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Klaus Reimann zu Oliver Kahns Sternstunde am Strand des Lebens

An den Gestaden Usedoms geschehen dieser Tage seltsame Dinge. Wer schafft es schon, in unmittelbarer Ufernähe herumzudümpeln und trotzdem Schiffbruch zu erleiden? Richtig, das ZDF. Fußballstiefelhoch das Wasser, seicht die Dialoge – Fernsehgarten goes Ostsee, wenn Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn am Strand des (Urlaub-)Lebens versehentlich auch mal über Fußball reden.

Klaus Reimann
Es kommentiert Klaus Reimann.

Am Samstagabend indes hatte das Strandidyll eine Sternstunde. Eindrucksvoll analysierte Kahn den sensationellen Viertelfinaleinzug der Griechen als das Resultat absoluter Leidenschaft und Hingabe. Die Spieler hätten um ihren Stolz, ihre Ehre gekämpft und Motivation aus der Situation ihres Landes gezogen. Kahn hat in diesem Punkt seine eigenen Erfahrungen gemacht. Er erinnerte an die WM 2002, als es für die deutsche Mannschaft im Viertelfinale gegen die USA ging. Nie, meinte Kahn, habe er eine Mannschaft so kämpfen sehen wie die US-Boys ein Dreivierteljahr nach 9/11.

Die Griechen heute, die US-Amerikaner bei der WM 2002 oder Italien bei der WM 2006, als ein Manipulationsskandal kurz vor dem Turnier den heimischen Fußball in seinen Grundfesten erschütterte – es gibt genug Beispiele dafür, dass Bedrohungsszenarien in der Heimat die Sportler in der Ferne zusammenrücken lassen. Die Wagenburg-Mentalität scheint enorme Kräfte freizusetzen. Die griechischen Spieler haben es satt, in Sippenhaft genommen zu werden für eine politische Klasse, die nur Kasse machen will. Sie haben es satt, wenn der Boulevard – nicht zuletzt auch in Deutschland – nicht müde wird, gegen „die Griechen“ zu hetzen. „Wir sind ein tolles Volk, wir haben es nicht verdient, dass man so mit uns umgeht“, meinte Torsteher Michail Sifakis nach dem Coup gegen die Russen.

Es war, als sei in diesem Moment ein Stück Lebenswirklichkeit an den sauberen Strand Usedoms gespült worden. Klasse von Kahn, dass er den Wert dieses Strandgutes erkannte.

E-Mail an den Autor: klaus.reimann@rhein-zeitung.net

EM-Kolumne
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