Archivierter Artikel vom 15.03.2011, 22:46 Uhr
München

«Alles ist vorbei»: Wut und Schmerz bei Bayern

Wut, Frust, Leere – nach dem bitteren Champions-League-K.o. herrschte beim FC Bayern fassungsloses Entsetzen über die eigene «Dummheit».

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Frust
Thomas Müller (l) schreit nach dem Abpfiff den Frust von der Seele.
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Niedergeschlagen
Thomas Müller (l) und Mario Gomez können den späten K.o. nicht fassen.
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Die selbstverschuldete 2:3 (2:1)-Heimniederlage gegen Inter Mailand war ein Spiegelbild einer Saison, die nach der letzten verspielten Titelchance in Trümmern liegt. Thomas Müller entlud seine Enttäuschung auf dem Platz in Schreikrämpfen, Bastian Schweinsteiger ging wutentbrannt auf Inter-Provokateur Marco Materazzi los. Der Ärger entlud sich aber auch in gegenseitigen Schuldzuweisungen. «Alle sind enttäuscht, alle sind sauer, alle sind böse», erklärte Arjen Robben nach dem Achtelfinal-K.o.

Frust
Bastian Schweinsteiger (r) ist nach dem K.o. völlig verärgert und muss von den Mailändern getrennt werden.
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«Es ist unfassbar, dass wir gegen Inter Mailand ausscheiden», klagte Schweinsteiger nach der fahrlässig vergebenen Revanche gegen den Titelverteidiger. Der Fußball-Nationalspieler sprach offen die «taktischen» Mängel an, besonders die fehlende Balance zwischen Abwehr und Angriff: «Man muss zusammen offensiv und auch defensiv denken, sonst wird man nicht Champions-League-Sieger.» Und auch nicht deutscher Meister und DFB-Pokalsieger wie noch vor einem Jahr. «Es ist schwierig, die Mannschaft jetzt zu motivieren. Bei uns geht es eigentlich immer bis zum Saisonende um Titel, jetzt geht es 'nur' noch um die Champions-League-Qualifikation», sagte Kapitän Philipp Lahm einen Tag nach der Pleite.

Bezwinger
Der Ex-Münchner Lucio (M) feiert mit Inter den Einzug ins Viertelfinale, Bayern ist am Boden zerstört.
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«Du machst hinten einen blöden Fehler – und alles ist vorbei», haderte Torjäger Mario Gomez, «es ist die Dummheit von uns.» Der Sündenbock war am Ende Innenverteidiger Breno, der das Siegtor von Goran Pandev (88. Minute) tölpelhaft verschuldete. Das war «ein Stich ins bayerische Herz», stöhnte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge.

Schreckminute
Samuel Eto'o (R) schießt nach drei Minuten die schnelle Führung für die Gäste aus Italien heraus.
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«Es passt irgendwie leider in die Saison», sagte Schweinsteiger über den Keulenschlag. Tatsächlich waren die 90 Minuten ein Spiegelbild einer Pannen-Spielzeit mit wenigen Höhepunkten. Offensiv können sich die Bayern in einen Rausch spielen, wie nach dem Rückstand durch Samuel Eto'o (3.). Die vollbesetzte Arena kochte beim Sturmlauf der Turbo-Dribbler Robben und Ribéry, der sich aber nur in den Toren von Gomez (21.) und Müller (31.) auszahlte. Die Chancenverwertung stimmte wieder nicht. «Wir haben grandiose erste 60 Minuten gespielt. Wir hätten schon 4:1 führen müssen», sagte Gomez wie fast alle. «Danach wird man bestraft.»

Bayern-K.o.
Samuel Eto'o erzielt für Inter Mailand das wichtige 1:1.
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Hinten sind die Offensiv-Bayern des Louis van Gaal morsch. Nach Wesley Sneijders 2:2-Treffer (63.) wankten die Münchner – und fielen kurz vor Schluss. Nicht Champions-League-reif sei die Abwehr, schimpfte Robben: «Das ist Konzentration, das sind individuelle Fehler. Es kann nicht sein, dass wir zu Hause drei Tore kriegen gegen eine Mannschaft, die nicht für schönen Fußball bekannt ist.»

Instinktiv
Mit dem Rücken zum Tor spitzelt Mario Gomez (M) den Ball am heranfliegenden Keeper Julio César (l) vorbei ins Tor.
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Van Gaal sprach von einem «Identitätsproblem» seiner Mannschaft. «Wir wollen zu viel und machen ein Spiel nicht fertig. Wir haben das selbst verursacht – und es ist nicht das erste Mal. Da ist soviel Schmerz», sagte der scheidende Trainer: «Wir können nicht sagen, dass Inter Mailand besser war – und trotzdem sind wir raus.»

Ausgleich
Mario Gomez (M) dreht nach seinem genialen Lupfer zum 1:1 jubelnd ab.
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Auch weil er ein Trainer ist, «der sehr angreifend spielen will», und darüber die Defensive vernachlässigt – im Training und im Spiel. Ein Ergebnis zu verwalten, das hat van Gaals Team nicht gelehrt. Das Qualitätsmanko im Abwehrzentrum hat er nicht mit Neueinkäufen behoben, stattdessen mit ständig wechselnden Pärchen ein fatales Chaos ausgelöst – diesmal kam Breno rein und patzte entscheidend.

Trickreich
Bayerns Thomas Müller (oben) hebt den Ball beim 2:1 über den Torwart Julio César hinweg.
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Darum handeln die Bayern-Bosse: Wunschkandidat Jupp Heynckes soll als Trainer kommen, unbedingt auch Nationaltorhüter Manuel Neuer vom FC Schalke 04. Dazu wird der Bundesliga-Krösus Millionen in neue Abwehrspieler investieren müssen. «Das ist nicht der FC Bayern», urteilte der ehemalige Trainer Ottmar Hitzfeld als «Sky»-Experte.

Abschuss
Goran Pandev (r) erzielt den dritten und entscheidenden Treffer für Inter Mailand.
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Noch-Trainer van Gaal kann nun nicht mehr – wie erträumt – als Champions-League-Sieger «durch das große Tor» die Bayern verlassen. Er darf immerhin weitermachen bis Saisonende. «Ja, sicher bleibt er im Amt», versicherte Rummenigge. Aber der Holländer muss retten, was eigentlich nicht mehr zu retten ist. «Die Saison ist nicht mehr gut», erklärte Robben – zwei Monate vor dem Bundesliga-Finale.

Es geht nur noch um Schadensbegrenzung. Man müsse «zumindest noch das erreichen, was wir brauchen: Die Qualifikation für die Champions League», befahl Rummenigge dem Trainer und den Profis. Platz zwei oder drei – das ist der letzte Auftrag für Robben, Ribéry & Co., deren Anspruch Titel und Königsklassen-Duelle mit dem FC Barcelona, Real Madrid oder Manchester United sind. Bis zum Auswärtsspiel beim SC Freiburg muss van Gaal das Team wieder aufrichten. «Es ist nicht leicht nach so einem Nackenschlag. Aber wir müssen in Freiburg gewinnen», sagte Lahm.

Es soll nicht eintreten, was beim Rekordmeister nicht sein darf: «Das Champions-League-Finale nächste Saison im eigenen Stadion ohne den FC Bayern, der dann in der Europa League spielt – das wollen wir unseren Fans nicht antun», sagte Gomez. Der Alptraum droht!