Archivierter Artikel vom 12.02.2019, 05:45 Uhr

Holzklasse statt Luxuspötte

Bahamas per Postschiff erleben

Reisen auf Postschiffen wie der „Bahamas Daybreak III“ und der „Captain C“ – das ist die vielleicht ursprünglichste Art, die Bahamas zu erleben. So lässt sich außerdem Station auf Trauminseln machen, fernab von Kreuzfahrtgewässern.

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«Bahamas Daybreak III»
Auf Postschiffen wie der «Bahamas Daybreak III» können auch Passagiere mitfahren.
Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn

Nassau (dpa/tmn). „Kühl halten“ steht auf den Eierkartons, die am Kai in der prallen Sonne braten. Autoreifen stapeln sich neben Erdnuss- und Zwiebelsäcken. Ein Kran hievt palettenweise Bierdosen an Bord. Die Abfahrt der „Bahamas Daybreak III“ verzögert sich, am Ende um eine Spielfilmlänge.

French Leave Beach
Karibische Leuchtspiele: Über zwei Kilometer zieht sich der French Leave Beach.
Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn

Das Zeitverständnis der Bahamer ist nicht an die Zeiger der Uhr gekoppelt. Einfach cool bleiben in der Dauerwärme. Das gilt auch für Passagiere. Sie können auf Postschiffen zu den entlegenen Out Islands mitfahren. Transportiert wird alles Erdenkliche. Obst und Käse für Tante-Emma-Läden. Blumenkübel für Resorts. Medikamente für Ärzte. Sofas für Privatleute.

Schweine auf Big Major Spot
Sauerei: Die Schweine auf Big Major Spot können den Touristen schon ziemlich auf die Pelle rücken.
Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn

Start vom Frachthafen Potter's Cay

Exuma Cays
Die Exuma Cays bestehen aus mehr als 360 Inseln. Die meisten sind unbewohnt.
Foto: Bahamas Tourist Office/dpa-tmn

Startpunkt ist der Frachthafen Potter's Cay in Nassau, der Hauptstadt des zersplitterten Inselstaats. Dort ist alles ganz anders als wenige Kilometer entfernt in Downtown, wo im Kreuzfahrtterminal austauschbare Riesengebirge einlaufen und Gäste zu Tausenden ausspucken.

«Captain C»
Auf Staniel Cay wird die «Captain C» entladen.
Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn

Etwa 20 Postschiffe, sogenannte Mailboats, verkehren im Archipel. Das kalkuliert Delores Forbes-Berry im Dockmaster's Office rasch durch. Die Mittfünfzigerin ist ein Urgestein, unsäglich hilfsbereit und freundlich, wie fast alle Bahamer.

Historische Bibliothek auf Eleuthera
Im Stile einer Großvilla ist die historische Bibliothek auf Eleuthera gehalten.
Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn

Sie druckt den Wochenfahrplan der Boote aus. Heute, an einem Montag, legt die „Bahamas Daybreak III“ ostwärts nach Governor's Harbour auf Eleuthera ab. Aus dem vorgesehenen Spätnachmittag wird letztlich Abend. Sieben Stunden dauert die Passage, Ankunft in der Nacht, Rückfahrt tags darauf mittags. Das Ticket kostet 35 Dollar.

Tyrone Archer
Tyrone Archer steuert die «Bahamas Daybreak III».
Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn

Flexibilität gefragt

Ammenhaie
Die Ammenhaie sind die Attraktion im Hafen von Compass Cay.
Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn

Unterwegs zu sein auf Postschiffen bedeutet, die Bahamas auf die vielleicht authentischste und preisgünstigste Art zu erleben. Was voraussetzt, hart im Nehmen zu sein, flexibel und bereit, Ziele anzusteuern, zu denen man niemals wollte. Und auf solche zu verzichten, die man ursprünglich im Kopf hatte. Fahrpläne und Destinationen wechseln. Volle Kraft weg aus der Planungs- und Komfortzone, die mit der Maschinerie des Kreuzfahrttourismus so nahe liegt. Parallelwelten in der Karibik. Harte Holzbänke statt Polsterliegen auf Sonnendecks.

Güter für das Postschiff
Obst und Käse für Tante-Emma-Läden, Blumenkübel für Resorts, Sofas für Privatleute, Baumaterial: Fast alles wird auf den Postschiffen transportiert.
Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn

„All inclusive“ ist das, was auch die Crew bekommt: Wasser, Instantkaffee, schlichte Mahlzeiten auf Styroportellern. Die Passagiere werden mitverpflegt. Das Entertainment besteht aus Kontakten mit Bahamern, die so wunderbar ungezwungen und kommunikativ sind. Jermaine Walkes, 29, Techniker für Klimaanlagen und Kühlgeräte, ist gerade auf Arbeitsmission nach Eleuthera. Der Auftrag lautet, für einen Geschäftsmann mehrere Tiefkühltruhen zu reparieren.

Anicka Armbrister
Anicka Armbrister ist die gute Seele der «Captain C».
Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn

Ankunft auf Eleuthera

Etienne Maycock
Etienne Maycock ist Kapitän auf der «Captain C».
Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn

Stimmengewirr verrät die nächtliche Ankunft auf Eleuthera. Egal. Einfach liegen bleiben auf der dünnen Matratze. Der Wecker klingelt zum Sonnenaufgang um 7.00 Uhr. Bleiben fünf Stunden für den Landausflug. Nicht im klimatisierten Bus und Entenmarsch hinter Schildhochhaltern her, sondern in Eigenregie zu Fuß. Natürlich könnte man auch eine Woche bleiben, dann kommt die „Bahamas Daybreak III“ zurück. Wahrscheinlich. Governor's Harbour war einer der Gründungsorte der Bahamas. In der weiten Bucht ankern Jachten und Katamarane.

