Archivierter Artikel vom 20.07.2011, 15:16 Uhr
Shanghai

Britta Steffen: «Wenn möglich Gold»

Vor drei Jahren schwamm Britta Steffen bei den Olympischen Spielen in Peking zu Doppel-Gold, jetzt ist sie zur WM auf chinesischem Boden zurück.

Lesezeit: 6 Minuten
Ablenkung
Britta Steffen lenkt sich in Shanghai mit Shopping ab.
Foto: DPA

Bei den Titelkämpfen in Shanghai, wo die Beckenwettbewerbe am Wochenende starten, will die 27-Jährige «wenn möglich» ihre Weltmeister-Titel von 2009 verteidigen. Nachdem die Berlinerin nach gesundheitlichen Problemen nicht bei der EM dabei war, will sie sich ein Jahr vor Olympia in London stark zurückmelden. Und auch die Sommerspiele 2016 könnten zu einem Thema werden. «Rio würde mich reizen, aber dann nur die 50 Meter Kraul. Aber wahrscheinlich kann man das erst nach der WM sagen», sagte Steffen in einem Interview der Nachrichtenagentur dpa.

Laut den WM-Tipps der amerikanischen Fachzeitung «swimnews.de» wären Sie die einzige deutsche Medaillengewinnerin der Beckenschwimmer mit zweimal Silber. Kann eine Doppel-Olympiasiegerin damit leben?

Steffen: «Das fände ich ganz ordentlich, vor meinen Siegen bin ich meist auf Platz vier oder fünf getippt worden. Aber wenn wir nur auf Tipps vertrauen würden, dann müssten wir ja eigentlich nicht mehr an den Start gehen und das wäre sehr schade. Also lassen wir uns überraschen. Die Unsicherheit ist ein Stück weit weg, denn in diesem Punkt war die deutsche Meisterschaft immer schon schwieriger zu schwimmen als die Weltmeisterschaft.»

Also es muss in Shanghai nicht unbedingt WM-Gold sein?

Steffen: «Nein. Ich möchte gerne eine Medaille gewinnen und wenn möglich Gold. Aber ich wäre auch gezwungenermaßen mit einer Silber- oder Bronzemedaille sehr zufrieden.»

Nach einem Jahr mit gesundheitlichen Problemen sind sie demnach die Jägerin – oder als Doppel-Weltmeisterin und Doppel-Weltmeisterin doch die Gejagte?

Steffen: «Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, dass beides zutrifft. Einerseits erwartet man von mir, dass ich ganz vorne mitschwimme, andererseits können mich die meisten Leute nicht einschätzen.»

Ist man mit Ihren Erfolgen denn nicht immer noch etabliert?

Steffen: «Nein, im Schwimmen ist das nicht so. Wenn man da einen Hauptwettkampf ausgelassen hat, dann traut einem keiner mehr was zu. Viele denken auch, sie hat aufgehört oder macht nicht mehr so richtig oder bekommt jetzt ein Kind.»

Sie haben alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Warum schwimmt man dann noch?

Steffen: «Jetzt kommen wir in den philosophischen Bereich, viele sagen ja auch, man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Wenn ich dann gefragt werde, warum ich noch nicht aufgehört habe, sage ich: Weil es vielleicht noch nicht am schönsten war. In zehn Jahren würde ich vielleicht bereuen, dass ich nicht noch zwei, drei Jahre weitergemacht habe. Traurig wäre es natürlich, wenn ich jetzt nur noch auf den Deckel bekäme, aber wenn dem so sein sollte: Wer interessiert sich in zehn Jahren dafür. Man bereut am Ende des Lebens nur die Dinge, die man nicht gemacht hat, weil andere gesagt haben: 'Jetzt ist mal gut Britta'.»

Wann ist es denn am schönsten?

Steffen: «Am schönsten ist es, wenn du denkst, ich habe keinen Bock mehr, sollen sich doch die anderen quälen, ich mach was anderes. Wenn man sich sagt, ich bin fertig damit. Wie man auch eine Beziehung beendet, wenn man merkt, du hast alles versucht und es geht einfach nicht mehr, dann muss man den Mut haben zu springen.»

Denken Sie schon oft an London?

Steffen: «Nein. Ich denke eher, dass wenn die WM gut läuft, dann wird London zu einem täglichen Thema werden. Wenn nicht, dann wird sich sowieso viel in meinem Leben verändern. Aber ich bin total glücklich, dass Olympia in Europa ist. London wird bestimmt saucool. Und da es Spiele der Nachhaltigkeit sind, passt es auch zu meinem Studium. Das wird eine ganz andere Geschichte als Peking. Deshalb würde ich gerne noch einmal als Athlet dabei sein und schauen, wie weit ich körperlich in der Lage bin, noch ganz vorne mitzuschwimmen.»

