Archivierter Artikel vom 31.10.2012, 08:30 Uhr
Koblenz

Chaos in Koblenzer Bussen: Fahrgäste schlagen Alarm

Überfüllte Busse, genervte Fahrgäste und dauergestresste Busfahrer: Das Koblenzer Bussystem platzt aus allen Nähten. Vor allem seit dem Semesterbeginn hat sich die Situation noch einmal verschärft. Leidtragende sind nicht nur die Studenten selbst, sondern alle, die mit dem Bus pünktlich zur Arbeit, zur Vorlesung oder in die Schule müssen. Eine Lösung ist kaum in Sicht.

Gewohntes Bild an Koblenzer Bushaltestellen: Wer noch einen Platz in einer der überlasteten Linien erhaschen möchte, muss die Ellbogen ausfahren – an den Einstiegstüren herrscht ein dichtes Gedrängel, wer zu weit hinten steht, wird unter Umständen stehen gelassen.
Gewohntes Bild an Koblenzer Bushaltestellen: Wer noch einen Platz in einer der überlasteten Linien erhaschen möchte, muss die Ellbogen ausfahren – an den Einstiegstüren herrscht ein dichtes Gedrängel, wer zu weit hinten steht, wird unter Umständen stehen gelassen.
Foto: Michael Schiffne

Koblenz – Überfüllte Busse, genervte Fahrgäste und dauergestresste Busfahrer: Das Koblenzer Bussystem platzt aus allen Nähten. Vor allem seit dem Semesterbeginn hat sich die Situation noch einmal verschärft: Die Koblenzer Hochschulen melden Rekordstudentenzahlen, und die vielen jungen Leute müssen irgendwie auf die Karthause und nach Metternich kommen.

Dadurch wird das Chaos zu den Stoßzeiten nochmals verschlimmert, Leidtragende sind nicht nur die Studenten selbst, sondern alle, die mit dem Bus pünktlich zur Arbeit, zur Vorlesung oder in die Schule müssen. Eine Lösung ist kaum in Sicht, wie die Verantwortlichen für den Personennahverkehr in Stadt und Region auf Anfrage unserer Zeitung erklären.

Täglicher Kampf um die Plätze

Es ist ein Ritual, das sich an jedem Morgen eines Werktages außerhalb der Ferien aufs Neue vollzieht: Studenten, Schüler und Pendler kämpfen mit vollem Körpereinsatz um die letzten Plätze in den schon durch Stopps an vorherigen Haltestellen überfüllten Bussen. Immer wieder bleiben dabei Einzelne im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke und müssen bis zu einer halbe Stunde auf den nächsten Bus warten – eine RZ-Stichprobe bestätigte Eindrücke, die uns Leser per E-Mail und in sozialen Netzwerken im Internet übermittelten. Weil dies für Betroffene Verspätungen und damit Ärger mit Chefs, Lehrern oder Professoren bedeutet, wird der morgendliche Kampf mit einer besonderen Vehemenz geführt.

Conrad Szudra, der Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschuss (Asta) an der Universität Koblenz, findet klare Worte für die Situation in Koblenz: Er bezeichnet den städtischen Busverkehr als unzureichend und berichtet von enormen Verspätungen auf den Linien 3, 20 und 5.

Einen völlig anderen Eindruck hat Sven Przetak, der dem städtischen Fahrgastbeirat stellvertretend vorsteht: „Ich höre zum ersten Mal, dass Busse überfüllt sein sollen. Im Gegenteil kann ich mich sogar erinnern, dass eine Vertreterin des Jugendrates bei einem unserer Treffen im Sommer vorschlug, die Anzahl an Verstärkerbussen für Schüler herabzusetzen“, erklärt er.

