Archivierter Artikel vom 15.12.2012, 14:42 Uhr
Washington

Amoklauf in Newtown: Neue Waffen-Debatte in den USA

Noch nie haben die Amerikaner ihren Präsidenten derart aufgewühlt, derart schockiert erlebt wie nach dem entsetzlichen Blutbad in der Sandy Hook Elementary School. Barack Obama hatte mit den Tränen zu kämpfen, ein paar Sekunden lang konnte er nicht weiterreden, als er von den toten Kindern sprach, von Fünf- bis Zehnjährigen, die ihr gesamtes Leben noch vor sich hatten, „Geburtstage, Abschlussfeiern, Hochzeiten, eigene Kinder“.

Die USA hätten solche Tragödien schon zu oft durchmachen müssen, beklagte Obama. „Ob es eine Grundschule in Newtown ist, eine Shopping-Mall in Oregon, ein Tempel in Wisconsin, ein Kino in Aurora oder eine Straßenecke in Chicago – diese Wohnviertel sind unsere Wohnviertel, und diese Kinder sind unsere Kinder. Und wir müssen zusammenkommen und etwas Sinnvolles unternehmen, um weitere Tragödien wie diese zu verhindern.“

Wie so oft traf er genau den richtigen Ton, der Vater zweier Mädchen, der in solchen Momenten die Rolle des Seelentrösters der Nation spielen muss. Auch den Ort seiner kurzen Rede hatte er mit feinem Gespür gewählt. Obama sprach im James S. Brady Room, dem viel zu kleinen, viel zu stickigen Pressesaal des Weißen Hauses, benannt nach einem Sprecher Ronald Reagans, der im Rollstuhl sitzt, seit ihn 1981 die Kugeln des Attentäters John Hinckley trafen. Die wohlüberlegte Symbolik ändert nichts daran, dass sich das Weiße Haus mit Widerspruch auseinanderzusetzen hat, mit der Forderung, Worten endlich Taten folgen zu lassen.

Bislang hat es die Administration tunlichst vermieden, sich mit der National Rifle Association (NRA), der mächtigen Waffenlobby, anzulegen. Auch manche Obama-Wähler sind dort organisiert, und besonders in ländlichen Gebieten plagt demokratische Abgeordnete die Angst vor einer Niederlage beim nächsten Votum, falls sie den Zorn der NRA auf sich ziehen. Doch mit den furchtbaren Bildern aus Newtown könnte die Stimmung kippen: Präsidentensprecher Jay Carney hat es bereits am Freitag ansatzweise zu spüren bekommen. Allzu gebetsmühlenartig schmetterte er die bohrenden Fragen von Reportern mit dem Hinweis ab, dass dies nicht die Stunde sei, um über schärfere Waffenkontrollen zu diskutieren. Es ist so etwas wie die Standardformel nach solchen Tragödien. „Wann sonst?“, entgegnen die Kritiker, denen allmählich der Geduldsfaden reißt. „Dies ist auf alle Fälle der Tag, um darüber zu reden, dieser Tag ist der Grund, warum wir alle darüber reden“, meldete sich Amardeep Kaleka zu Wort. Kalekas Vater, ein gläubiger Sikh, war im August von einem rassistisch motivierten Täter in einem Gotteshaus in Wisconsin ermordet worden. Auch Michael Bloomberg, der Bürgermeister New Yorks, seit langem einer der konsequentesten Fürsprecher strengerer Waffengesetze, hielt sich nicht lange mit der Vorrede auf. „Es muss unverzüglich etwas geschehen. All diese Rhetorik, das haben wir schon vorher gehört. Was wir nicht gesehen haben, ist Führungsstärke – weder vom Weißen Haus noch vom Kongress.“ Ins selbe Horn stieß der Astronaut Mark Kelly, dessen Gattin, die Kongressabgeordnete Gabby Giffords, von einem Amokläufer in Arizona lebensgefährlich verletzt wurde und mühsam das Sprechen wiedererlernt. „Diesmal muss unsere Antwort aus mehr bestehen als aus Bedauern, Trauer und Kondolenzen.“

Unbestritten sind die Fakten. Ungefähr jeder zweite amerikanische Haushalt besitzt mindestens eine Feuerwaffe, 47 Prozent aller Haushalte, um genau zu sein. An einem statistischen Durchschnittstag sterben zwischen Miami und Seattle 32 Menschen an Schusswunden. Verglichen mit anderen Industrieländern, liegt die Rate von Morden, die mit Gewehren oder Revolvern begangen wurden, 22 Mal höher. „Unsere Gesellschaft ist nicht gewalttätiger als andere, aber die Gewalt bei uns ist tödlicher“, fasst Daniel Webster zusammen, ein Experte für Waffenkontrolle am Johns Hopkins Center for Gun Policy, angesiedelt in Baltimore. Nach den Gründen für den traurigen Befund brauche man nicht lange zu suchen, meint Webster. Unter allen westlichen Nationen hätten die USA das schlechteste System, wenn es darum gehe, Waffen von „gefährlichen Menschen“ fernzuhalten. Und manchmal verlaufe die Debatte nach einem schockierenden Blutbad in geradezu absurden Bahnen. Etwa dann, wenn verlangt werde, Flinten auch in Schulen oder Kinos oder Kaufhäusern zuzulassen, damit man sich gegen einen Amokläufer zur Wehr setzen könne.

Einmal mehr ins Visier geraten nun die Gun Shows, Waffenmessen in rustikalem, meist ländlichem Ambiente, wo schlicht außer Kraft gesetzt ist, was es sonst an Kontrollen gibt. Jeder Händler mit Lizenz muss die Personaldaten jedes Käufers mit einer Computerkartei abgleichen, bevor er eine Waffe über die Ladentheke schiebt. Wer vorbestraft ist, in Unehren aus der Armee entlassen wurde, wer illegal ins Land kam oder von einem Richter als nicht zurechnungsfähig eingestuft wurde, bei dem leuchten – bildlich gesprochen – die roten Lämpchen auf. Für die Grauzone der Gun Shows aber gelten die Regeln nicht, dort ist es kinderleicht, selbst halbautomatische Waffen zu erwerben.

Und dass schon Flinten besitzen dürfen, während ihn der Alkoholgenuss von Rechts wegen untersagt ist, halten die Kritiker für eine Regel aus Absurdistan. „Mit 18 darfst du eine Remington kaufen, aber erst mit 21 ein Bier trinken, da muss sich was ändern“, sagt Webster. Zumindest, schlägt er vor, sollte man das Mindestalter für auf 21 Jahre anheben. Es wäre ein erster Schritt zu einer umfassenderen Reform.

Von unserem Washington-Korrespondenten Frank Herrmann