Archivierter Artikel vom 08.11.2011, 15:25 Uhr
Frankfurt/Main

Der Basta-Präsident: Zwanzigers DFB kriselt weiter

Für Basta-Präsident Theo Zwanziger ist auch nach der Demontage seines unbequemen Vize Rainer Koch die tiefe Krise des Deutschen Fußball-Bunds nicht ausgestanden.

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Mann der Worte
DFB-Präsident Theo Zwanziger besitzt große rhetorische Fähigkeiten.
Foto: Fredrik von Erichsen – DPA

Die Zweifel am Konfliktmanagement des Machtmenschen Zwanziger wachsen, das öffentliche Vertrauen in die Verbandsspitze ist angekratzt. Die völlig verfahrene Daueraffäre um den ehemaligen Schiedsrichter-Boss Manfred Amerell und der drohende Steuerskandal um eine Reihe von Top-Referees lassen den DFB einen heißen Herbst befürchten.

Dazu wirft auch die Rolle des als Vermittler engagierten Bischofs Wolfgang Huber mehr Fragen auf als dem DFB lieb sein kann. Über das Krisentreffen mit Zwanziger und Koch in Frankfurt und seine Rolle dabei wollte sich Bischof Huber am Dienstag zunächst nicht äußern. «Das Verfahren liegt beim DFB und es ist vereinbart, dass der DFB die Kommunikationshoheit hat», sagte ein Sprecher Hubers. Kurz darauf erklärte der Verband das Mediationsverfahren für beendet, bevor es überhaupt richtig angefangen hat.

Doch damit nicht genug, wenig später ging das Hickhack weiter: «Nach den indiskutablen Machtspielen in der DFB-Spitze erklärt sich Manfred Amerell unter Zurückstellung erheblicher Bedenken zur Herbeiführung einer gütlichen Einigung nochmals bereit, einem Mediationsverfahren beizutreten», ließ Amerell am Dienstag über seinen Anwalt mitteilen. Der Augsburger bat den Berliner Rechtsanwalt Michael Plassmann, ein neues Verfahren einzuleiten. Der DFB äußerte sich zu dem neuen Angebot am Dienstagabend zunächst nicht.

Nach der «einvernehmlichen» Degradierung seines Vizepräsidenten Koch will sich nun also der 66 Jahre alte Zwanziger wieder einmal als alleiniger Kommunikator und Konfliktlöser betätigen. Fatale Folgen drohen seinem Verband schon bald durch die von Amerell ins Rollen gebrachten Ermittlungen gegen rund 70 Unparteiische wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung.

Dabei hatte Zwanziger unmittelbar nach Bekanntwerden des Falles noch gesagt: «Ich gehe davon aus, dass bei den allermeisten Fällen eher wenig oder überhaupt nichts herauskommen wird. Im Moment belastet mich dieser Sachverhalt weniger.»

Noch haben sich allerdings nur wenige ausgemalt, wie der Bundesliga-Betrieb fortgesetzt werden soll, falls sich die Vorwürfe bewahrheiten und der Verband einen Teil seiner Spitzenschiedsrichter zurückziehen muss. Personelle Konsequenzen hätte dies auf jeden Fall. Und es könnte dem Fußball einen ähnlichen Schlag versetzen wie der Manipulationsskandal um den Referee Robert Hoyzer.

Schon damals hatte sich Zwanziger als Krisenmanager bewähren müssen, danach geriet der Jurist aus Altendiez einige Male ungewollt in die Defensive: vor allem bei der geplatzten Vertragsverlängerung mit Bundestrainer Joachim Löw und Manager Oliver Bierhoff («Rückwirkend habe ich damals vielleicht zwei Fehler gemacht»), aber auch bei der Aufarbeitung der anfangs völlig unterschätzten Affäre Manfred Amerell/Michael Kempter. Bei seinem Einzug in das Exekutivkomitee des skandalgeplagten Weltverbandes kritisierten ihn vor allem die Vertreter des FC Bayern München für seine vorbehaltlose Unterstützung des umstrittenen FIFA-Präsidenten Joseph Blatter.

Zwanziger, seit 2004 zusammen mit Gerhard Mayer-Vorfelder und seit 2006 alleiniger Verbandschef, hatte zwar im vergangenen Jahr über eine «gewisse Amtsmüdigkeit» geklagt. Doch inzwischen plant der DFB-Präsident bis 2015, mit 70 sei dann aber «definitiv Schluss».

Zu sehr liebt er auch die medial wirksamen Auftritte. Spätestens seit seiner im Fernsehen übertragenen Rede bei der Trauerfeier für den Nationaltorwart Robert Enke weiß halb Deutschland von seinen rhetorischen Fähigkeiten. Bei der Frauenfußball-WM war Zwanziger nach dem frühen Ausscheiden der deutschen Auswahl einer der ersten auf dem Rasen, der versuchte, die Tränen zu trocknen.

Im Männergeschäft Fußball lässt der Vater zweier Söhne auch die Frauen nicht im Abseits stehen: Zwanziger schäkerte bei «Tatort»-Dreharbeiten mit Ulrike Folkerts, vereinnahmte die Grünen-Chefin Claudia Roth und andere prominente Ladies für die Frauen-WM und ist großer Fan von Turbine Potsdam.

Doch bei Amerell, der den DFB «weiter am Nasenring durch die Arena führt» («Frankfurter Rundschau»), gibt es keinen Schmusekurs. Zwanziger möchte das Dauerproblem natürlich lösen – aber selbst.

Als nun sein Stellvertreter Koch vorpreschte und ein Mediationsverfahren zusammen mit Bischof Huber in Gang bringen wollte, um Amerell endlich zu besänftigen, empörte sich Zwanziger über dessen Alleingang. Koch musste sich via DFB-Pressemitteilung «entschuldigen». Der Jurist hatte sich gerade als neuer Präsident des Süddeutschen Fußball-Verbandes (SFV) eine Hausmacht geschaffen – beim DFB hat Zwanziger ihn erst einmal kaltgestellt. Statt für Rechtsfragen ist der Jurist nun für den Breitensport zuständig.

«Ein schwarzer Montag», schrieb die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» nach Zwanzigers Schwertschlag, der auch alle Bemühungen, Amerell Einhalt zu gebieten, zertrümmerte. Zwanzigers Intimfeind spricht von einem «fragwürdigen demokratischen Grundverständnis innerhalb des weltgrößten Sportfachverbandes». Es bestehe keine Gesprächsbereitschaft mehr. Am 7. Dezember geht es in der Sex-Affäre zwischen Amerell und seinem einstigen Schützling Michael Kempter in die Berufungsverhandlung vor dem Oberlandesgericht Stuttgart.

Zwanziger rechnet damit, dass der einstige DFB-Funktionär Amerell weitere unliebsame Dinge der Öffentlichkeit präsentiert. «Nach allem, was bislang geschehen ist, kann ich das beim besten Willen nicht ausschließen.»

Infos auf DFB-Homepage