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Frankfurt/Main

Die große Show um den schnellsten Mann der Welt

dpa

Die große Usain-Bolt-Show beginnt in diesem Jahr mit einer Krone und einem Mantel aus Samt. Es ist Anfang Juni in Rom und damit gut neun Wochen vor den Weltmeisterschaften in Moskau und fünf Wochen vor dem Dopingskandal um zwei seiner größten Rivalen.

Usain Bolt
Usain Bolt inszeniert sich gern selbst.
Foto: Andy Rain – DPA

Bolt selbst ist zwar nicht verwickelt in die Affäre um Tyson Gay und Asafa Powell, aber sie unterteilt auch seine Saison in ein «Davor» und ein «Danach». Nach der Dopingaffäre ist er ein mit viel Pomp in Szene gesetzter Sportstar, dem auf einmal viele misstrauen, die ihn immer bewundert haben. Vorher ist er ein mit viel Pomp in Szene gesetzter Sportstar, der überall bestaunt wird wie ein Naturwunder.

Und so hängt Anfang Juni an vielen Orten Roms ein Plakat, das für das Diamond-League-Meeting im Stadio Olimpico wirbt. Es zeigt einen schlanken, hoch aufgeschossenen Mann, der auf dem Kopf eine Krone und in der Hand ein Zepter trägt. Sein purpurroter Königsmantel fällt ihm beinahe auf die Sportschuhe, die rot-weiße Schärpe wird nur überdeckt von einem der Namensschilder, die bei Leichtathletik-Wettbewerben üblich sind. Auf dem Schild steht «BOLT». Auf dem Plakat: «Arrivano I Reali dell'Atletica.» Der König der Leichtathletik kommt.

Usain Bolt hat schon viele Beinamen bekommen, seit er 2008 in Peking zum ersten Mal Olympiasieger über 100 und 200 Meter wurde und ein Jahr später bei der WM in Berlin noch einmal seine eigenen Fabelweltrekorde über beide Strecken verbesserte. Er wird «Der schnellste Mann der Welt» genannt und manchmal auch «Blitz-Bolt». Aber «König der Leichtathletik» trifft es vielleicht am besten.

Es gibt keinen zweiten Sportler, der über seine Sportart so hinausgewachsen ist wie der 26 Jahre alte Jamaikaner. Die Formel 1 hat mindestens Sebastian Vettel und Fernando Alonso, der Tennissport seit Jahren Roger Federer und Rafael Nadal. Aber die Leichtathletik?

Bolt bekommt viel höhere Gagen als alle Anderen, viel mehr Sponsorengelder, viel mehr mediale Aufmerksamkeit. Bislang sollte er seinem Sport vor allem die Stadien füllen und die begehrten Übertragungszeiten im Fernsehen sichern. Kurz vor Beginn der WM in Moskau (10. bis 18. August) hoffen die Veranstalter auch noch, dass Bolt allein das Thema Doping in den Hintergrund drängen wird. «Ich versuche hart zu arbeiten, schnell zu laufen – und hoffentlich vergessen die Leute dann, was passiert ist», sagt er selbst.

Es ist eine Woche nach Rom, wieder ein Diamond-League-Meeting, diesmal in Oslo. Die Diamond League ist eine weltweite Serie, die einem klaren Ablaufplan folgt: Die besten Athleten werden mit einer Siegprämie von 10 000 Dollar gelockt. Die Organisatoren wählen dann fünf, sechs oder noch mehr von ihnen aus, die immer einen Tag vor einem Meeting eine Pressekonferenz im Athletenhotel geben.

Dieser Plan gilt für alle – außer für Bolt. Der sitzt in Oslo in einem Prunksaal der russischen Botschaft mit Blick auf den Fjord und mehreren Kronleuchtern an der Decke. Im Nachbarraum werden Erdbeeren und Champagner serviert. Der Jamaikaner bekommt immer eine eigene Pressekonferenz zu einer eigenen Zeit an einem eigenen Ort.

Es ist noch immer vier Wochen vor dem Fall Powell und Gay, also werden auch keine Fragen zum Thema Doping gestellt. Es ist noch die Zeit, in der Bolt überhaupt nur selten eine Frage zu hören bekommt, häufig handelt es sich um eine in Frageform gekleidete Schmeichelei. «Wie fühlt es sich an, eine Legende zu sein?», will jemand in Oslo von ihm wissen. «Es ist ein wunderbares Gefühl», antwortet Bolt.

