Archivierter Artikel vom 07.11.2012, 10:06 Uhr

Ausblick: US-Präsident muss riesige Probleme lösen

Washington – Um zu begreifen, welchen Problemberg Amerika angehäuft hat, braucht man nur Grant Ferowich eine Weile zuzuhören. Irgendwann zitiert der angehende Ökonom aus dem Brief, den ihm sein College vor Beginn des neuen Studienjahres zuschickte. „Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass wir die Gebühren lediglich um 3 Prozent anheben werden“, heißt es in dem Schreiben. Ergo muss Ferowich fortan in zwölf Monaten 45 000 Dollar berappen, um an der Wake Forest University in Winston-Salem, North Carolina, studieren zu können.

Lesezeit: 3 Minuten

Washington - Um zu begreifen, welchen Problemberg Amerika angehäuft hat, braucht man nur Grant Ferowich eine Weile zuzuhören. Irgendwann zitiert der angehende Ökonom aus dem Brief, den ihm sein College vor Beginn des neuen Studienjahres zuschickte. „Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass wir die Gebühren lediglich um 3 Prozent anheben werden“, heißt es in dem Schreiben. Ergo muss Ferowich fortan in zwölf Monaten 45 000 Dollar berappen, um an der Wake Forest University in Winston-Salem, North Carolina, studieren zu können.

Seine Eltern, der Vater Ingenieur bei Hewlett-Packard, die Mutter bei einem Kurierdienst beschäftigt, stemmen die finanzielle Last irgendwie – schließlich soll der Junior einen guten Start ins Berufsleben haben. Grant Ferowich aber spricht ernüchtert vom Wahnsinn des Wettrüstens des bildungsindustriellen Komplexes. „Hey, die prahlen auch noch damit, dass sie noch teurer werden.“

Mit 1 Billion Dollar in der Kreide

Die Lage ist prekär. Seit Beginn der 80er-Jahre sind die Kosten für eine Hochschulausbildung inflationsbereinigt um 360 Prozent gestiegen. Insgesamt stehen US-College-Absolventen bei Banken mit rund 1 Billion Dollar in der Kreide – eine höhere Summe als die gesamten Kreditkartenschulden des Landes. „Und die Politiker lassen uns Junge links liegen, die kümmern sich mehr um die Alten, weil die besser organisiert sind als unsereiner“, klagt Ferowich. „Wir brauchen Politiker, die sagen: Stopp, niemand schraubt mehr an den Studiengebühren.“

Da Bildungschancen über die Zukunft entscheiden, dürften die Exzesse der Universitäten auf lange Sicht ein zentraler Debattenpunkt werden. Allzu oft entscheidet das Portemonnaie der Eltern darüber, wer sich ein Studium leisten kann und wen die Kosten abschrecken. Mit dem Credo der Vereinigten Staaten, den sozialen Aufstiegschancen für alle, ist die Praxis längst nicht mehr vereinbar. Doch weil sich die politische Klasse nur noch von Krise zu Krise hangelt, statt Grundsätzliches anzugehen, bleibt Ferowichs Mahnung vorerst ein frommer Wunsch. In den nächsten Wochen werden andere Themen den Diskurs bestimmen, allen voran die „fiscal cliff“.

Die Fiskalklippe wird den Präsidenten so gründlich beschäftigen, dass keine Zeit bleibt für große Entwürfe. Dabei ist angesichts von zwölf Millionen illegalen Immigranten eine Einwanderungsreform überfällig. Und die Misere im Zuge des Wirbelsturms „Sandy“ hat wieder einmal deutlich gemacht, welchen Rückstand US-Großstädte bei der Infrastruktur aufzuholen haben. Es mangelt nicht an Stimmen, die einen neuen Modernisierungskraftakt fordern, vergleichbar mit den Staudammkaskaden Franklin D. Roosevelts oder dem Autobahnbau Dwight Eisenhowers. In der Praxis jedoch beherrscht der Sparzwang alles.

Eine Rezession droht

Finden Demokraten und Republikaner im Kongress bis zum 31. Dezember keinen Mittelweg zum Abbau des Defizits, tritt automatisch in Kraft, worauf sich beide Parteien im vergangenen Jahr am Ende eines erbitterten Schuldenstreits geeinigt hatten. Dann steigen die Bundessteuern für alle Einkommensgruppen auf das Niveau von 2001. Die Ausgaben der Alten-Gesundheitsfürsorge Medicare werden um ein Drittel reduziert, bei Pentagon und FBI wird der Rotstift ebenso angesetzt wie bei den Nationalparks.

Unterm Strich würde die fatale Kombination aus Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen dem Wirtschaftskreislauf rund 500 Milliarden Dollar entziehen, das sind etwa 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der Effekt dürfte ausreichen, um das Land zurück in die Rezession rutschen zu lassen. Mehr noch: Mitte Februar, schätzen Experten, ist das Limit von 16,4 Billionen Dollar erreicht, bis zu dem Uncle Sam sich verschulden darf. Was bedeutet, dass der Staat seine Gläubiger nicht mehr bezahlen kann, falls das Parlament die Obergrenze bis dahin nicht anhebt.

Wer sich an den nervenzerreißenden Poker des Sommers 2011 erinnert, ahnt, auf welche Gratwanderung die anstehende Verhandlungsrunde hinauslaufen kann. Zumal die Kräftebalance im Kongress weiterhin Kompromisse diktiert: Weder Demokraten noch Republikaner werden die Legislative beherrschen. Die politische Spaltung wird den Präsidenten zumindest bis zur Parlamentswahl im Herbst 2014 begleiten.

Von unserem USA-Korrespondenten Frank Herrmann