Archivierter Artikel vom 28.07.2011, 12:28 Uhr

Britta Steffen: Ratlos in Shanghai

Shanghai (dpa). Rang 16 im Halbfinale über 100 Meter Freistil mit einer enttäuschenden Zeit bedeuteten für Britta Steffen das Ende aller WM-Träume. Nun ist Olympia 2012 das große Ziel. Dafür will sie aus den traurigen Momenten von Shanghai lernen.

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Frust
Britta Steffen sitzt traurig am Rand des WM-Beckens in Shanghai.
Foto: DPA

Als Britta Steffen nach unbeschwerten Tagen plötzlich ratlos in Shanghai war, half auch alle Hilfe ihres Umfeldes nichts mehr. Drei Tage des Abschottens und intensiver Telefongespräche mit Psychologin Friederike Janofske, Einheiten mit dem Trainer und Vertrauten Norbert Warnatzsch, die starke Schulter von Freund Paul Biedermann nach dessen zwei Bronzemedaillen. Vor allem mental gefestigter als je zuvor wollte Britta Steffen nach 22-monatiger Pause wieder der internationalen Langbahn-Konkurrenz begegnen. Ihre Auftritte in der Kronen-Halle des Oriental Sports Centre aber ließen all das vermissen, was die Schwimm-Königin während ihrer erfolgreichen Regentschaft ausgezeichnet hatte.

Die Frage nach dem Warum blieb unbeantwortet. Britta Steffen stellte sich zwar den Fragen nach Rang 16 im Halbfinale und ihrem Rückzug von der WM. Aber erst nach ein paar Minuten des Überlegens, in denen wohl die Entscheidung zum Verzicht auch auf die Lagen-Staffel fiel. Das brachte ihr prompt Kritik von Teamkollegin Daniela Schreiber und Ex-Weltmeisterin Franziska van Almsick ein. Beide zählen allerdings von jeher nicht gerade zum engsten Freundeskreis Steffens.

«Egoismus» wurde Steffen von der Teamkollegin vorgeworfen, was richtig und falsch ist. Schon früher war die 27-Jährige Staffeln nicht geschwommen, wenn diese mit ihren Einzelstrecken 50 und 100 Meter Freistil kollidierten. Schwimmen ist aber in erster Linie eine Individualsportart. Auf der anderen Seite ist die Studentin sehr sensibel, wenn es um berechtigte Bedürfnisse anderer geht und engagiert sich sozial.

Vor dem Shanghai-Desaster hatte Steffen betont, sie habe richtig Lust, schnelle Zeiten zu schwimmen. Und das will sie auch in London 2012, worauf jetzt der Fokus liegt. Als Doppel-Weltmeisterin und -Olympiasiegerin sowie viermalige Europameisterin hat sie alles gewonnen – im Gegensatz zu Van Almsick, der ein Olympiasieg versagt blieb. Sie konnte ohne Druck nach China reisen. Außer dem, den sich eine ehrgeizige Spitzensportlerin selbst macht.

Erste Risse bekam diese nach Außen hin demonstrativ betonte Gelassenheit bei den deutschen Meisterschaften Anfang Juni in Berlin. Dass Steffen dort die harte WM-Norm erst in ihrem letzten Rennen schaffte, war noch gut mit der auf die WM gerichtete Vorbereitung zu erklären. Dass aber ein über die Hallenlautsprecher zu hörender TV-Trailer mit privaten Szenen des Traumpaares Steffen/Biedermann sie aus der Fassung brachte, verwunderte schon.

Locker und gelöst plauderte Steffen noch zwei Tage vor ihrem ersten Wettkampf in Shanghai während des Trainings. In den Tagen vor ihrem Olympiasieg wäre das undenkbar gewesen. Die Trainer erzählten im Vertrauen stolz, wie gut Steffen in WM-Form sei. Doch nach einer für sie schlechten Zeit als Staffel-Startschwimmerin war alles Selbstvertrauen dahin. Wie Steffen abseits auf einem Stuhl kauerte und fassungslos auf die Anzeigentafel starrte, sprach Bände. Bei der Medaille von Freund Paul fingen die TV-Kameras eine abgekämpft und müde wirkende Steffen inmitten des deutschen Teams ein. Sie lächelte nach Platz drei. Das gelang ihr auch bei den Erklärungsversuchen vom Donnerstag – wie schwer ihr das fiel, weiß nur sie selbst.