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Warschau

Keine Übermannschaft, viele Tore: Eine erste EM-Bilanz

dpa

Erlebnis- statt Ergebnisfußball, viele schöne Tore und erfreulich oft Fair Play: Die EM in Polen und der Ukraine kann sich bisher sehen lassen.

Superstar?
Auch Portugals Cristiano Ronaldo ist noch nicht der Superstar der EM.
Foto: Kim Ludbrook – DPA

Die Schiedsrichter liefern wieder Diskussionsstoff, eine alles überragende Ausnahme-Mannschaft ist trotz der neun Punkte der DFB-Elf nicht zu erkennen. Eine erste Bilanz zum Abschluss der Vorrunde:

KEINE ÜBERFLIEGER: In der Gruppenphase präsentierte sich noch keine Übermannschaft. Zwar hat die DFB-Elf die Vorrunde als einziges Team mit der makellosen Bilanz von neun Punkten abgeschlossen, tat sich aber beim 1:0 gegen Portugal und 2:1 gegen Dänemark recht schwer. Auch Titelverteidiger und Weltmeister Spanien überzeugte nur bedingt. Der selbstherrliche WM-Zweite Niederlande, vor vier Jahren in der Vorrunde noch überragend, und die hoch gehandelten Russen mussten sogar schon abreisen.

KEINE STARS: Der Trend der ersten Turniertage hält an: Bisher ist es nicht die EM der Stars. Der Portugiese Cristiano Ronaldo blieb zwei Spiele lang blass, zauberte dann allerdings gegen die Niederlande. Bayern-Star Arjen Robben ist nach desolaten Oranje-Auftritten raus. Auch Schweden-Riese Zlatan Ibrahimovic und der russische Kapitän Andrej Arschawin müssen schon zuschauen. Mesut Özil arbeitet viel, glänzt aber nicht als Alleinunterhalter. Selbst im spanischen Team waren die Virtuosen Xavi und Andres Iniesta bisher nicht die überragenden Solisten.

POSITIVER FUSSBALL: Das sportliche Niveau ist ansprechend, fade Kicks – Fehlanzeige. Die EURO macht Spaß. In allen 24 Gruppenspielen gab es kein 0:0. Das ist Premiere, seit 1996 erstmals mit 16 Teams gespielt wurde. «Wir hatten bislang kein 0:0, das sagt viel», sagte UEFA-Präsident Michel Platini. «Wir sehen guten Fußball.»

TAKTIK: «Die Mannschaften, die in der Lage sind, technisch einen guten Fußball zu spielen, haben Vorteile gegenüber den rein physischen Mannschaften», analysierte Bundestrainer Joachim Löw. Tatsächlich versuchen fast alle Teams, nach vorne zu spielen. Selbst die oft für ihren Catenaccio kritisierten Italiener überraschten nicht nur gegen Spanien mit Offensivdrang. «Mut zu einem gewissen Risiko ist vorhanden», sagte Löw. Nur Sensations-Viertelfinalist Griechenland setzt bislang auf eine antike Defensivstrategie.

TORE: In 24 Partien fielen 60 Tore, was einem Schnitt von 2,50 Toren pro Spiel entspricht. Viele Treffer waren sehenswert. Nur sieben Tore fielen nach Standards, nur drei durch Fernschüsse. Lediglich ein Treffer resultierte aus einem direkt verwandelten Freistoß. Der einzige Elfmeter des Turniers wurde verschossen. 2008 wurden in der gesamten Vorrunde 57 Tore erzielt (Schnitt: 2,37), 2004 trafen die Spieler in den Gruppenpartien 64 Mal (2,66), 2000 wurden 65 Vorrundentore gezählt (2,71). Das torreichste Turnier war bislang die EM 2000 in Belgien und den Niederlanden mit insgesamt 85 Treffern (Schnitt 2,74).

TORJÄGER: Die neun EM-Tore von Michel Platini bei der EM 1984 dürften auch in diesem Jahr nicht gefährdet sein. Die vielversprechende russische Turnier-Entdeckung Alan Dsagojew schoss in den ersten beiden Spielen drei Tore, konnte aber das Aus der Sbornaja auch nicht verhindern. Wolfsburgs Mario Mandzukic hat sich ebenfalls mit drei Treffern aus dem Turnier verabschiedet. Vorne in der Torjägerliste ist aktuell Mario Gomez mit drei Treffern.

SCHIEDSRICHTER: An diesem Mittwoch entscheidet sich, welche acht Schiedsrichterteams für die K.o.-Spiele im Turnier bleiben und welche vier Referees abreisen müssen. Nach dem Eröffnungsspiel waren die Leistungen der Unparteiischen lange tadellos, ehe es am letzten Spieltag doch wieder Grund zur Kritik gab. Ausgerechnet der deutsche Schiedsrichter Wolfgang Stark übersah in der Partie Spanien gegen Kroatien ein elfmeterreifes Foul von Sergio Ramos an Mandzukic. Und dann gab der Ungar Viktor Kassai ein klares Tor der Ukrainer gegen England nicht – sein Torrichter ließ ihn im Stich.

FAIRNESS: Erst eine Rote Karte und zwei Gelb-Rote Karten unterstreichen den Gesamteindruck einer bislang sehr fairen EM. Brutale Fouls waren selten; auch Ellbogenchecks, übertriebene Theatralik, Schwalben oder ausuferndes Zeitschinden sind größtenteils ausgeblieben. In den 24 Vorrundenspielen wurde nur ein Elfmeter gepfiffen. Diesen verschoss der Grieche Georgios Karagounis im Eröffnungsspiel gegen Polen (71.).

ORGANISATION: Trotz der Kritik im Vorfeld und der großen Sorgen vor der ersten Fußball-EM im ehemaligen Ostblock hat die UEFA ein positives Zwischenfazit gezogen. «Es noch besser zu machen wäre Perfektion», sagte Verbandspräsident Michel Platini. Der Franzose lobte Polen und die Ukraine für ihre Anstrengungen der vergangenen Monate. «Hier wird etwas von der EM zurückbleiben», sagte er.

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