Archivierter Artikel vom 31.12.2013, 12:45 Uhr
Nürnberg

August 2013: Mollath kämpft sich frei

Recht haben und Recht bekommen sind auch in Deutschland manchmal zwei verschiedene Dinge. Wohl kaum jemand anderes hat dies in diesem Jahr so sehr zu spüren bekommen wie der 57-jährige Gustl Mollath. Zu Jahresbeginn gilt der Nürnberger aus Sicht der bayerischen Justiz als gefährlich, als einer, der nicht ganz klar bei Verstand ist, wie es ein Richter ausgedrückt haben soll.

Knorrig und eigenwillig: Gustl Mollath bringt die bayerische Justiz schwer in Bedrängnis. Foto:
Knorrig und eigenwillig: Gustl Mollath bringt die bayerische Justiz schwer in Bedrängnis.
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Von unserem Redakteur Christian Kunst

Am Ende des Jahres ist der knorrige Mann ein Medienstar, einer, der die bayerische Justizministerin Beate Merk herausgefordert und gewonnen hat. Im Frühjahr soll das Strafverfahren gegen ihn vor dem Landgericht Regensburg neu aufgerollt werden – Mollath hat große Chancen von dem Vorwurf freigesprochen zu werden, seine von ihm geschiedene Frau körperlich misshandelt und Autoreifen zerstochen zu haben.

Von der Psychiatrie in die mögliche Freiheit – für Mollath ist das ein steiniger Weg. Seit 2006 sitzt er in der Psychiatrie. Dies ist Folge eines Rosenkrieges der besonderen Art: Im Jahr 2002 zerstreitet sich Mollath mit seiner Frau, damals Mitarbeiterin der HypoVereinsbank in Nürnberg. Sie erstattet Anzeige wegen Körperverletzung. Über ihren Anwalt unterstellt sie ihm eine „ernsthafte psychische Erkrankung“. Im August 2003 erhebt die Nürnberger Staatsanwaltschaft Anklage gegen Mollath.

Im Dezember folgt Mollaths Anzeige gegen seine Frau sowie mehrere Mitarbeiter und Kunden der HypoVereinsbank: Er war nach seinen Angaben bei mehreren Fahrten dabei, als seine Frau als Kurierin Schwarzgeld deutscher Kunden in die Schweiz transportierte. Seine Vorwürfe formuliert Mollath auch in skurrilen Briefen an Behörden, die HypoVereinsbank, den Papst, Theodor Heuss und UN-Generalsekretär Kofi Annan. Mollath wird Opfer seiner eigenwilligen Persönlichkeit und einem Versagen der Justiz- und Finanzbehörden. 2006 ordnet das Landgericht Nürnberg die Unterbringung in einer Psychiatrie an. Brisanz bekommt der Fall erst, als ein interner Prüfbericht der HypoVereinsbank auftaucht, der zumindest einen Teil der Mollath'schen Schwarzgeldvorwürfe erhärtet. Doch wenn dies der Fall ist, sind seine Vorwürfe als Beleg für einen Verfolgungswahn wertlos. Der Verdacht wird größer, dass Mollath willkürlich weggesperrt wurde.

Der aufkeimende Justizskandal ruft den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) auf den Plan, der wie seine Justizministerin Merk eine erneute Überprüfung des Fall fordert. Der erste Versuch scheitert: Zwei Wiederaufnahmeanträge weist das Landgericht Regensburg ab. Die Richter erkennen im ersten Urteil zwar Sorgfaltsmängel. Für eine Sachverhaltsfälschung gebe es aber keine Anhaltspunkte. Nur wenige Wochen später sieht das Oberlandesgericht Nürnberg dies völlig anders: Die Richter betrachten das Attest, das die angeblichen Misshandlungen von Mollaths Frau belegen sollte, als zweifelhaft. Die Ärztin habe die Frau selbst nie untersucht. Was Journalisten wie Mollaths Anwalt Gerhard Strate ebenso überrascht, ist die Eile der Entscheidung. Hier sollte, vermuten Kritiker, wohl ein Mann Recht bekommen, ehe sich ein Justizskandal ausweitet.