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Koblenz/Rolandseck

Architektur im Dornröschenschlaf: Das ehemalige Hotel Rheingold-Bellevue in Rolandseck

Über den schweren Stoff des wuchtigen Bettes winden sich die Ranken einer Grünpflanze. Von der Fassade durchs Fenster herein hat sie sich ihren Weg gebahnt auf das wie vergessen im Raum stehende Möbelstück. Sie breitet ihr Grün aus, sodass es nahezu wie eine zweite Decke darüberliegt. Ein verträumter, märchenhaft anmutender Anblick, der davon erzählt, wie die Zeit vergeht, wie Glanz erlischt und Glamour verraucht. Und der zeigt, wie sich aus dem Vergänglichen Faszinierendes filtern lässt.

Von unserer Redakteurin Anke Mersmann

Genau das ist dem Fotografenmeister Matthias Brand aus Vallendar gelungen, als er das frühere, einst prächtige Hotel Rheingold-Bellevue in Rolandseck fotografiert hat. Die Glanzzeiten sind längst vorüber, seit den 70er-Jahren steht es leer. Dem Fotografen war das Gebäude gegenüber dem Arp Museum schon lange von außen bekannt, irgendwann kam die Idee, es von innen für eine Werkserie zu fotografieren. Der Hausherr gab sein Okay.

Brand ist auf Werbefotografie spezialisiert, Architektur setzt er ebenfalls häufig ins rechte Bild. Ein quasi vergessenes Gebäude aber hat er noch nie im Sucher gehabt. „Mich hat an diesem Projekt gereizt, den Charme des Vergänglichen aufzuspüren“, sagt er. Mit seiner Serie knüpft er an einen in den vergangenen Jahren populär gewordenen Themenschwerpunkt in der Fotografie an: an die Bilder der sogenannten Lost Places, die verlorenen Orte. Von vergessener, gar dem Verfall preisgegebener Architektur geht eine Spannung aus, die rund um den Globus Menschen fasziniert und die sie mit der Kamera fixieren.

Wie Matthias Brand seine Suche nach dem Charme des Vergänglichen festgehalten hat, ist derzeit in der Galerie Handwerk, Rizzastraße 24–26, zu sehen. „Architektur im Dornröschenschlaf“ hat der Fotograf seine Serie genannt. Es ist ein erzählender, sehr beschreibender Titel, wirken seine Motive doch so, als läge über der fotografieren Szenerie eine Art Zauber.

Dieser Eindruck ist der Sichtweise Brands zu verdanken, der seinen Blick auf die kleinen Dinge gerichtet hat, um der Vergänglichkeit ihre optischen Reize zu entlocken: Er zeigt blätternden Putz, Risse, die einstmals makellose Glasur der Fliesen im Bad wie Netze überziehen. Er hat einen Blick für verloren im Raum stehende Möbelstücke und einsam im Regal lehnende Bücher oder eben für das üppig rankende Grün, das sich langsam in den verblichenen Glanz drängt.

All das hat Matthias Brand fotografiert, nicht mit einer dokumentarischen Absicht, sondern mit einer künstlerisch-erzählenden. Lichtstimmungen waren ihm dabei besonders wichtig, er arbeitete mit langen Belichtungszeiten. Dies hat zur Folge, dass den meisten seiner Fotografien ein sanfter, malerischer Stil zueigen ist. Vereinzelt wirkt es gar so, als ob Farben mit einem Pinsel strukturreich aufgetragen sind. Dabei zeigt Brand splitterndes Holz und weiße Lackreste nur mit ungeheurer Schärfe und Tiefe. In diesem Fall driftet der Eindruck hinüber ins Hyperrealistische.

Um derlei Details abzulichten, hat Brand auf die richtigen Lichtbedingungen gewartet, mit zusätzlicher Beleuchtung hat er nicht gearbeitet. „Mir war es wichtig, die Räume so zu zeigen, wie ich sie wahrgenommen habe.“ Deshalb ist der Fotograf auch in der Nachbearbeitung der Bilder am Computer zurückhaltend gewesen. Und vor Ort sowieso: Verändert oder arrangiert hat er in den verwaisten Räumen so gut wie nichts, allenfalls ein Möbelstück ein paar Zentimeter verschoben. Den Charme des Vergänglichen wollte er nicht inszenieren, sondern aus sich selbst sprechen lassen. Dazu gehören auch die Ranken auf dem Bett. Sie sind nicht drapiert, sie wachsen einfach. Vielleicht tun sie es noch so lange, bis das Hotel Rheingold-Bellevue eines fernen Tages aus seinem Dornröschenschlaf erwacht.

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