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Warschau

Aus der Traum: Gastgeber Polen geschockt und traurig

dpa

Polen ist verkatert. Nach dem 0:1 gegen Tschechien und dem völlig unnötigen Vorrunden-K.o. versuchte der EM-Gastgeber auch am Sonntag, aus der kollektiven Schockstarre zu erwachen.

Geschockt
In Polen waren die Fans und die Politiker nach dem EM-Aus sehr traurig.
Foto: Aidan Crawley – DPA

«Der so leicht vergebenen Chance werden wir noch viele Jahre nachtrauern», prophezeite das Boulevardblatt «Fakt». Wenigstens die befürchteten Gewaltexzesse frustrierter Fans blieben aus. Dafür wurden personelle Konsequenzen gefordert. Verbandspräsident Grzegorz Lato soll seinen Hut nehmen, der Vertrag von Trainer Franciszek Smuda läuft ohnehin aus.

«Der schöne Traum ist vorbei», kommentierte die Zeitung «Przeglad Sportowy» und gab die Stimmung treffend wieder. Die ansteckende EM-Begeisterung der gastfreundlichen Polen dürfte merklich zurückgehen. Dabei ist der EM-Ausrichter bis zum Finale am 1. Juli in Kiew noch Schauplatz von fünf Spielen und beherbergt fast alle Mannschaften. «Das ist wie ein Eimer kaltes Wasser», klagte Andrzej Rozenek von der polnischen Linkspartei Ruch Palikota. Die nationalkonservative Abgeordnete Beate Szydlo bedauerte: «Heute sind wir alle traurig. Es ist nur Sport, aber es tut weh.»

Und am Dienstag blüht den EM-Machern gleich der nächste Rückschlag. Auch dem zweiten Gastgeber Ukraine droht das Aus – dann wären wie schon vor vier Jahren in Österreich und der Schweiz sogar beide Ausrichterländer in der K.o.-Phase nicht mehr im Rennen. Dabei hatten die Polen so große Hoffnungen in das größte sportliche Ereignis in der Geschichte des Landes gelegt. Stattdessen musste Präsident Bronislaw Komorowski auf der Tribüne in Breslau seinen weiß-roten Fanschal traurig wieder einpacken.

Der Mannschaft wollte kaum jemand die Schuld an dem EM-Debakel geben. «Sie haben alles versucht», war immer wieder zu hören. Eine kleine Gruppe von Fans harrte sogar bis um drei Uhr morgens vor dem polnischen Mannschaftshotel am Rande der Warschauer Innenstadt aus, um das Team trotz aller Enttäuschung bei der Ankunft aus Breslau zu feiern. «Danke, danke, danke!» skandierten sie immer wieder, ließen den «göttlichen Lewandowski» und «Kuba, Meister Polens» hochleben.

«Als Land, als Fans, sogar als Sportler haben wir die EM-Prüfung 100-prozentig bestanden» lobte der liberalkonservative Europaabgeordnete Jacek Protasiewicz. Nur der Verband hätte versagt. Vor allem Lato wurde massiv angegriffen. Polens Kapitän Jakub Blaszczykowski warf ihm «skandalöses Verhalten» vor.

«Man muss Lato den Stuhl wegziehen, anders tritt er nicht ab», betonte Stanislaw Zelichowski von der Bauernpartei PSL mit Blick auf die im Herbst anstehenden Vorstandswahlen im Verband. Der polnische Fußballverband PZPN war schon Monate vor der EM in Negativschlagzeilen geraten – einerseits wegen Korruptionsermittlungen, andererseits wegen der umstrittenen Vergabe der Tickets.

Nur die Einsatzzentrale der Polizei war zumindest etwas erleichtert. Die Hooligans aus Polen und dem ebenfalls vorzeitig gescheiterten Russland entluden ihren Frust nicht in Gewalt und sollten im weiteren Turnierverlauf auch nicht mehr für Probleme sorgen.

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