Eine Legende, oder zumindest das große Zugpferd der Leichtathletik zu sein, bedeutet in seinem Fall: Er bekommt pro Meeting noch eine Antrittsgage von rund 300 000 Dollar. Und er wird zwei Tage später am Abend des Rennens dem Publikum nicht bloß dadurch vorgestellt, dass der Stadionsprecher einmal laut seinen Namen durch das Mikrofon brüllt. In Oslo fährt Bolt in einem Formel-1-Wagen ins Bislett Stadion. Er dreht ein paar Runden auf der Laufbahn und freut sich wie ein Kind dabei. Die Wettkämpfe der Hoch- und Weitspringerinnen werden eigens unterbrochen für diese Show. Auf der Tribüne erhebt sich das norwegische Kronprinzenpaar und klatscht Beifall.

Wer Usain Bolt zu solchen Wettkämpfen hinterherreist, erhält keine Antwort auf die Frage, ob womöglich auch er gedopt ist. Der große Hype um ihn lässt allerdings erahnen, dass kaum jemand ein Interesse daran hat, dass Bolt jemals erwischt wird.

Spitzensport bedeutet heute, dass längst nicht mehr nur Sportler gegen Sportler antreten, sondern auch Sportarten untereinander um Geld und Aufmerksamkeit konkurrieren. Nach dieser Logik reicht es nicht mehr aus, nur Wettkämpfe zu organisieren und Sieger zu küren. Nach dieser Logik braucht es Rekorde, Glanz, Außergewöhnlichkeit. Bolt beschert der Leichtathletik genau das. Er bedient «die Sehnsucht nach dem Einzigartigen», schrieb der «Spiegel» einmal über ihn. Das Problem ist nur: Solange der Spitzensport nach diesem Prinzip funktioniert, schafft er einen starken Anreiz zum Dopen selbst.

Helmut Digel ist Sportwissenschaftler und sitzt im Council des Weltverbandes IAAF. Er sagt: «Wir haben uns gnadenlos den Gesetzen des Marktes unterworfen und wollen immer mehr Spektakel bieten.» Die Frage ist, was dieses Spektakel um Bolt aus den Beteiligten macht? Aus Bolt selbst, den anderen Athleten und denen, die es veranstalten?

In der Dopingdiskussion hat der Superstar genau die Rolle eingenommen, in die er in den vergangenen Jahren hineingedrängt wurde. Er versucht, über den Dingen zu schweben. Er tut so, als habe er mit dieser Debatte und auch den anderen Athleten nichts zu tun.

Es ist Ende Juli in London und sein erster öffentlicher Auftritt nach den positiven Tests bei Powell und Gay. Auf einmal muss sich Bolt bohrenden Nachfragen zum Thema Doping stellen. «Ich bin sauber», sagt er, das ist sein Standardsatz. Jemand fragt nach dem Schaden, der der Leichtathletik durch diese Affäre entstanden sei. Bolt antwortet: «Das wirft uns definitiv ein bisschen zurück. Aber ich muss mich auf meine eigene Leistung konzentrieren. Ich mache mir keine Gedanken über andere Athleten. Die WM steht bevor.»

Bolt hat nichts Herablassendes an sich, das zeigt eine Szene nur wenige Minuten nach seinem Sieg über 200 Meter in Oslo. Der Weltrekordhalter soll ein paar Statements abgeben und betritt einen kleinen, fensterlosen Raum im Bauch des Stadions. Auf dem Podium für die Sportler sitzt aber noch Jaysuma Saidy Ndure aus Norwegen, der ihm gerade in dem Rennen mit großem Abstand hintergelaufen ist.

Bolt bleibt im Türrahmen stehen und hört zu, wie sein vergleichsweise unbekannter Kollege eine Frage nach der anderen auf Norwegisch beantwortet. Das zieht sich und zieht sich, aber Bolt drängelt nicht oder schaut auf die Uhr. Als Saidy Ndure fertig ist, geht er nach vorn und haut ihm auf die Schulter. «Ich hoffe, du lernst noch Englisch bis zur WM», sagt Bolt. Beide lachen laut los.

