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Warschau

Polen suchen nach Schuldigen für EM-Aus

dpa

Die Trauerarbeit ist noch in vollem Gange, doch einige Polen richten den Blick bereits nach vorn. «Kopf hoch, das Leben ist nicht vorbei», sagte Nationalkeeper und Fanliebling Przemyslaw Tyton dem Boulevardblatt «Super Express».

Angegangen
Franciszek Smuda steht in der Kritik.
Foto: Brian Stewart – DPA

So viel Zuversicht können nach dem Aus nicht alle aufbringen. «Ich habe nicht vor, mir die EM weiter anzusehen», kündigte Mittelfeldspieler Eugen Polanski deprimiert an. «Ich fahre mit meiner Frau in den Urlaub.» Die Enttäuschung beim Co-Gastgeber ist weiter riesig, vor allem der Fußballverband PZPN steht nun im Fokus der Kritik.

Sportministerin Joanna Mucha forderte radikale Veränderungen. «Vor einiger Zeit hat (Präsident Grzegorz) Lato gesagt, er werde zurücktreten, wenn die polnische Mannschaft in der Gruppenphase ausscheidet. Ich nehme ihn beim Wort», sagte sie in Warschau.

«Super Express» machte sich zum Sprachrohr wütender Fußballbürger. «Schämt Ihr euch nicht, den Polen in die Augen zu schauen?», titelte die Zeitung neben den Bildern von Nationaltrainer Franciszek Smuda und Verbandschef Lato. «Fünf Jahre haben wir auf die Euro gewartet. Das waren fünf Jahre, in denen Glauben und Hoffnung aufgebaut wurde.»

Die konservative «Rzeczpospolita» konstatierte: «Enttäuschung, Tränen bei Spielern und Fans, Abschied aus dem Turnier nach der Gruppenphase.» Doch immerhin: Anders als bei vorangegangenen internationalen Debakeln konnte diesmal nicht von Wut auf die Mannschaft die Rede sein. Am Sonntag hatten die Fans den «Weiß-Roten», die ohne Trainer Smuda erschienen waren, auf der Warschauer Fanmeile noch einmal stürmisch zugejubelt.

«Es gibt in dieser Mannschaft keinen Spieler, dem man vorwerfen könnte, er habe nicht alles gegeben», urteilte auch der bekannte Fußballkommentator Stefan Szczepelek. «Sie haben verloren, aber sie haben bis zuletzt gespielt. Besser konnten sie es eben nicht.» Die polnische Torwartlegende Jan Tomaszewski fand nach eigenen Angaben nur einen Schuldigen: «Im Grunde hatten wir keine schlechten Spieler, nur der Trainer war ein Amateur.»

Während Sponsoren ganzseitige Anzeigen schalteten, um sich bei den «Weiß-Roten» zu bedanken, ging in den Medien die Trauerarbeit weiter. «Die große Traurigkeit dauert und dauert an», klagte die linksliberale «Gazeta Wyborcza» und ergänzte: «Sie spielten wie nie zuvor – und fielen aus dem Turnier wie immer.»

Neue Stadien, neue Autobahnen, verbesserte Flughäfen und Bahnhöfe – sie alle gingen auf die Haben-Seite der EM. Auch der Imagegewinn als modernes, gastfreundliches Land, den sich Polen erhofft, ist unabhängig vom sportlichen Erfolg des Nationalteams. Damit die Party weitergeht, riet in der «Gazeta Wyborcza» Kommentator Rafal Stec: «Wir haben die Wahl: Entweder wir stellen nur die Kulisse, oder wir feiern mit den anderen. Der Gipfel des Fußballfestes liegt erst noch vor uns.»

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