Archivierter Artikel vom 06.07.2010, 16:36 Uhr
Paris

Couture kommt mit Kraft, aber ohne Karacho

Krachen lassen es die Pariser Haute-Couture-Schauen (5. bis 8. Juli) bisher nicht. Statt des üblichen Gedrängels in überhitzter Atmosphäre geht es diesmal eher klein und fein zu. Dafür zeigten Dior und Armani tolle Entwürfe.

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Willkommen im Mode-Garten: Die Haute-Couture-Show von Dior gehört zu den Höhepunkten der Pariser Schauen. (Bild: dpa)

Die Haute Couture holt Luft. Passend zu der Brise, die den Besuchern des wohl exklusivsten Modespektakels der Welt die Julitage in Paris erleichtert, erscheinen auch die Schauen der «Hohen Schneiderkunst» für Herbst/Winter 2010/11 frisch, leichthändig inszeniert und voll verborgener Kraft. Zwar zeigen die meisten in eher überschaubaren Locations, und es fehlt das übliche Gedrängel. Doch scheinen die Verkäufe der Couture wieder anzuziehen. Und darauf kommt es gerade in diesem kleinen feinen Segment an, das auf Frauen angewiesen ist, die für handgearbeitete, maßgeschneiderte Kleider fünf- oder gar sechsstelligen Summen ausgeben.

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Wenn es nach Dior geht, verwandeln sich Herbst und Winter 2010/11 in ein farbenprächtiges Blumenmeer. (Bild: dpa)

«Die Prozentzahl der Kundinnen, die zur Schau kommen, variiert zwischen 30 und 40 Prozent», sagte der Designer Elie Saab kürzlich dem Fachblatt «Women's Wear Daily». Vielen sei es unangenehm, wenn sie in einer Modenschau gesehen würden. Der Libanese, der ebenfalls seine Couture-Entwürfe in Paris präsentiert, gilt als heimlicher Star der Branche. Auch andere Häuser wie Dior, Chanel oder Armani gaben an, dass ihre Verkaufszahlen bei der Couture nach oben gehen. Aber eben hinter verschlossenen Türen – die individuelle und diskrete Betreuung werde immer wichtiger.

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Designer John Galliano huldigt mit dieser Winterkollektion dem Gründer des Luxuslabels Christian Dior. Der Modeschöpfer brachte 1953 die berühmte Tulpenlinie auf den Laufsteg. (Bild: dpa)

Da war es dann doch ganz schön, dass es bei Armani einen beachtlichen Auflauf aus Schauspielerinnen, Presse und superreichen Kundinnen gab. Charlene Wittstock, sonst häufiger Gast, war jedoch nicht dabei. Lässig und dennoch elegant wirkten die Entwürfe. Überlange Schlaghosen, soft modellierte Jacken mit betonten Schultern, über dem Knie endende Röcke mit schwingendem Godetsaum und Kleider mit Wickeleffekten umflossen schmeichelnd die Körper der Models. Letztere erinnerten mit ihren offenen und dennoch perfekt frisierten langen Blondhaaren an die Beauties der 70er-Jahre wie Faye Dunaway, Veruschka oder Jerry Hall. Sanft schimmerte die Farbpalette: Tabakbraun, Beige, Camel, Schokolade, Camel und Rosenholz.

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Ein Hauch von Exotik: Bei diesem Rock ließ Galliano die Stofflagen mit Orchideenmotiven bemalen. (Bild: dpa)

John Galliano entpuppte sich in einer großartigen Schau für Dior als Gartenfan. Alles schien sich um das wundersame Naturphänomen der Anpassung zu drehen, hier als Nachahmung von Blüten durch Kleider. Das Defilee in einem Zelt im rosenberankten Park des Rodin-Museums stellte eine Hommage an die weltberühmte Tulpenlinie dar, die Christian Dior 1953 lanciert hatte. Galliano interpretierte sie futuristisch und romantisch zugleich. Die Röcke glichen Blütenkelchen, mal weiß und fedrig wie bei Nelken, mal spitz zulaufend wie bei Papageientulpen, oder sich zu opulenten, wie Blütenblätter übereinander geschichteten Stofflagen weitend mit handgemalten Orchideenmotiven.

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Erinnerungen an die Tulpenlinie: Die Röcke der Dior-Kollektion gleichen verschiedenen Blütenkelchen. (Bild: dpa)

Krokusgleiche Mäntel aus lilafarbenem Mohair setzten einen modernen Kontrast zu schmalen Oberteilen mit spitzem Rückenausschnitt im Stil der 50er-Jahre. Ein Entwurf in einer seltsam amorphen Struktur wirkte wie aus welken Blütenblättern konstruiert. Damit es nicht gar zu adrett wirkte, brach Galliano das Ganze, indem er den Models Folie um die Köpfe wickelte wie bei eingepackten Blumensträußen. Atemberaubend war die Farbpalette: Feuerorange, Leuchtendgelb, Knalltürkis, Flieder oder Lindgrün. Dem beeindruckend schönen Defilee entsprechend versammelte Galliano einige sehr gutaussehende junge Schauspielerinnen in der ersten Reihe: die Amerikanerinnen Jessica Alba, Blake Lively und die mindestens ebenso schönen Französinnen Roxane Mesquida und Nora Arnezeder.

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Ein Geschenk für Meister Dior: Die Köpfe der Models sind in Folie eingewickelt, wie bei eingepackten Blumensträußen. (Bild: dpa)

Ganz intim ging es dagegen bei Adeline André zu. Die Couturière demonstrierte live in einer Galerie die Kunst des Ankleidens. Dabei wurden den Mannequins Hemdkleidchen und Stoffschläuche mit Trägern aus Seidenorganza oder -Georgette sorgsam angepasst und wieder ausgezogen. So entstanden nur scheinbar schlichte Gewänder, aus Stufen in wunderschönen Farbverläufen zusammengesetzt, und dank ihres kunstvollen Schrägschnitts den Körper umfließend. Leise war diese Präsentation, fein und irgendwie frisch, ganz im Geist dieser Schauen.

Pariser Modeschauen: www.modeaparis.com