Archivierter Artikel vom 16.05.2010, 14:22 Uhr

Auf der Durchreise: Bayern will nach «Gaala» mehr

Berlin (dpa). Am Ende einer denkwürdigen Fußball-Demonstration wurde dem Anlass angemessen nur das Allerfeinste serviert. Bei frischem Beelitzer Spargel mit Tranche vom Kalbsfilet, Kartoffelschnee mit Rahmspinat und pochiertem Wachtelei mit gehobeltem Trüffel feierte die große Familie des FC Bayern München das achte Double der Vereinsgeschichte.

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Bayern-Sause
Hamit Altintop (l) und Franck Ribéry feiern in Berlin den Pokalgewinn.

Doch spätestens beim mitternächtlichen Bayern-Bankett machte an allen Tischen das T-Wort die Runde. «Wir haben das Double, jetzt wollen wir das Triple», sagte Nationalspieler Philipp Lahm vor dem «Spiel des Jahres» im Champions-League-Finale gegen Inter Mailand am 22. Mai in Madrid.

«Ich glaube, dass diese Mannschaft dieses historische Ereignis am nächsten Samstag packt», sagte Karl-Heinz Rummenigge angesichts der «Fußball-Gaala» gegen Werder Bremen. Der Vorstandschef war festlichster Stimmung, als er sich um halb eins in der Nacht in der Hauptstadt-Repräsentanz des Sponsors Telekom auf der Bühne vor sein Team mit Trainer Louis van Gaal stellte und zum Mikrofon griff.

«Das, was hinter mir steht, das kann einen nur mit Stolz, mit Freude und großer Genugtuung erfüllen. Was wir heute gesehen haben, war eine Demonstration des Fußballs, wie schön Fußball sein kann, wie leicht Fußball sein kann», sagte Rummenigge.

Lob kam auch aus Sizilien. «Glückwunsch an die Bayern, sie haben fantastisch gespielt. Sie spielen Fußball auf einem ganz hohen Niveau», übermittelte Bundestrainer Joachim Löw aus dem Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft – und ist schon jetzt gespannt darauf, wie sich seine Protagonisten um Lahm, Butt, Schweinsteiger & Co. gegen Inter schlagen werden.

Mit einem ebenso ungefährdeten wie verdienten 4:0 hatte der frisch gekürte deutsche Meister den Titelverteidiger SV Werder Bremen vorgeführt, in einigen Szenen geradezu gedemütigt. Doch es war weniger die Tatsache, dass Kapitän Mark van Bommel aus den Händen von Bundespräsident Horst Köhler den «Pott» erhielt, die die 72 954 Zuschauer staunen ließ. Es war die Art und Weise, wie die Bayern des Jahrgangs 2010 ihren Gegner beherrschten, die allen Augenzeugen Respekt und Hochachtung abverlangte.

«Wir haben gegen die momentan beste deutsche Mannschaft verloren», gab Werder-Torwart Tim Wiese zu, der mit einigen Paraden Schlimmeres verhinderte. «Wir sollten nicht zu traurig sein und ehrlich sagen, dass die Bayern verdient gewonnen haben», sagte Kapitän Torsten Frings, der nach einem Frust-Foul in der 77. Minute die Gelb-Rote Karte gesehen hatte. Zu diesem Zeitpunkt war die einseitige Partie nach den Toren des wieder einmal überragenden Arjen Robben (35./Handelfmeter), des wie immer nimmermüden Ivica Olic (51.), des diesmal defensivstarken Franck Ribéry (63.) und des mannschaftsdienlichen Bastian Schweinsteiger (83.) längst entschieden.

Natürlich durfte nach dem Festspiel auf dem Rasen das obligatorische Feuerwerk nicht fehlen, natürlich wurde Champagner verspritzt und Weißbier verschüttet und der Himmel über Berlin mit Gold-Konfetti-Regen getränkt. Und doch entlud sich die Party-Laune selbst bei «Feierbiest» Louis van Gaal nicht wie eine Woche zuvor bei der Meisterschaftsfeier an gleicher Stelle.

Berlin war diesmal nur eine Durchgangsstation für die brillanten Bayern. Als hätten sie sich zuvor darauf verständigt und die Dialoge eingeübt, erwähnte einer nach dem anderen in den engen Katakomben des Olympiastadions das Zauberwort Madrid. Gegen Inter will der deutsche Rekordmeister und -pokalsieger im Stadion der «Königlichen» die «Krönung», wie es Sportdirektor Christian Nerlinger formulierte. Und zumindest die italienische Presse scheint die Münchner schon zu fürchten. «Jetzt übertreiben sie es aber! Inters Champions-League-Gegner zerreißt Werder. Bayern ist unaufhaltsam!», schrieb «La Gazzetta dello Sport».

Van Gaal wählte einen berechtigten Superlativ («eines der besten Spiele der Saison»), kündigte aber auch an: «Am Mittwoch fange ich an mit der Vorbereitung auf Inter Mailand.» Am 22. Mai 2010 kommt es im Estadio Bernabeu zu Madrid zum finalen Showdown um die Krone in der Königsklasse, zur großen Chance auf das Triple. Rummenigges Glaube an den historischen Dreifach-Erfolg ist riesig: «Ich habe das Gefühl, diese Mannschaft hat eine Leidenschaft, einen Willen, einen Kampfgeist, wie wir ihn lange nicht mehr hatten.»