Trotzdem gibt es da eine Kluft zwischen dem Superstar und vielen anderen Athleten, und die ist durch die Dopingaffäre eher noch größer geworden. Den Verdacht, dass auch oder gerade der sechsfache Olympiasieger etwas nehmen könnte, sprechen einige mittlerweile offen aus. Warum soll ausgerechnet der schnellste Mann von allen sauber sein, fragt sinngemäß der deutsche 100-Meter-Meister Julian Reus.

Die Ausnahmestellung des Sprintstars ist ein ewiges Streitthema unter den Kollegen. Einige meinen: Am Ende profitieren wir alle von ihm. Er lockt das Fernsehen und die Zuschauer an. Betty Heidler dagegen sagt: «Das ist eine andere Welt. Das ist soweit weg von dem, was ich für realistisch halte. Und ich glaube auch nicht, dass er der Leichtathletik an sich hilft. Denn Leichtathletik ist mehr als 100 Meter. Leider konzentrieren sich alle auf ihn.» Als Hammerwerferin ist Heidler so etwas wie der größte denkbare Gegenpart zu Bolt. In der Diamond League dürfen die Hammerwerfer nicht einmal mitmachen.

Die Organisatoren der großen Meetings kennen diese Klagen, aber sie ignorieren sie. Ihre Antwort auf den Dopingskandal und damit auch auf das wachsende Misstrauen gegenüber ihrer größten Attraktion ist: Noch mehr Bolt. Noch mehr Spektakel. In London wird der Olympiasieger auf einer Art Rakete auf vier Rädern ins Stadion gefahren. Er posiert darauf wie ein römischer Feldherr auf seinem Kriegswagen.

Der Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel hatte wenige Tage zuvor in einem «Focus»-Interview vorgeschlagen, den Spitzensport von dem zu trennen, was er «normalen» Sport nennt. «Hochleistungssport ist Zirkus, ein eigenes Genre», sagte der Pharmakologe. Wer die Bilder von Bolt in London sieht, fragt sich allerdings: Gibt es diese Trennung nicht schon längst? Und ist dieser «Zirkus» nicht genau das, was eine breite Masse an Zuschauern sehen will?

Eine Stunde vor Bolts Auftritt in der russischen Botschaft lässt man in Oslo ausnahmsweise noch zwei andere Sportlerinnen auf sein Podium. Der Botschafter hat mehr als 100 Gäste eingeladen an diesem Abend, er möchte ihnen auch eine russische Athletin präsentieren. Also setzen sich auch Hochspringerin Anna Tschitscherowa und ihre größte Konkurrentin Blanka Vlasic in den Saal mit den Kronleuchtern.

Für die Gäste bedeutet das, zweimal an diesem Abend eine Abwägung zu treffen: Bleibe ich im Garten mit dem schönen Blick auf den Fjord und höre mir via Lautsprecher an, was da drinnen erzählt wird? Oder schaue ich mir die Sportler leibhaftig an, der Zugang ist frei.

Tschitscherowa und Vlasic haben eine schöne Geschichte zu bieten. Die Russin ist genau in der Zeit Weltmeisterin und Olympiasiegerin geworden, als Vlasic lange verletzt war. Umgekehrt räumte die Kroatin davor alles ab, als Tschitscherowa gerade ein Kind erwartete. In diesem Jahr treffen beide zum ersten Mal wieder aufeinander, und in Oslo beginnen sie sogar, völlig offen und ohne Worthülsen zu reden.

Tschitscherowa erzählt, wie sie ihr Kind vor jedem Wettkampf zu ihrer Mutter fährt, wie schwer ihr das fällt, aber wie sie trotzdem jeden Tag feststellt: «Ich sehe alles in viel mehr Farben, seit meine Tochter auf der Welt ist.» Diese Geschichte rührt sogar Vlasic, aber der Saal bleibt leer. Nur ein paar Journalisten schreiben eifrig mit.

Kurz darauf setzt sich Bolt auf das Podium, er sagt: «Ich fühle mich gut. Das einzige, was zählt, ist die WM.» Das Gleiche hat er zuvor schon in Rom gesagt und wird es drei Wochen später auch noch in Paris erzählen. Das Entscheidende aber ist: Der Saal ist voll, selbst im Nachbarraum drängen sich die Zuhörer. Es gibt viele, die sich wünschen, dass die große Usain-Bolt-Show noch lange weitergeht.

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