Archivierter Artikel vom 06.07.2010, 16:36 Uhr
Leipzig

BGH: Gentests an Embryonen nicht strafbar

Die umstrittenen Gentests an künstlich befruchteten Embryonen zur Entdeckung von Erbkrankheiten sind nicht strafbar. Das hat der Bundesgerichtshof am Dienstag (6. Juli) in Leipzig entschieden.

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PID
Paare dürfen künstlich befruchtete Embryonen auf Defekte untersuchen lassen: Der Bundesgerichtshof sieht Gentests nicht als strafbar an. (Bild: dpa)

Die Untersuchung von Embryonen außerhalb des Mutterleibs mit Hilfe der Präimplantationsdiagnostik verstoße nicht gegen das Embryonenschutzgesetz. Der Senat stellte allerdings ausdrücklich klar, seine Entscheidung sei nur auf die Untersuchung von Zellen auf schwerwiegende genetische Schäden gerichtet. Die Richter öffneten damit keinesfalls einer Auswahl von Embryonen für die Geburt einer «Wunschtochter» oder eines «Wunschsohnes» Tür und Tor.

Der 5. Strafsenat stellte damit Rechtssicherheit für Fortpflanzungsmediziner und betroffene Paare her. Die Bundesrichter bestätigten zugleich den Freispruch des Berliner Landgerichts für einen 47-jährigen Gynäkologen und verwarfen die Revision der Staatsanwaltschaft.

Der Berliner Gynäkologe hatte für drei erblich vorbelastete Paare die umstrittene Präimplantationsdiagnostik – kurz PID – ausgeführt und dabei Embryos mit genetischen Defekten entdeckt. Die betroffenen Frauen lehnten ein Einpflanzung ab.

Der 47-jährige Mediziner übertrug daher nur Embryonen ohne Defekt. Die nicht verpflanzten Embryos ließ er absterben. Anschließend zeigte er sich selbst an, um Rechtssicherheit zu erzwingen. Das Landgericht Berlin sprach den Arzt im Mai 2009 frei. Es konnte keinen Verstoß gegen das seit 20 Jahren geltende Gesetz erkennen.

Die Leipziger Bundesrichter folgten in ihrem Urteil sowohl der Argumentation des Landgerichts sowie der Verteidigung und des Bundesanwalts. Dem Embryonenschutzgesetz sei kein Verbot der PID zu entnehmen. Sie sei von dem Arzt auch nicht missbräuchlich angewendet worden, sagte der Vorsitzende Richter Clemens Basdorf. «Hier steht der Kinderwunsch im Mittelpunkt.»

Das Vorgehen des Gynäkologen verstoße weder gegen den Wortlaut noch gegen den Sinn des Gesetzes, in dem die PID nicht ausdrücklich berücksichtigt sei. Kritiker befürchten, dass die PID missbraucht werden könnte und dass am Ende das «Designer-Baby» steht – ausgewählt vielleicht nach Haar- oder Augenfarbe und Geschlecht.

Übersicht über die Präimplantationsdiagnostik: www.drze.de/im-blickpunkt/pid

Test auf Defekte

Bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) testen Mediziner im Reagenzglas erzeugte Embryonen auf Erbkrankheiten oder Chromosomendefekte. Zeigt sich dabei eine mögliche Krankheit, wird der Embryo gegebenenfalls nicht in den Mutterleib eingesetzt. Vor allem Krankheiten, die entstehen, wenn ein Mensch zu viele oder zu wenig Chromosomen (Erbgutträger) hat, können durch die PID erfasst werden. Dazu gehört das Down-Syndrom, bei dem das Chromosom 21 drei statt zwei Mal vorhanden ist. Aufwendiger sind Untersuchungen auf einzelne veränderte Gene, mit denen sich beispielsweise Muskelschwund, Lungen- und Stoffwechselkrankheiten oder Bluterkrankheit feststellen lassen.