Archivierter Artikel vom 31.12.2013, 12:21 Uhr
München

April 2013: Zschäpes Schweigen

Mehr als 60 Verhandlungstage sind vorbei im Münchner NSU-Prozess. Stück für Stück formt sich ein Bild von der Terrorgruppe und ihren Taten. Weitgehend aufgearbeitet hat das Gericht die Morde der sogenannten Ceska-Serie: Mit der Pistole aus tschechischer Produktion erschossen die Rechtsterroristen neun Geschäftsleute ausländischer Herkunft.

Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt (Mitte) und Uwe Mundlos: Der Prozess bringt Licht in das Leben des NSU-Trios.
Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt (Mitte) und Uwe Mundlos: Der Prozess bringt Licht in das Leben des NSU-Trios.

Von Jochen Neumeyer

Neun Mal zerschossene Leben, neun Mal ratlose Angehörige, die selbst ins Visier der Ermittlungen gerieten. Und immer wieder Ermittler, die auch im Nachhinein keine Fehler eingestehen wollen, so als ginge es vor Gericht in erster Linie darum, eine falsch verstandene Berufsehre zu verteidigen. Anders der Vorsitzende Richter Manfred Götzl. Er zeigte zunehmend Geschick im Umgang mit den Angehörigen, gab ihnen und ihrem Schmerz Raum in dem Verfahren. Am ergreifendsten war wohl der Appell der Mutter des in Kassel ermordeten Halit Yozgat, die sich direkt an die Hauptangeklagte Beate Zschäpe wandte: „Jeder kann Straftaten begehen, aber ich bitte Sie um Aufklärung“, sagte sie. Doch Zschäpe schwieg.

Mittlerweile ist der Prozess in eine neue Phase getreten: Das Gericht versucht, das Umfeld des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ auszuleuchten. Allmählich gewinnt das Bild der Gruppe Konturen – ein Bild, das allerdings noch lange nicht frei ist von Widersprüchen und blinden Flecken. Erstaunlich ist, wie sich die drei offenbar an unterschiedlichste Milieus anpassen konnten. Beate Zschäpe saß öfter in diesem Kreis und trank Prosecco – weit häufiger, als es nötig gewesen wäre, um die Fassade der Gruppe aufrechtzuerhalten. Mundlos und Böhnhardt hingegen hielten Abstand: „Mal Guten Tag und Guten Weg, und das war's“, sagte ein Nachbar. Eine ganz andere Seite lernten hingegen die Urlaubsfreunde kennen, die Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt im Sommer auf einem Campingplatz an der Ostsee trafen. Über Jahre hielten sie Kontakt zu den Familien: ein Informatikerpaar, ein Bauingenieur und eine Drogistin, beide Paare mit Kindern – grundbürgerliche Menschen, denen noch immer das Erschrecken darüber anzumerken ist, mit wem sie es in Wirklichkeit zu tun hatten.

Das Bild von kontaktgestörten Killern, die sich nur dank Zschäpe in menschlicher Gesellschaft bewegen konnten – es wurde korrigiert. Das Innenleben des Trios wird das Gericht noch eine Weile beschäftigen. Zschäpes Rolle innerhalb der Gruppe dürfte mitentscheidend sein, ob sie – wie angeklagt – als Mittäterin an den Attentaten verurteilt wird oder nur als Gehilfin.

Noch ist das Bild bruchstückhaft, und einige Tatkomplexe sind noch überhaupt nicht zur Sprache gekommen: die beiden Bombenanschläge in Köln, das tödliche Attentat auf eine Polizeistreife in Heilbronn und die Banküberfälle. Das Gericht hat schon jetzt Verhandlungstermine bis Ende 2014 angesetzt.