Befragt man aber letztlich diejenigen, die sich jeden Morgen dem Stressfaktor Busfahren aussetzen müssen, zeichnet sich ein anderes Bild ab. Ob auf der Straße und in den Bussen bei einer RZ-Umfrage, per E-Mail oder bei Facebook – überall berichten Fahrgäste von Verspätungen, Bussen, die sie wegen Überfüllung nicht mitnehmen können, und enormen Wartezeiten an Haltestellen wegen der neuen Regelung, dass nur noch vorn eingestiegen werden darf. Laut der Darstellung unserer Leser handelt es sich dabei nicht nur um ein Phänomen, das sich auf die stark frequentierten Linien und Stoßzeiten begrenzt, sondern um eines, das fast alle Linien im Großraum Koblenz betrifft.

Einen etwas besseren Überblick über die Gesamtsituation in der Stadt und der Region hat Stephan Pauly, der Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Rhein-Mosel (VRM), dem neben der Koblenzer Kevag auch 50 weitere Vertragspartner angehören. Auch er spricht in einem Gespräch mit unserer Zeitung von einem „Problem, das man wahrnehme“.

VRM: Wir sehen das mit Sorge

Nach seiner Darstellung entstehen die Probleme mit dem Bussystem aber an einer anderen Stelle: „Die Nachfrage im Nahverkehr nimmt in Zusammenhang mit den hohen Benzinpreisen ständig zu. Auch die problematische Verkehrsführung in vielen Städten führt dazu, dass immer mehr Leute auf den Bus umsteigen. Dann haben Sie die Studenten, die in immer größerer Zahl den Hochschulstandort bei ihrer Studienwahl bevorzugen. Wir sehen das mit Sorge.“

Warum werden dann aber Mehreinnahmen durch eine gestiegene Fahrgastzahl und eine geringere Schwarzfahrerquote wegen des neuen Vordereinstiegs nicht in neue Busse und mehr Fahrer investiert? Paulys Antwort: weil die Finanzierungssituation der Nahverkehrsbetriebe in Rheinland- Pfalz desolat ist.

Hansjörg Kunz, Geschäftsführer der Kevag Verkehrs-Service GmbH (KVS), rechnet vor: „Obwohl es in anderen Bundesländern eine Landesförderung für den Busverkehr gibt, wurde diese in Rheinland-Pfalz seit dem Jahr 2000 praktisch eingestellt. Auch die staatlichen Sätze für die kostenlose Beförderung von Menschen mit Behinderungen wurde herabgesetzt. Dann müssen wir wegen eines neuen Gesetzes innerhalb der EU unsere Fahrer jährlich schulen, dürfen in neuen Bussen nur 20 000 Euro teurere Euro-6-Motoren einsetzen und sind dem ständigen Anstieg der Benzinpreise ausgesetzt“, erklärt der KVS-Chef.

Kann diesen gestiegenen Kosten nicht mit den Mehreinnahmen entgegengetreten werden? Nein, meint Hansjörg Kunz: „Die Kevag ist ein Mitglied des Verkehrsverbundes. Das Prinzip ist ganz einfach: Alle Unternehmen, die dem Verbund angehören, geben alle Erlöse in einen Topf und bekommen auf Basis eines Verteilungsschlüssel aus diesem Geld. Der aktuelle Schlüssel stammt aber aus dem Jahr 2001 – die aktuelle Situation wird also gar nicht berücksichtigt.“

KVS: Ein wenig Abhilfe

Kunz’ Fazit: „Die Nahverkehrsbetriebe in unserer Region bewegen sich am Rande des Existenzminimums, überall machen Unternehmen zu. Die Fahrgäste werden sich an überfüllte Busse und gestrichene Linien gewöhnen müssen, wenn sich nicht bald etwas ändert.“ Zumindest in Koblenz sollen sich nach Darstellung des KVS-Chefs die Probleme auf den Linien 2/12, 3 und 20 aber ein wenig entspannen. Bereits am dritten Tag nach Kenntnis der Situation habe man zusätzliche Busse organisiert und die Fahrer angewiesen, auf den Zwang zum Vordereinstieg in Stoßzeiten zu verzichten.

Von unserem Mitarbeiter Michael Schiffner-Ritz