Der Familienstromer – Fahrbericht: Renault Scenic E-Tech

Von Peter Maahn, SP-X
Renault elektrifiziert den Scénic
Renault elektrifiziert den Scénic Foto: Renault

Renault zündet den Elektroturbo und bringt nach dem Megane E-Tech ein zweites, größeres E-Auto an den Start. Der neue Scenic E-Tech setzt auf die Strahlkraft seines bekannten Namens, der vor allem bei Familien einen guten Klang hat.

Lesezeit: 4 Minuten
Anzeige

SP-X/Malaga. Klar kennen wir diesen Namen. Seit 1996 bis ins letzte Jahr hinein wurde der kompakte Familien-Van Scenic gut fünf Millionen Mal gebaut, gehört zu den bekanntesten Renault-Modellen und gründete eine neue Fahrzeugklasse. Das Konzept eines recht stadttauglichen und geräumigen Fünfsitzers mit höherer Sitzposition als in normalen Limousinen wurde vielfach kopiert. Zum Beispiel von VW mit dem Touran oder vom Opel Zafira. Für den mit Verbrennermotor angetriebenen Scenic, der im Laufe seiner Jahre deutlich gewachsen war, schlug 2023 sein letztes Stündchen. Dabei war seine Wiedergeburt schon im Anflug.

Renault elektrifiziert den Scénic
Renault elektrifiziert den Scénic
Foto: Renault

Natürlich ist der neue, mindestens 41.400 Euro teure Scenic ein Elektroauto und hat mit seinem Vorgänger bis auf die Außenmaße nichts mehr gemein. Seine Optik gleicht sich der des kleineren Bruders Megane E-Tech ebenso wie manchen Stromer der inzwischen zahlreichen Rivalen aus aller Welt. Da werden typische Merkmale eines SUV mit Elementen von Limousinen mit flacher Windschutzscheibe oder langgestreckten Fensterflächen kombiniert. Durchaus ansehnlich und modern der aus vielen kleinen Rhomben zusammengesetzte Kühlergrill oder das Tagfahrlicht, das einen halben Rhombus nachzeichnet. Auch die in einem Spoiler endende sportive Dachlinie macht einiges her.

Die 87-kWh-Batterie, mit der man 625 Kilometer weit kommt, steht mit 48.900 Euro in der Preisliste
Die 87-kWh-Batterie, mit der man 625 Kilometer weit kommt, steht mit 48.900 Euro in der Preisliste
Foto: Renault

Im Innenraum dominiert auch bei Renault ein hochkant stehender 12-Zoll-Monitor, der neben zahlreichen Touchfunktionen auch noch Drucktasten bietet, zum Beispiel für die Heizscheibe oder die Klimaanlage. Diese Schaltzentrale ist verheiratet mit dem ebenfalls volldigitalen 12,3-Zoll-Kombiinstrument vor dem Fahrer. So sehen Autos heute aus. Die Klassik-Fans analoger Rundinstrumente müssen stark sein.

Gut 40.000 Euro werden mindestens fällig
Gut 40.000 Euro werden mindestens fällig
Foto: Renault

Vor dem Start zur ersten Rundfahrt durch den andalusischen Frühling scheitert der Versuch, sich in die zahllosen Funktionen mal kurz einzulesen. Technik und Wirkung der mehr als 30 Assistenzsysteme erschließen sich erst nach Kilometern. Alles, was der klassischen Bedienung eines E-Autos dient, ist schnell erklärt und auch schon vom Megane E-Tech her bekannt. Der Startknopf rechts an der Lenksäule entflammt die zahlreichen Lämpchen und Anzeigen in den beiden Bildschirmen. Per Lenkstockhebel die Fahrtrichtung „D“ für „vorwärts“ wählen. Das war´s dann schon.

Die Beschleunigung wurde von den Ingenieuren zwar sanfter ausgelegt als anderswo üblich, liefert aber weiterhin das über
Die Beschleunigung wurde von den Ingenieuren zwar sanfter ausgelegt als anderswo üblich, liefert aber weiterhin das überlegene Lautlos-Erlebnis
Foto: Renault

Der Umgang mit dem neuen serienmäßigen Beifahrer namens Google will geübt sein, will man die verschiedenen Strategien erleben, um eine Reise von einer Ladestation zur nächsten so zu planen. Hilfreich ist, dass der Akku bereits auf dem Weg dorthin vorgeheizt wird, um dann schneller und effizienter geladen zu werden.

Im Kofferraum ist Platz für zwei weitere Sitze
Im Kofferraum ist Platz für zwei weitere Sitze
Foto: Renault

Schnell fällt auf, dass der Scenic heller und vernehmlicher singt als andere Stromer. Kein Wunder, lud doch Elektromusik-Ikone Jean-Michel Jarre ins Tonstudio, um fünf „Melodien“ zu kreieren. Die wichtigste ist sicher das Warngeräusch für leichtsinnige Fußgänger. Wenn der eigene Geschmack nicht getroffen wird, lässt sich das alles ausschalten. Nicht komponiert werden musste jener allgegenwärtige U-Bahn-Gesang beim Beschleunigen oder Rekuperations-Verzögerung. Keine Sorge, man gewöhnt sich daran. Im Gegensatz dazu fällt es schwer, sich mit dem neuen elektronischen Innenspiegel anzufreunden. Er liefert per Heckkamera zwar ein gestochen scharfes farbiges Bild des Geschehens hinter dem Scenic, neigt aber zu verwirrenden Sonnenlicht- und Schattenspielen, die auf den Monitor gespiegelt werden. Dann schaltet man also schnell wieder per kleinem Hebel zurück in die vertraute analoge Spiegelansicht, die auch die Korrektur des Lippenstifts wieder erlaubt.

