Archivierter Artikel vom 21.07.2011, 08:56 Uhr
Berlin

Den Gienger-Salto turnt er auch noch mit 60

Er trägt den Ehrenorden «Goldener Winzer», er stürmt für den FC Bundestag, und er segelt gern aus luftigen Höhen mit dem Fallschirm herab. Doch die große Liebe von Eberhard Gienger bleibt der Turnsport.

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Jubilar
Turn-Legende Eberhard Gienger kann's auch im Anzug!
Foto: DPA

«Einmal in der Woche gehe ich an die Geräte. Und den Gienger-Salto will ich auch mit 60 noch turnen», kündigte der prominenteste deutsche Turner der Vergangenheit an, der am Donnerstag seinen 60. Geburtstag feiert.

Warum er sich das antut? «Der sportliche Ehrgeiz hat nicht nachgelassen. Ich glaube, es gibt keinen Älteren, der ihn noch turnt», meinte der frühere Reck-Weltmeister, der mit dem von ihm kreierten gebückten Salto rückwärts mit halber Drehung in die Turn-Geschichte einging.

Den Recktitel 1974 in Varna will er nicht als alleiniges Highlight seiner Karriere geltenlassen. «Der dritte Platz 1976 bei Olympia und der vierte WM-Platz im Mehrkampf 1978 stehen auf derselben Stufe», sagte der zweimalige «Sportler des Jahres», der mit 36 Titeln noch immer der deutsche Rekordmeister ist. Mit seinen drei EM-Titeln wurde er indes längst von seinem Nachfolger Fabian Hambüchen überflügelt.

Schwerer fällt es Gienger, der in seiner schwäbischen Heimat im engsten Familienkreis sein Jubiläum begeht, Erfolge seiner politischen Karriere zu benennen. «Das Größte ist eigentlich, dass ich es überhaupt geschafft habe. Denn früher hatte ich von Politik relativ wenig Ahnung.» Erst 2001 trat er in die CDU ein und erkämpfte schon ein Jahr später nicht zuletzt dank seiner Popularität das Direktmandat im Wahlkreis Neckar-Zaber. «Es ist nicht so einfach, am ganz großen Rad zu drehen. Aber wenn man in seinem Wahlkreis bei viele kleinen Dingen erfolgreich ist, motiviert das schon ungemein.»

Auch im Sportausschuss des Bundestages konnte einiges bewirkt werden. «Als vor Peking 2008 wegen der Menschenrechtsproblematik und der Tibet-Frage der Olympia-Start der Deutschen auf der Kippe stand, haben sich die Sportpolitiker einhellig für die Teilnahme positioniert. Es hatte sich unter Sportlern schon eine gehörige Unsicherheit breitgemacht», erinnerte sich Gienger.

Mit Rückschläge seiner sportlichen und beruflichen Laufbahn möchte sich Gienger nicht mehr beschäftigen. «Es gab eine ganze Reihe davon. Aber das ganze Leben ist ein Lernprozess. Deshalb würde ich alles wieder so machen, denn sonst hätte ich ja nichts lernen können.» Das bezieht er auch auf seine Aussagen in einem Zeitungsinterview, in dem er vor fünf Jahren eingeräumt hatte, während der aktiven Laufbahn nach einer Operation Anabolika gegen Muskelschwund genommen zu haben.

«Die Präparate standen damals nicht auf der Liste der verbotenen Mittel, deshalb war nichts Verwerfliches dabei und ich stehe dazu», verteidigte sich Gienger. Nur im Umgang zu einigen Medienvertretern sei er jetzt etwas zurückhaltender, fügte er hinzu.

Neben dem Turnen pflegt der Vater von drei Söhnen noch ein anderes Hobby. Mit dem Fallschirm sprang er schon am Nordpol oder über riesigen Wasserfällen ab oder «flog» vom Berliner Fernsehturm. Über 4450 mal segelte Gienger auf diese Weise durch die Lüfte. Im Jahr 2000 zog er sich Verletzungen zu, als sein Schirm von einer Windböe erfasst wurde und er aus zehn Meter ungebremst auf dem Boden stürzte.

Zwanzig Jahre war Gienger persönliches Mitglied im deutschen NOK, übte zahlreiche Funktionen im Deutschen Turnerbund (DTB) aus, ehe er zum Vizepräsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gewählt wurde. Ein Job, der nicht unumstritten war. «Als Sportpolitiker saß ich da manchmal zwischen zwei Stühlen», räumte er ein, schied im Dezember 2010 wieder aus diesem Amt. Eine neuerliche Mitarbeit in der DTB-Spitze will Gienger aber nicht ausschließen.

Die ersten sechs Jahrzehnte resümierte er rückblickend: «Ich halte es mit von Zarathustra, der sagte: 'Suche Dir einen Beruf, der Spaß macht, dann brauchst Du nie wieder zu arbeiten.' Ich musste mich nie quälen, hatte immer Spaß: Im Sport, im Beruf, in der Politik.»