Archivierter Artikel vom 04.12.2011, 20:35 Uhr
Berlin

Das große Beben nach dem Rücktritt von Havelange

Joao Havelanges erzwungener IOC-Rücktritt ist die erste Welle eines sportpolitischen Erdbebens. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) drängte seinen 95 Jahre alten Doyen zu einem schmachvollen Abschied, das Machtgefüge im internationalen Fußball wankt.

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Rücktritt
Joao Havelange war seit 1963 IOC-Mitglied.
Foto: Alessandro Della Bella – DPA

Als weitere Konsequenz des ISL-Bestechungsskandals sollen nach dpa-Informationen noch in dieser Woche mildere Sanktionen gegen den Präsidenten des afrikanischen Fußballverbandes, Issa Hayatou, und den Chef des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, Lamine Diack, folgen.

In der kommenden Woche könnte es Havelanges umstrittenen Ex-Schwiegersohn Ricardo Teixeira, langjähriges Mitglied der FIFA-Exekutive und Chef des Organisationskomitees für die Fußball-WM 2014, erwischen. Die Exekutive des Fußball-Weltverbandes (FIFA) will auf ihrer Sitzung in Tokio die hochbrisanten ISL-Akten veröffentlichen – und müsste dann auch den Fall Havelange bewerten. Gibt der vielleicht sogar sein Amt als FIFA-Ehrenpräsident zurück?

«Melancholisches Ende» schrieb der «Estado de São Paulo» über den Abgang des ehemaligen FIFA-Präsidenten, der den Fußball-Weltverband während seiner Amtszeit von 1974 bis 1998 zu einem florierenden Milliardenkonzern gemacht hatte. «Mit der Rücktrittsbitte hat Havelange das Schlimmste verhindert: Befleckt zu sein durch eine öffentliche Feststellung der Korruption in den Jahren seines FIFA-Kommandos.» Der Brasilianer kam mit seinem Rückzug aus gesundheitlichen Gründen einer geplanten Anhörung vor der IOC-Ethikkommission und dem drohenden Rauswurf aus der Ringe-Organisation zuvor. Auch die Ergebnisse der Untersuchungen gegen ihn werden nun nicht veröffentlicht.

Havelange und Teixeira, Chef des brasilianischen Verbandes und des Organisationskomitees für die WM 2014 in Brasilien, sollen nach BBC-Informationen über Tarnfirmen Millionen von der 2001 in Insolvenz gegangenen Sportvermarktungsagentur ISL kassiert haben. Beide wiesen bisher die Vorwürfe zurück. Die ISL soll jahrelang einflussreiche Vertreter aus dem IOC, der FIFA und anderen internationalen Verbänden bestochen und als Gegenleistung lukrative TV- und Marketingverträge zugeschanzt bekommen haben. Durch Kickback-Geschäfte bereicherten sich die Funktionäre demnach um Millionen.

Im vergangenen Sommer hatte die Staatsanwaltschaft im schweizerischen Zug, dem einstigen Sitz des Firmenkonglomerats, ihre Ermittlungen eingestellt und das Verfahren für beendet erklärt. Gegen eine einmalige Zahlung der FIFA in Höhe von 5,5 Millionen Schweizer Franken blieben die Namen der bestechlichen Funktionäre geheim.

Als die BBC die Namen der Funktionäre veröffentlichte, die auf der Liste stehen sollen, nahm die Ethikkommission des IOC ihre Ermittlungen auf. Auf Amtshilfe von der FIFA konnten die Olympier dabei nicht bauen. Im Gegenteil: Die Organisation von FIFA-Boss Joseph Blatter soll die Aufklärungen eher blockiert und gebremst haben. Nach Auswertung der Gerichtsdokumente kam die IOC-Ethikkommission in die Verlegenheit, ausgerechnet den Ausschluss ihres dienstältesten Mitglieds empfehlen zu müssen. Havelange war seit 1963 im IOC und der letzte Funktionär mit einer Mitgliedschaft auf Lebenszeit.

In drei Jahren will er in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro im Fußball-Tempel Maracanã den sechsten WM-Titel Brasiliens feiern. «Ich hoffe, ich bin 2014 und 2016 noch da, um die WM und die Olympischen Spiele in meinen Land zu sehen», hatte er vor seinem 95. Geburtstag im vergangenen Mai gesagt. 2016 wäre Havelange 100 Jahre alt, die Eröffnungsfeier der Sommerspiele 2016 findet im Joao-Havelange-Stadion statt.

Jahrelang wurde das Wissen um Havelanges umstrittenes Geschäftsgebahren vom IOC und von der FIFA unter der Decke gehalten. Jetzt drohten Verfehlungen publik zu werden. Der Rückzug von Havelange sollte den Schaden für alle Beteiligten möglichst gering halten. Blatter kommt der Schritt seines Vorgängers gelegen. Havelange, der als Architekt das Fundament für Blatters Machtsystem legte, könnte vom Schweizer für die Altlasten der FIFA verantwortlich gemacht werden – Vergangenheitsbewältigung à la Blatter. Auf jeden Fall gerät die FIFA in Erklärungsnot. Havelange, einer der höchstdekorierten Sportfunktionäre der Welt, verlässt die große Bühne in Schande.

Weitere könnten zeitnah folgen. In der FIFA-Exekutive sehen sich neben Hayatou und Teixeira auch Julio Grondona (Argentinien), Nicolas Leoz (Paraguay), Chuck Blazer (USA) und Worawi Makudi (Thailand) mit Bestechungsvorwürfen konfrontiert. Alle haben die Anschuldigungen stets entschieden zurückgewiesen. Seit der umstrittenen Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katar hat sich die Zusammensetzung der FIFA-Regierung bereits gewaltig verändert. Drei Funktionäre wurden ausgeschlossen – Mohamed bin Hammam (Katar), Amos Adamu (Nigeria) und Reynald Temari (Tahiti). Der ehemalige FIFA-Vize Jack Warner kam einer Suspendierung durch seinen Rücktritt zuvor.