Felsenleguane
Tierische Begegnung: Am Strand von Iguana Cay tummeln sich Felsenleguane.
Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn

Inselhüpfen funktioniert nicht per Postschiff. Die Wege führen immer zurück nach Nassau, dem Umschlagplatz des Warenverkehrs. Tags darauf steht die „Captain C“ zum Einstieg bereit. Kurs Südost auf die Exuma Cays. „Vergangene Woche sind wir wegen Wartungsarbeiten nicht gefahren, jetzt haben wir doppelt so viel Ladung“, entschuldigt Kapitän Etienne Maycock, 52, die zehnstündige Verspätung bis weit nach Mitternacht. Kein Problem.

Delores Forbes-Berry
Delores Forbes-Berry behält im Dockmaster's Office den Überblick über die abfahrenden Postschiffe.
Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn

Von Insel zu Insel

Kreuzfahrthafen in Nassau
In Sichtweite der größeren Pötte: Nicht weit vom Frachthafen Potter's Cay entfernt liegt in Nassau der Kreuzfahrthafen.
Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn

Die Exumas liegen weit verstreut. 365 Inseln sollen es sein, mehrheitlich unbewohnt. Die ersten geraten am frühen Morgen in Sicht. Fortan läuft im Bordprogramm großes Landschaftskino. Die Weiten im Archipel. Farbfluten. Sandbänke. Einsame Strände.

Schiffe am Anleger
Fracht statt Luxuskabine: Während im Hintergrund die Kreuzfahrtschiffe ablegen, werden vorne Waren eingeladen.
Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn

Auf ihrer Route steuert die „Captain C“ Inseln wie Norman's Cay an, wo die fleißige Crew entlädt, was das Zeug hält. Maat Cephas Maycock, 57, der Bruder des Kapitäns, kontrolliert die Frachtlisten. Arbeitsalltag. Einzelne Eilande sind in Privathand. US-Schauspielstar Tyler Perry hat für heute reichlich Orangensaft und Gasflaschen ordern lassen. Packungen mit Erdbeeren wandern von Hand zu Hand aus dem Kühlraum zum Promi-Personal an der Mole. Gelegentlich ist die Reihe an Johnny Depp und David Copperfield, die Kapitän Etienne persönlich noch nie gesehen hat.

Holzklasse auf dem Postschiff
Allzu viel Luxus sollte man nicht erwarten: Die Kabinen auf Postschiffen wie der «Captain C» sind sehr einfach.
Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn

Der Ausstieg erfolgt auf Staniel Cay. Ab hier fliegen Propellermaschinen regelmäßig zurück nach Nassau. Möwen kreischen. 118 Einheimische leben ständig auf Staniel Cay, einige US-Pensionäre haben hier ihren Zweitwohnsitz. Die kleine, sandige Pirate Trap Beach im Norden ist menschenleer, ebenso der Küstenpfad über die Klippen im Osten. In der Marina tummeln sich Ammenhaie – und größere Fische, denen Protzjachten gehören.

Bahamas
Per Postschiff können Reisende die Bahamas auf ursprüngliche Weise kennenlernen. Auch so manche Trauminsel liegt auf den traditionellen Transportrouten.
Foto: dpa-infografik

Begehrte Traumgegenden

Schwein am Strand
Da bekommt der Begriff «Meerschwein» eine ganz andere Bedeutung: Auf Big Major Spot trifft man echte Hausschweine am Strand an.
Foto: Andreas Drouve/dpa-tmn

Tierischen Nachschlag beschert ein Halbtagestrip im Kleinboot. Felsenleguane am Strand von Iguana Cay. Schweine auf Big Major Spot. Ja, landläufige Hausschweine. Sobald sich Boote nähern, wittern sie Nahrung und schwimmen den Ausflüglern durchs Salzwasser entgegen. Kurios. Da bekommt der Terminus „Meerschwein“ eine ganz neue Note. Attraktion auf Compass Cay sind handzahme Ammenhaie, mit denen man im Hafenbecken ein Bad nimmt und dramatische Fotos im Netz postet.

Die Kreuzfahrtgewässer mögen weit weg sein, touristisch unbeleckt sind die Traumgegenden nicht. Filmfans sind sie durch den Mitte der 1960er Jahre gedrehten James-Bond-Streifen „Feuerball“ bekannt.

Geschüttelt, nicht gerührt. Das passt gut zum windigen Rückflug. In der Tiefe trägt die Karibik Schaumkronen. Die „Captain C“ ist längst weg, aber Käpten Etiennes kurze Antwort auf die Frage fest im Gedächtnis verankert, ob das für ihn die Arbeit im Paradies sei: „Ja.“

Bahamas

An- und Einreise: Flüge auf die Bahamas führen oft über die USA, unter anderem Miami. Dafür braucht man eine Esta-Reisegenehmigung. Der Online-Antrag kostet 14 US-Dollar. Die Einreise auf die Bahamas ist visumfrei.

Tipps und Hinweise: Montags morgens sollte man sich im Nassauer Frachthafen Potter's Cay einfinden, um zu erfragen, wann und wohin die Postschiffe im Verlauf der Woche fahren. Typische Starttage sind Montag, Dienstag und Mittwoch. Ausklammern sollte man Juni bis Oktober/November. Für Übernachtungen in den Kojen leichten Schlafsack mitbringen.

Informationen: www.bahamas.com