Das Cockpit wird von einem großen Touchscreen dominiert
Das Cockpit wird von einem großen Touchscreen dominiert
Foto: Renault

Nicht überraschend ist die Wucht, mit der der 160 kW/218 PS-Elektromotor lostobt. Die Beschleunigung wurde von den Ingenieuren zwar sanfter ausgelegt als anderswo üblich, liefert aber weiterhin das überlegene Lautlos-Erlebnis, das die Fans dieser Autos nun mal so lieben. Die Lenkung wird Liebhaber der puren Direktheit vielleicht enttäuschen, wer leichtgängigen Komfort bevorzugt, sitzt hier richtig. Herantasten mit dem Fußballen ist beim Bremsen gefragt. Bei leichtem Druck passiert wenig, bis die Scheiben dann kraftvoll zubeißen. Auch hier hilft etwas Übung. Unterm Strich also schlicht ein gutes Auto, mit viel Wohlfühl-Power und überragendem Raumgefühl auf allen Sitzen. Ein waschechtes Familienauto.

Neu im Scenic ist ein fast wagenlanges Panorama-Glasdach, das zwar nicht geöffnet werden kann, aber viel Licht ins Auto
Neu im Scenic ist ein fast wagenlanges Panorama-Glasdach, das zwar nicht geöffnet werden kann, aber viel Licht ins Auto bringt
Foto: Renault

Das gilt auch für den Gepäck-Platz. Mit 545 Litern im Fünf-Personen-Betrieb bietet er SUV-Maße, als Helfer beim Möbeleinkauf transportiert er mit umgelegten Rücklehnen sogar 1.670 Liter, auch wenn die Regalbretter dann auf einer deutlichen Stufe gelagert werden müssen. Neu im Scenic ist ein fast wagenlanges Panorama-Glasdach, das zwar nicht geöffnet werden kann, aber viel Licht ins Auto bringt. Um auf eine Jalousie verzichten zu können, die die Kopffreiheit mindert, wird die Transparenz des Glases elektrisch per Schalter verändert. Die Neuheit kostet jedoch 1.500 Euro Aufpreis.

Apropos Preise: Bei den ersten Testfahrten suchte man die Scenic-Varianten mit dem kleineren 60-kWh-Akku vergeblich. Die liefert den Strom für das Einstiegsmodell mit Namen Evolution, kostet 41.400 Euro oder mit besserer Ausstattung 43.900 Euro, und ist für 430 Kilometer Reichweite gut. Die 87-kWh-Batterie, mit der man 625 Kilometer weit kommt, steht mit 48.900 Euro in der Preisliste und reiht sich so in das handelsübliche Niveau vieler Langläufer auch der Konkurrenz ein. Für die Top-Modelle mit Komplettausstattung sind dann weitere rund 1.800 bis 2.300 Euro fällig. Doch wer kauft schon ein E-Auto? Gut 80 Prozent werden geleast. An der Höhe der Raten mit und ohne Anzahlung wird sich der Erfolg des recht überzeugenden Renault Scenic-E-Tech also erweisen müssen.

Renault Scenic E-Tech 220 Long Range – technische Daten

Elektrische Limousine der Kompaktklasse mit fünf Sitzen; Länge: 4.47 m, Breite: 1,86 m, inkl. Außenspiegel 2,09 m, Höhe: 1,57 Meter. Radstand: 2,79 m, Kofferraum-Volumen: 545 – 1.670 Liter.

Elektromotor mit 160 kW/218 PS, maximales Drehmoment 300 Nm, Batterie: 87 kWh, Reichweite: 625 km, Ladeleistung: 11 – 22 kW (Wechselstrom) 130 – 150 kW (Gleichstrom). Ladedauer: 9.00 h (Wallbox 11 kW), 27h30 (Haushaltssteckdose), 37 min (DC-Schnellladesäule 130 kW), Frontantrieb, 0 – 100 km/h 7,9 sec. Vmax: 170 km/h, Stromverbrauch (WLTP): 16,8 kWh/100 km, CO2-Emission: 0 g/km,

Preis: ab 48.900 Euro

Renault Scenic E-Tech 170 Comfort Range

Elektromotor mit 125 kW/170 PS, maximales Drehmoment 280 Nm, Batterie: 60 kWh, Reichweite: 430 km, Ladeleistung: 11 – 22 kW (Wechselstrom) 130 kW (Gleichstrom). Ladedauer (0-100 %) 6h30 h (Wallbox 11 kW), 18h (Haushaltssteckdose), 32 min (130 kW-Schnellladesäule von 10 – 80 %), Frontantrieb, 0 – 100 km/h 8,6 sec. Vmax: 150 km/h, Stromverbrauch (WLTP): 16,3 kWh/100 km, CO2-Emission: 0 g/km,

Preis: ab 41.400 Euro.

Kurzcharakteristik:

Warum: Weil der europäische Elektro-Pionier sein bisher bestes Stück geliefert hat

Warum nicht: Weil über 41.000 Euro und mehr nicht zum Kauf einladen und man lieber auf attraktive Leasing Raten wartet

Was sonst: VW ID 4, Peugeot E-2008, MG 4 X Power, Audi Q4 e-tron und viele andere

Wann: ab Juni im Handel

Peter Maahn/SP-X