Archivierter Artikel vom 17.03.2011, 19:59 Uhr
Rheinland-Pfalz

Beck und Klöckner im Duell: Lippenleserin stieß auf die wunden Punkte

Geschürzte Lippen, einseitiges Schulterzucken, leichtes Händestreicheln: Dinge, auf die Julia Probst besonders achtete beim TV-Duell: Für unsere Zeitung kommentierte die 29-jährige Lippenleserin, die von Geburt an gehörlos ist, Mimik und Körpersprache.

Schiedlich-friedlich? Beim Duell von Kurt Beck und Julia Klöckner ging es nicht immer so freundlich zu...
Schiedlich-friedlich? Beim Duell von Kurt Beck und Julia Klöckner ging es nicht immer so freundlich zu...
Foto: Michael Bellaire

Rheinland-Pfalz – Geschürzte Lippen, einseitiges Schulterzucken, leichtes Händestreicheln: Dinge, auf die Julia Probst besonders achtete beim TV-Duell: Für unsere Zeitung kommentierte die 29-jährige Lippenleserin, die von Geburt an gehörlos ist, Mimik und Körpersprache.

Im Rückblick auf ihren Live-Ticker und das Duell meinte sie am Donnerstag: „Insgesamt war Klöckner etwas engagierter als Beck.„ Dennoch wertete sie das Duell auch unentschieden.

Wunde Punkte sah die junge Frau, die bei Twitter als @EinAugenschmaus bekannt geworden ist, bei beiden Politikern. Unvermeidlich, obwohl Beck und Klöckner schon x-fach damit konfrontiert wurden und auf alle Fragen vorbereitet waren: “Für mich war es nicht verwunderlich, dass Klöckner bei der Frage nach den CDU-Strafgeldern ein bisschen Herzrasen bekam oder Beck eben etwas fassungslos reagierte beim Nürburgring. Man kann sich so gut darauf vorbereiten, aber wenn es ein wunder Punkt ist in einer Kandidatur, dann ist man eben etwas verletzlicher.„ Es sei unmöglich, Mikromimiken zu unterdrücken, die sich innerhalb von Sekundenbruchteilen auf dem Gesicht abspielen: aufgerissene Augen, zusammengedrückte Augen oder eben Wimpernflattern, höhere Lidschlagfrequenz. “Pokerspieler haben deshalb Sonnenbrillen auf dem Gesicht , um nichts von ihrem Augenspiel zu verraten, wo sich die meisten aussagefähigen Mikromimiken ablaufen.“
Kurt Beck im Körpersprache-Check: Beck war für Julia Probst besonders glaubwürdig bei der Schuldebatte: „Das liegt ihm offenbar wirklich am Herzen.“ Hier habe Beck seine Worte auch mehr mit den Händen untermalt. Beim Thema Nürburgring stellte sie fest: „Beck fühlt sich anscheinend in die Ecke getrieben. Man konnte sehen, wie er sich seine Hände kurz streichelte. Dieses Händestreicheln nennt man Beschwichtigungsgeste“ – sie wirkt beruhigend auf den Körper. Als er Beck kurz zuvor über die Notwendigkeit der Investitionen am Ring sprach (Minute 40:33 in der Aufzeichnung), stellte sie ein einseitiges Schulterzucken fest: „Ein Anzeichen, dass das Gesagte nicht mit der wirklichen Meinung übereinstimmt.“ Die Geste machte Beck auch, als die Verträge zum Schlosshotel Thema waren.
Julia Klöckner im Körpersprache-Check: „Wimpernflattern und zusammengekniffene Augen“ stellte sie bei Julia Klöckner fest, als das Thema auf die Strafzahlungen für die CDU kam. Die sonst so engagierte Klöckner habe auch sehr viel weniger Körpersprache gezeigt, als es darum ging, wo genau die CDU sparen wolle. „Ich las, dass die Aussagen dazu schwammig waren – so war auch die Körpersprache.“ Interessant fand sie, wie Klöckner sich leicht triumphierend die Lippen schürzte, als sie nachhakte bei Beck. Aufgefallen war ihr auch „Klöckners Auf-und-Ab-Wippen, das zeigt, dass sie sich auf das Duell freut“. Als die Sendung vorbei war, sah sie noch etwas: Klöckner unverstellt und herzlich lächelnd bei ihrem Team sitzend. „Es ist irre, wie sehr sich ein aufgesetztes Fernsehlächeln von einem echten Lächeln unterscheidet.“

Barrierefreiheit – die Sendung im Check: „Über Untertitel und Lippenlesen hatte ich etwa 60 bis 70 Prozent der Informationen des Gesagten“, schätzte die Gehörlose, die engagiert für eine stärkere Untertitelung im – dabei rückständigen – deutschen Fernsehen wirbt und einen Blog dazu betreibt. „Die Untertitel waren auch etwas verkürzt und hingen hinterher.“ Dank ihrer guten Lippenlesefähigkeit hab sie aber immerhin noch etwas mehr als der normale Gehörlose erfahren. Es war das erste Mal, dass der SWR Wahlkampfsendungen – zugleich auch das Duell in baden-Württemberg – mit Untertitel für Gehörlose und Schwerhörige ausgestrahlt hatte. In den ersten Minuten der Sendung waren allerdings gar keine Untertitel eingeblendet worden.

Lars Wienand