Archivierter Artikel vom 01.12.2010, 16:35 Uhr
Rheinland-Pfalz

BA-Vorstand Becker im RZ-Interview: Werben um Zuwanderer

Für Raimund Becker, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA) braucht Deutschland jährlich 200 000 Zuwanderer. Angesichts der Bevölkerungsentwicklung ist die in seinen Augen „eine Zwangsläufigkeit“. Mit Becker sprachen Joachim Türk und Ursula Samary.

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BA-Vorstand Raimund Becker plädiert dafür, das Inlandspotenzial zu fördern und Lücken durch Zuwanderer zu schließen. 
Foto: Thomas Frey
BA-Vorstand Raimund Becker plädiert dafür, das Inlandspotenzial zu fördern und Lücken durch Zuwanderer zu schließen.
Foto: Thomas Frey – Frey-Pressebild

Rheinland-Pfalz. Für Raimund Becker, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA) braucht Deutschland jährlich 200 000 Zuwanderer. Angesichts der Bevölkerungsentwicklung ist die in seinen Augen „eine Zwangsläufigkeit“.

Wann erreichen wir die Vollbeschäftigung?

Wissenschaftliche Institute definieren sie bei einer Arbeitslosigkeit zwischen drei und vier Prozent, also bei der Zahl von 1,5 Millionen.

Wann ist die Zahl erreicht ?

Bundesweit wird das noch eine Weile dauern. Aber in Regionen wie Ingolstadt haben wir eine Arbeitslosenquote von unter zwei Prozent. In den ostdeutschen Ländern gibt es noch Arbeitslosenquoten von zehn bis 15 Prozent. Das Globalziel kann man aber sicher in den nächsten zehn Jahren erreichen.

Das Ausland spricht mit großem Respekt von einem „German Job-Wunder“. Wer hat es nach der Krise vollbracht?

Viele Partner haben es gemeinsam erreicht. Die Unternehmen haben es in den letzten zehn Jahren geschafft, sich international wettbewerbsfähig zu machen. Es ist auch den angemessenen Lohnerhöhungen und der Besonnenheit der Tarifpartner zu verdanken. In der Krise hat auch die Politik mit Konjunkturpaketen klug gehandelt und die Nachfrage gestärkt, ob mit der Abwrack-Prämie oder Förderung der Gebäudesanierung. Arbeitnehmer gingen in Kurzarbeit, haben auf Geld verzichtet. Aber die Arbeitgeber haben ihre Mitarbeiter auch gehalten. Kurzarbeit, ein altes Instrument, ist intelligent veredelt und gut austariert worden. Heilsam war auch, dass die Arbeitgeber 2007 und 2008 erfahren haben, was es heißt, nicht genug Facharbeiter zu finden. Auch bei dieser Addition der Summe bleibt etwas Mystisches, was das Job-Wunder ausmacht.

Welche Betriebsgrößen stellen jetzt die meisten Leute ein?

Einstellungen sind querbeet zu beobachten, besonders aber bei kleinen und mittelständischen Unternehmen und in der Zeitarbeit. Insgesamt beobachten wir einen Aufwärtstrend, der eher ein Nachholprozess ist, aber noch keinen Aufschwung darstellt.

Experten streiten, ob es einen Fachkräftemangel gibt oder nicht. Wie sieht dies die Bundesgantur für Arbeit?

Der Fachkräftemangel wird das beherrschende Thema der nächsten Jahre sein. Noch ist ein erhöhter Fachkräftebedarf nur vereinzelt lokal und in bestimmten Branchen zu finden. Es fehlen in vielen Regionen Ärzte, Krankenpfleger, Maschinenbau- und Kraftfahrzeugingenieure. Die demografische Entwicklung wird dazu führen, dass es immer weniger Jugendliche geben wird. Die Probleme werden sich dadurch weiter verschärfen.

Wir brauchen also Zuwanderung – nach einem Punktesystem, wie es die FDP will, zum Zorn der CSU ?