Sie sagten ja, 2014 wäre ein möglicher Zeitpunkt zum Karriereende, aber das ist nicht in Stein gemeißelt?

Steffen: «Nein. Man weiß es nie ganz genau, Schwimmen macht mir wahnsinnig Spaß und natürlich würde ich gerne bis 2014 weitermachen, aber wie es dann tatsächlich wird, das kann keiner voraussagen.»

Das heißt aber auch, es könnte noch länger gehen.

Steffen: «Das weiß keiner. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ich 2016 noch schwimme. Rio würde mich reizen, aber dann nur die 50 Meter Kraul. Aber wahrscheinlich kann man das erst nach der WM sagen. Ich habe das auf dem Schirm. Es müssen nicht sofort Kinder sein. Wenn ich merke, einmal am Tag Training reicht, und wenn ich dann noch vorne in Deutschland bin – warum dann nicht ein fünftes Mal noch zu den Spielen fahren? Das ist doch geil.»

Wird man im «Alter» gelassener?

Steffen: «Man hat viel mehr Erfahrung zur Verfügung, hat viel mehr Menschen gesprochen, hat viel mehr gesehen. Man kennt nicht nur die Glanz-, sondern auch die Schattenseite und wenn man mich fragt, wie ich wahrgenommen werden will: Als komplexe Persönlichkeit, wie jeder. Jeder ist ein Diamant und jeder hat mehrere Seiten und von vielen Seiten kann man funkeln und man muss versuchen die besten Seiten nach vorne zu stellen. Und versuchen seine Schwächen zu verbessern, aber man muss auch dazu stehen, wenn man etwas nicht kann. Ich bin zum Beispiel ein grottenschlechter Autofahrer.»

Wie ist denn eine dieser Diamant-Seiten?

Steffen: «Meine Mutter hat immer gesagt: Auf dem Weg nach oben grüße jeden, auf dem Weg nach unten triffst du sie alle wieder. Wenn man gewinnen will, muss man auch den anderen gönnen zu gewinnen, denn die stellen sich genauso dahin. Wenn man sagt: Das Lächeln der Sieger sind die Tränen der Verlierer. Dann muss man vernünftig mit den Leuten umgehen. Man möchte ja auch bei einer Niederlage nicht schlecht behandelt werden. Man ist viel mehr als eine Schwimmerin. Man sollte die Leute so behandeln, wie man selbst behandelt werden will. Das hat man nicht immer im Sport. Natürlich achte ich viel auf mich, aber ich achte auch darauf, dass ich die Freiheit anderer nicht beschneide.»

Ist das die beste Zeit, die Sie als Leistungssportlerin jetzt haben?

Steffen: «Ja, weil man erstens nichts mehr zu gewinnen und verlieren hat. Zweitens, weil ich einfach ein geiles Leben führe. Es gibt fast nichts Schöneres als Abends meine 'Drei Fragezeichen' (Hörspiel, Anmerkung) anzumachen und schon bin ich eingepennt. Und am nächsten Morgen wache ich auf und denke, jetzt gehst du zu Norbert, trinkst nen Kaffee, quatschst so ein bisschen, was bei ihm gerade los ist und dann fangen wir an zu trainieren. Dann lebe ich mein Leben und bin einfach glücklich.»

Vieles will man auch von Ihnen und ihrer Beziehung mit Paul Biedermann erfahren. Ist der große mediale Ansturm da jetzt vorbei?

Steffen: «Für mich ja. Aber wenn wir beide schlecht schwimmen, kann eine Schlagzeile nach dem Motto kommen 'Liebespaar geht unter' oder man wird es irgendwie verbinden, wenn einer schlecht und der andere gut ist, 'Muss Paul sie jetzt trösten oder anders rum', das wird es schon noch geben. Und es sind im Schwimmen nicht nur die Leistungen, die interessieren. Die menschliche Seite interessiert Oma Gerda zu Hause manchmal viel mehr. Aber Urlaubsbilder in den Medien, das gibt es nicht. Zu viel kann auch eine Gefahr für die Beziehung sein, das kann ohnehin schwer genug werden.»

Sie sagten einmal, alles sei noch reizvoller, weil man es mit dem Freund zusammen angehe. Inwiefern?

Steffen: «Der Nervenkitzel ist ein anderer. Ich schaue nicht nur auf mich und auf meine Rennen. Es interessiert mich plötzlich, wer 200 Kraul noch schnell schwimmen kann. Es ist einfach cooler, jemand anderen dabei zuzusehen, was und wie er es macht, auch wenn man dann ohnmächtig ist. Denn wenn man selber auf dem Startblock steht, hat man es selber in der Hand. Es ist schwerer und reizvoller.»