Archivierter Artikel vom 05.07.2010, 12:48 Uhr
Erasmia

Ballacks neue Schmerzen – «Capitano» nur Zaungast

Die neuen Schmerzen, die Michael Ballack in diesen Tagen in Südafrika plagen, hatte er schon geahnt. Es sind Schmerzen, die nicht von seinem Innen- und Syndesmoseband-Riss herrühren. Es sind Schmerzen eines Zaungastes.

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Zaungast
Der verletzte Michael Ballack (r) auf der Tribüne mit Oliver Bierhoff.

«Für mich tut es schon weh, ich hätte gerne auf dem Platz gestanden. Aber das ist Fußball», sagte der verletzte «Capitano» nach der 4:0-Gala seiner Kollegen gegen Argentinien in Kapstadt und vor dem nächsten WM-Highlight der deutschen Fußball-Nationalmannschaft am 7. Juli gegen Spanien.

Neben Freude über den imponierenden Auftritt seines Teams gegen die «Gauchos» konnten die Fans in Ballacks Gesicht auch Ungläubigkeit und einen Schuss Bitternis erkennen. Seit seinem ersten Länderspiel-Einsatz im April 1999 hatte der Mittelfeld-Stratege über zehn Jahre an seinem Traum vom ersten großen internationalen Titel gearbeitet. 2002 war es Ballack, der Deutschland mit seinen Toren ins WM-Finale schoss und beim 0:2 gegen Brasilien gesperrt zusehen musste. 2006 platzte der Traum im WM-Halbfinale gegen Italien in der Verlängerung – Ballack vergoss noch auf dem Feld bittere Tränen. Zwei Jahre später standen im EM-Endspiel in Wien beim 0:1 jene Spanier im Weg, die nun in Durban wieder auf das deutsche Team warten.

Zum Frust über die Verletzung, die ihm kurz vor seiner persönlich letzten WM-Chance der Ghanaer Nationalspieler Kevin-Prince Boateng mit einem brutalen Tritt zugefügt hatte, erlegt sich Ballack nun selbst eine zusätzliche Qual auf. Seit der Viertelfinal-Gala gegen Diego Maradona & Co. ist der 33-Jährige live beim neuen deutschen Fußball-Märchen am Kap dabei. «Das ist schon ein wenig unheimlich», beschrieb der ehemalige Chelsea-Profi und Leverkusen-Rückkehrer die bisherigen WM-Auftritte des Teams mit Ballack-Ersatz Sami Khedira.

«Ich gehe davon aus, dass wir jetzt auch ins Finale kommen», sagte Ballack vor der Neuauflage des EURO-Finals natürlich im Bewusstsein, dass er diesmal nur tatenlos auf der Tribüne hocken kann. Längst haben die Spekulationen um Ballacks Zukunft im DFB-Team begonnen. «Als Freund» hatte Bayern-Präsident Uli Hoeneß dem Ausnahmefußballer Ballack bereits geraten, sich nach der Weltmeisterschaft «voll auf seinen Verein zu konzentrieren». Der gebürtige Sachse selbst schiebt das Thema seit der Verletzungs-Diagnose vor sich her: Alles «neu ordnen» wollte der 98-malige Nationalspieler in seiner Zwangspause.

Ballack ist erfahren genug, seine Situation einschätzen zu können. Im WM-Quartier in Südafrika sucht er die Nähe zum Team. Am freien Nachmittag am Tag nach dem Argentinien-Spiel war Ballack, der seit einer Woche ohne Gips ist, mit einigen Kollegen sogar auf einer Autorennbahn bei ein paar Proberunden dabei. Die Jugend-Welle im deutschen Team könnte den Neu-Leverkusener dennoch zum unvollendeten Fußballer machen, was einen großen Titel betrifft.

Für seine Kollegen ist dies aktuell ein Randthema. In Absprache mit Teamarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und den Fitnesstrainern absolviert der 33-Jährige völlig unabhängig von der Mannschaft ein spezielles Reha-Programm in Südafrika. Es könne ja durchaus sein, dass die Mannschaft mit Ballack «noch viel besser» spiele, übermittelte zumindest Bastian Schweinsteiger, der ohne seinen etatmäßigen Nebenmann zum Mittelfeld-Chef aufgestiegen ist.

«Michael hat über viele Jahre hinweg gerade auch bei den Turnieren gute Leistungen gebracht», sagte Joachim Löw nach dem Argentinien-Triumph auf die Frage, ob sein neues Team vielleicht sogar befreit wirke ohne Ballack. «Wir haben nach seiner Verletzung gesagt, okay, diese Situation hat sich so ergeben, und wir werden es schaffen, die Verantwortung aufzuteilen und ihn zu ersetzen. Das haben wir in diesem Turnier geschafft», sagte der Bundestrainer.