Wir plädieren für eine Doppelstrategie. Einerseits müssen wir das Inlandspotenzial fördern. Weil da auch bei größten Anstrengungen immer eine Lücke bleibt, müssen wir auf der anderen Seite auf Zuwanderung setzen. Dazu müssen wir uns neu positionieren. Unsere Zuwanderung war bislang eher eine humanitäre mit dem Zuzug von Angehörigen gesteuert, aber nicht mit Blick auf den Arbeitsmarkt. Wir müssen zu einer Ökonomisierung der Zuwanderung kommen, ob mit einem Punktesystem oder einer Positivliste, wonach bestimmte Berufe und Qualifikationen besonders gefragt sind. Dafür brauchen wir die politische Bereitschaft, Zuwanderung zu steuern.

Sie beziffern den Bedarf mit jährlich 200 000 Zuwanderern. Wollen Sie wie in den 60er-Jahren wieder Werber ins Ausland schicken?

Auch wenn wir eine neue Willkommens-Kultur entwickeln, werden nicht massenhaft die Menschen aus dem Ausland zu uns kommen, die wir dringend brauchen. Es wird schon schwierig sein, eine Netto-Zuwanderung von 200 000 qualifizierten Kräften jährlich zu erreichen. Denn das demografische Problem haben auch andere Länder. Außerdem hat Deutschland strategische Nachteile: Das Willkommen war in der Vergangenheit nicht stark ausgeprägt. Und Deutsch ist auch nicht unbedingt Weltsprache. Unternehmen sind schon jetzt aktiv. Aber es kann auch sein, dass die BA ins Spiel kommt, um mitzuhelfen, dass Fachkräfte nach Deutschland kommen.

Sind mit Zuwanderung auch Probleme verbunden, zum Beispiel Verdrängungseffekte?

Zuwanderung ist angesichts der demografischen Entwicklung eine Zwangsläufigkeit. Wenn wir Zuwanderung über eine Positivliste steuern, sind keine Verdrängungsmechanismen zu erwarten. Schließlich würden dann gezielt die Menschen zu uns kommen, die wir brauchen und es wird schwierig sein, sie für Zuwanderung zu begeistern. Wenn es uns aber gelingt, hoch qualifizierte Leute nach Deutschland zu holen, dann befördern sie unseren technologischen Fortschritt, sichern unsere sozialen Sicherungssysteme und schaffen mit ihrer Qualifikation zusätzliche Beschäftigung.

Es wird nicht nur einen Wettbewerb der Staaten geben, sondern einen der Regionen. Was raten Sie dem nördlichen Rheinland-Pfalz?

Wir haben sehr viele Daten in einem Arbeitsmarkt-Monitor, der den regionalen Zustand einer Branche widerspiegelt und unbestechlich die Lage transparent macht. Die Daten geben einen Ausblick in die nächsten 20 bis 30 Jahre. Es gibt kein Patentrezept, aber es ist wichtig, viele Budgets und Kompetenzen zusammen zu bringen. Die Akteure müssen sich an einen Tisch setzen und eine Perspektive entwickeln. Dazu gehört die Wirtschafts- und Strukturförderung, die Schulen, Institutionen, Arbeitsgeber und Gewerkschaften. Sie sollten die Kraft finden, nach vorne zu schauen und Netzwerke schaffen. Wir helfen auch. Wir gehen schon jetzt mit den Arbeitgebern in die rheinland-pfälzischen Schulen, um rechtzeitig Berufsorientierung zu geben.

Ist die Beitragserhöhung angesichts des Job-Wunders überflüssig?

Ich würde die Diskussion um die Beitragserhöhung momentan nicht führen. Die Beiträge werden jetzt von 2,8 auf drei Prozent erhöht. Trotzdem haben wir in den nächsten Jahren ein Defizit. Die Bundesagentur hatte 17 Milliarden Überschuss antizyklisch in der Krise eingesetzt, während alle anderen Bereiche durch Steuergeld unterstützt wurden.

Von unserem Chefredakteur Joachim Türk und unserer Redakteurin Ursula Samary