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    Berlin

    Bittere Schweden-Lektion bleibt «unerklärlich»

    Diese bittere Lektion wird Joachim Löw und seine abgestürzten Fußball-Zauberer noch lange als Alptraum verfolgen. Noch nie in der 104-jährigen Länderspielgeschichte hat eine deutsche Nationalmannschaft einen Vier-Tore-Vorsprung verspielt.

    Perplex
    Joachim Löw gehen nach dem denkwürdigen Remis die Erklärungen aus.
    Foto: Michael Kappeler - DPA

    Noch nie ist ein DFB-Team in dieser Weise und Geschwindigkeit vom Himmel in die Hölle gestürzt. Noch lange nach dem schockierenden 4:4 (3:0) gegen Schweden fragten sich die 13,61 Millionen TV-Zuschauer und die 72 369 Fans im Berliner Olympiastadion ungläubig: Was war denn das?

    Alle Erklärungen nach den turbulenten 93 Minuten, die es so seit dem Anfang anno 1908 in 867 Länderspielen zuvor nicht gegeben hatte, blieben hilflose Versuche. «Plötzlich war eine große Unruhe da bei uns. Da ist vieles schiefgelaufen, wir haben das Spiel nicht mehr in den Griff bekommen», sagte der Bundestrainer. Franz Beckenbauer sprach am Tag danach ungläubig von einem «Leichtsinnsakt».

    Hilflos sah Löw am Spielfeldrand mit an, wie sich der Zauber von Özil, Reus, Klose und Co. immer mehr in Erstarrung und am Ende sogar Angst verwandelte. «Wenn das Spiel mal in so eine Phase gerät, ist es schwierig, von außen richtig Einfluss zu haben», meinte Löw, der auf taktische Korrekturen und eine dritte Auswechslung verzichtet hatte. «Wahrscheinlich begann das Problem irgendwo im Kopf», mutmaßte er.

    Nach der Partie, die viele Fragezeichen hinterlässt, schloss der DFB-Chefcoach eine Langzeit-Belastung auf dem Qualifikationsweg zur WM 2014 nach Brasilien schnell aus. «Ich denke nicht, dass da jetzt was hängenbleibt», bemerkte der 52-Jährige mit Hinweis auf die jüngsten Diskussionen über Teamgeist oder Führungsstärke. Damit wäre sein Personal auch «absolut professionell umgegangen». Natürlich müsse man das «außergewöhnliche Spiel» analysieren, ergänzte Löw.

    Manager Oliver Bierhoff wurde in seiner Spontan-Analyse deutlicher und bezog nicht nur das Schockerlebnis gegen Ibrahimovic und Co. ein. «Das sind die Dinge, die ich auch nach der Europameisterschaft gesagt habe, dass wir häufig den Fehler haben, dass wir unsere Gegner dominieren und dann durch Nachlässigkeiten wieder ins Spiel bringen», betonte Bierhoff und führte als Beispiele die EM-Spiele gegen Holland und Griechenland sowie das WM-Qualifikationsmatch kürzlich in Österreich an. «Das fehlt natürlich auch, um ganz nach oben zu kommen!»

    Der ehemalige DFB-Kapitän übernahm - zum wiederholten Male - die Rolle des eindringlichen Mahners: «Wichtig ist, den Finger in die Wunde zu stecken. Man darf nicht zur Tagesordnung übergehen. Man wird das knallhart analysieren.» Nach der im 14. Spiel gerissenen Serie der Qualifikationssiege führt Deutschland die Ausscheidungsgruppe C zwar mit 10 Punkten vor Schweden (7) und Irland (6) weiter an. Doch die große Chance ist verpasst, sich schon vor der fast halbjährigen Punktspielpause ein Polster im Kampf um das einzige WM-Direktticket verschafft zu haben.

    Löw muss auf dem Weg nach Brasilien vor allem weiter an der Balance im Team arbeiten. Begeisterndes Offensivspektakel und Abwehrkonsequenz gehen offensichtlich noch nicht zusammen. Bei der EURO im Sommer hatte der Bundestrainer der Mannschaft mehr defensive Stabilität verordnet, darunter litt der Spielfluss nach vorne.

    Gegen Schweden nun versetzte Zauberfußball mit Toren von Miroslav Klose (8. Minute/15.), dem jetzt nur noch ein Treffer zum nationalen Rekord von Gerd Müller fehlt, sowie Per Mertesacker (39.) und Mesut Özil (56.) das Stadion in einen schwarz-rot-goldenen Rausch. Nach dem Anschluss durch Schwedens Topstürmer Zlatan Ibrahimovic (62.) lief das Spiel der DFB-Elf aber «irgendwie aus dem Ufer», wie Löw sprachlich nicht ganz exakt, aber doch zutreffend formulierte.

    «Das darf nicht sein. Die Bälle, die die Schweden aufs Tor gebracht haben, waren dann auch drin. Das ist unerklärlich», kommentierte Bastian Schweinsteiger die «historische» Fußballnacht, wie es Schwedens Trainer Erik Hamren ausdrückte: «Ich habe so etwas noch nie erlebt und kann es auch nicht erklären. So etwas passiert nicht jeden Tag.» Schweinsteiger und auch die anderen Chefs im deutschen Team wurden ebenso weggespült wie die Techniker um Özil.

    «Wir sind nicht in der Lage gewesen, in irgendeiner Weise den Stecker wieder reinzustecken», bemerkte Bierhoff. Das nährt die Debatte um Hierarchien und Führungskräfte, auch wenn Bierhoff die Wende nicht an einzelnen Spielern festmachen wollte. «Das ist eine Kettenreaktion, ein psychologischer Aspekt. Jeder macht weniger, man wird oberflächlich, man gewinnt weniger Zweikämpfe, man geht weniger Meter.» Mikael Lustig (64.), Johan Elmander (76.) und Rasmus Elm (90.+3) bestraften das brutal. «Das war der größte Kracher der schwedischen Sportgeschichte», schrieb die schwedische Zeitung «Dagens Nyheter». «Svenska Dagbladet» titelte: «Die Urkraft bei der Auferstehung war unfassbar. Eigentlich war das Spiel ja nach 15 Minuten vorbei.»

    «Eine Lehre für alle Zeiten» sollen die unverdaulichen Schweden-Happen nun sein, erklärte der Bundestrainer: «Wenn wir konzentriert sind, können wir auf unglaublich hohem Niveau spielen. Aber nur dann. Wenn wir nachlassen, passieren eben solche Dinge.»

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