Archivierter Artikel vom 16.05.2010, 13:08 Uhr

Ballack-Schock: Löw verdrängt Schreckens-Szenario

Sciacca (dpa). Die quälende Ungewissheit um Michael Ballack hält an – Joachim Löw lebt weiter zwischen Hoffen und Bangen. Der Bundestrainer wollte aber vom Schreckens-Szenario eines möglichen WM-Ausfalls des Kapitäns nichts wissen.

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Angeschlagen
Michael Ballack hat sich im Finbale des FA-Cups verletzt.

«Nein, diese Befürchtung habe ich erstmal nicht», sagte Löw im Trainingslager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Sizilien und schob nach Ballacks böser Fußverletzung alle «spekulativen Gedanken» von sich.

«Wir müssen abwarten, bis wir eine ganz genaue Diagnose haben», sagte der DFB-Chefcoach. Nur ein Bruch des rechten Fußes konnte schon ausgeschlossen werden. Die Bewegungsfreiheit des stark geschwollenen Sprunggelenks sei nicht völlig eingeschränkt, sagte Löw: «Das spricht dafür, dass die Bänder nicht in Mitleidenschaft gezogen sind.»

Nach dem «brutalen Foulspiel», wie Löw den Tritt des ehemaligen deutschen U 21-Nationalspielers Kevin-Prince Boateng gegen Ballacks Sprunggelenk im englischen Pokalfinale bezeichnete, wird aber erst eine Kernspin-Untersuchung endgültige Klarheit bringen. Diese könne «aufgrund der Schmerzen und Dicke des Knöchels», so Löw, erst an diesem Montag in London stattfinden.

Ballacks für Montagvormittag geplanter Flug nach Sizilien wurde erst einmal auf den Nachmittag verschoben. Möglicherweise muss der 33-Jährige auch erst noch zu einer weiteren Untersuchung bei Nationalmannschafts-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt reisen, berichtete Löw: «Klar ist, dass wir kein Risiko eingehen werden.»

Löw hatte am späten Samstagabend mit Ballack telefoniert, der in dem Gespräch nach der zuvor erfolgten Röntgen-Untersuchung einen «guten Eindruck» auf ihn gemacht habe. «Gottseidank konnte man eine schwere Verletzung ausschließen. Er war spürbar erleichtert.» Ballack selbst hatte nach dem 1:0-Sieg des Double-Gewinners FC Chelsea gegen den FC Portsmouth erklärt: «Ich hoffe, dass die Sehnen nur gezerrt sind. Im besten Fall wird es nur ein paar Tage dauern.»

Löw mochte sich öffentlich noch nicht mit möglichen Notfall-Plänen beschäftigen. «Ich denke nicht weiter nach, was wäre ohne Michael Ballack. Wenn er ein paar Tage pausieren müsste, sehe ich das nicht als großes Problem.» Der 98-malige Nationalspieler gehört für den Bundestrainer allerdings neben den Münchnern Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger zu den wenigen unverzichtbaren Größen in seiner WM-Wunschelf.

«Michael Ballack ist der Kapitän, hat die meisten Einsätze, die größte internationale Erfahrung und Reputation. Er ist enorm wichtig für mich, nicht nur auf dem Platz, sondern auch daneben. Seine Präsenz auf dem Platz ist für uns von großer Wichtigkeit.» Zusammen mit Schweinsteiger soll Ballack das neue Herzstück im Mittelfeld bilden.

Bangen um Ballack – das ist vor einer WM nichts Neues: Auch vor dem Sommermärchen 2006 sorgte eine lädierte Wade des Kapitäns für Aufregung, im WM-Eröffnungsspiel gegen Costa Rica lief die DFB-Elf ohne ihn auf. Es reichte auch ohne Ballack zu einem 4:2-Erfolg.

Das böse Foul des ehemaligen Bundesliga-Profis (Hertha, Dortmund) Boateng hat zudem eine pikante Note: Der 23-Jährige soll bei der WM für Ghana spielen, Deutschlands drittem und letzten Gruppengegner. Absicht mochte Löw dem Heißsporn Boateng, dessen jüngere Halbbruder Jérome im vorläufigen deutschen WM-Kader steht, nicht unterstellen: «Aber er war völlig ohne Chance auf den Ball – das war eine Rote Karte. Auf solche Weise kann man einen Spieler verletzen.»

Ungeachtet der Sorge um Ballack setzte Löw mit seinem Stab die intensive Trainingsarbeit in Sizilien fort. «Das beeinträchtigt uns hier nicht», versicherte der Bundestrainer. Am Montag, wenn die Bremer Pokalfinal-Verlierer Tim Wiese, Per Mertesacker, Mesut Özil und Marko Marin anreisen, wird der Rumpfkader auf 19 Mann anwachsen. «Sie werden es schaffen, auch in dieser Woche den Blick wieder nach vorne zu richten», glaubt Löw trotz der 0:4-Packung gegen die Bayern.

Bei der Festlegung auf den WM-Torwart müssen sich Wiese und die Mitkonkurrenten Manuel Neuer und Hans-Jörg Butt mindestens noch eine Woche gedulden. Löw will seine Entscheidung «auf jeden Fall» erst «nach dem Champions-League-Finale» bekanntgeben. «Auf der Position sind wir sehr stark besetzt. Man hat bei allen Dreien das Gefühl, dass man ihnen vertrauen kann», lobte Löw pauschal das Trio.

Gelassen reagierte der Bundestrainer auf neue Bewegung hinsichtlich seiner ungeklärten Zukunft nach dem WM-Turnier. «Das ist ja nichts Außergewöhnliches oder Überraschendes. Das ist ja im Interesse alle», sagte zu einer Frist, die DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach am Wochenende verkündet hatte: «14 Tage nach WM-Schluss brauchen wir Klarheit.»