Archivierter Artikel vom 15.09.2010, 16:50 Uhr
Berlin

Breite Ablehnung für Köhlers «Enthüllungs»-Buch

Der Dopingopfer-Hilfeverein (DOH) erwägt eine Anzeige wegen Verleumdung, DOSB-Präsident Thomas Bach fordert eine Entschuldigung bei den ehrlichen Verlierern, und Doping-Fahnder Werner Franke bezichtigt Thomas Köhler der Geschichtsfälschung:

Lesezeit: 2 Minuten
Autor
Thomas Köhler das Buch «Zwei Seiten der Medaille» geschrieben.


Der zweite Mann hinter DDR-Sportchef Manfred Ewald ist mit seinem Buch «Zwei Seiten der Medaille» über Dopingpraktiken im Arbeiter- und Bauernstaat trotz seiner Entschuldigung bei Dopingopfern auf breite Ablehnung gestoßen.

Nach erster Genugtuung über Köhlers Abbitte appellierte Bach, «dass er sich auch bei sauberen Athleten entschuldigt, die im Wettkampf gegen Gedopte unterlagen.» Zudem rief er «weitere Verantwortliche» auf, «reinen Tisch» zu machen und dadurch substanziell zur Aufklärung beizutragen. Nach teilweise heftigen Reaktionen zahlreicher Ex-Athleten der DDR hat sich Köhler bei Dopingopfern entschuldigt. Es tue ihm sehr leid, sagte Köhler im «ARD-Morgenmagazin».

«Ich entschuldige mich auch bei Opfern, die es tatsächlich gab», erklärte der 70 Jahre alte Pensionär in dem TV-Beitrag, «und dass wir im Nachhinein gemerkt haben, dass wir auch eine Reihe von Fehlern und Versäumnisse zugelassen haben, auch einige Dinge unterschätzt haben, Auswüchse unterschätzt haben, das tut mir auch sehr leid.»

Der DOH zieht sogar eine Klage in Betracht. «Ich behalte es mir vor, ihn wegen Verleumdung und Opferverhöhnung anzuzeigen», sagte DOH-Sprecher Uwe Trömer, der bei der ersten Lesung des Buches öffentlich auf die «Lügen» hingewiesen habe. «Köhler stand als Nummer zwei hinter Manfred Ewald eindeutig in der ersten Führungskette und ist damit einer der Haupttäter, die das geplante Doping ohne Rücksicht auf Verluste durchgezogen haben. Er weiß ganz genau, dass es Kinderdoping gegeben hat», meinte der Ex-Vize-Weltmeister im Bahn- Vierer, «man müsste ihm das Buch links und rechts um die Ohren hauen. Es ist eine Frechheit, so dreist zu lügen.»

Auch der hochdekorierte Molekularbiologe Franke wetterte gegen Köhlers Enthüllungen und wertete sie als völlig missglückten Versuch der öffentlichen Reinwaschung. «Das ist Geschichtsfälschung, zu behaupten, auch die Minderjährigen hätten gewusst, dass sie gedopt wurden», erklärte der Dopingforscher, «das ist alles im Archiv des Dopingopfer-Hilfevereins in Weinheim und in den Prozessunterlagen nachzulesen. Es gibt Gott sei Dank zwei höchstrichterliche Entscheidungen des Bundesgerichtshofs, die belegen, dass es in der DDR Minderjährigen-Doping und Doping an Kindern gegeben hat.»

Der zweimalige Rodel-Olympiasieger Köhler, nach seiner aktiven Karriere Vizepräsident des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB), hat in seinem am 16. September erscheinenden Buch das Staatsdoping zugegeben und Manipulation von 16-Jährigen eingestanden. Von Kinderdoping will er nichts gewusst haben. Er behauptet, dass alle Mittel «im Einvernehmen mit dem Sportler» verabreicht wurden.

Die Aufarbeitung der Doping-Vergangenheit in Ost und West wurde vom Deutschen Olympische Sportbund (DOSB) bereits 2008 initiiert und ausgeschrieben. Das Forschungsprojekt «Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation» wird im Verbund von den Forschungsgruppen an der Humboldt-Universität Berlin und an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster durchgeführt. Das Projekt ist auf 36 Monate angelegt und endet 2012.