ist es wahrscheinlich auch besser, wenn du nicht mehr an deinen Kessel kommst. Deine Rezepte und Suppen waren wirklich ungenießbar und widerlich.“ Dabei lächelt er Paula an. Da muss sogar die Hexe lachen.

„Das ist wahr, Paul“, stimmt sie ihm zu. „Ich hätte das Ganze wirklich sein lassen sollen. Ich kann es eben einfach nicht“, kichert sie und schnäuzt sich noch mal herzhaft in ihr Taschentuch. Doch dann schaut sie traurig auf und fragt den Keks: „Aber was sollen wir denn jetzt machen? Die anderen lachen mich aus, wenn sie herausfinden, dass ich mich selbst aus Versehen geschrumpft habe. Und hier wohnen kann ich ja auch nicht mehr.“

Doch der Knabberkeks hat schon eine gute Idee. Er springt auf und rennt zurück zu seinem Fenster. Paula schaut ihm interessiert hinterher. Sie weiß nicht, was er vorhat. Kurze Zeit später ist er wieder da, hat Stoff, Nadel und Faden besorgt. Aufgeregt hüpft er vor ihr auf und ab. „Wir nähen uns jetzt Taschen und Rucksäcke, und dann erkunden wir die Welt. Schon viel zu lange sitze ich auf der Fensterbank und schaue dabei zu, wie die Welt sich verändert.“

Hexe Paula überlegt kurz und nimmt dem Keks die Sachen aus der Hand. „Einverstanden. Wir erkunden die Welt gemeinsam. So klein, wie wir sind, so groß wird die Welt sein. Ich bin froh, dass du mein Freund bist, auch wenn ich dich die ganze Zeit in das Glas gesperrt habe“, spricht Paula nachdenklich und beginnt, aus dem Stoff für sich und Paul kleine handliche Taschen zu nähen.

Paul lacht: „So konnten mich die gefräßigen Raben wenigstens nicht vernaschen. Und es war doch immer lustig bei dir.“ Er beginnt, Lebensmittel und Decken für ihre Reise zusammenzusuchen. Als Decke nimmt er ein kleines Küchentuch mit, das hat nun die richtige Größe. Um beide vor Regen zu schützen, holt er einen alten verbogenen Löffel. Aus einem Faden und einem Holzspan baut er sich eine winzige Angel.

Nach kurzer Zeit ist auch Hexe Paula mit den beiden Rucksäcken fertig. Schön sind sie geworden. Und alles, was der Keks zusammengesucht hat, passt hinein. Gemeinsam quetschen sie sich durch einen Spalt an der Tür, denn diese können sie nicht mehr aufmachen. Dafür sind beide zu klein. Als sie das Haus verlassen, hören sie noch die Spinne lachen. Doch das ist ihnen egal.

Sie freuen sich nun darauf, die Welt zu erkunden. Gemeinsam, Hand in Hand. Und auch, wenn beide nicht unterschiedlicher sein könnten, haben sie doch eines gemeinsam: Zusammen haben die beiden Kleinen ein großes Ziel – die Welt zu entdecken.

Nadine Laux aus Heilberscheid hat die 
Geschichte (ab 5 Jahren) für ihren Sohn geschrieben.