Archivierter Artikel vom 02.03.2021, 11:21 Uhr

DFB-Pokal

Rot-Weiss Essens Chef Uhlig: „Saarbrücken als Blaupause“

Rot-Weiss Essen spielt um den Einzug ins Halbfinale des DFB-Pokals. Als Viertligist. Es gäbe das erst das zweite Mal in der Geschichte des deutschen Fußballs. Die Essener hatten dies vom ersten Tag an im Hinterkopf.

Neidhart und Uhlig
Rot-Weiss-Essens Trainer Christian Neidhart (l) und Vorstandschef Marcus Uhlig hoffen auf einen Pokalsieg gegen Holstein Kiel.
Foto: Roland Weihrauch/dpa

Essen (dpa). Im Vorjahr schrieb der 1. FC Saarbrücken durch den Halbfinal-Einzug im DFB-Pokal deutsche Fußball-Historie. Nur ein Jahr später schickt sich Rot-Weiss Essen an, dies zu wiederholen.

Vor dem Viertelfinale gegen Bayern-Bezwinger Holstein Kiel aus der 2. Bundesliga sprach die Deutsche Presse-Agentur mit RWE-Trainer Christian Neidhart und Vorstandschef Marcus Uhlig.

Herr Uhlig, Herr Neidhart, als Sie im Vorjahr aus der Ferne verfolgt haben, wie der 1. FC Saarbrücken als erster Viertligist ins Pokal-Halbfinale einzieht, haben Sie da gedacht, dass so etwas nie wieder passieren wird?

Uhlig: Wir haben Saarbrücken von Anfang an als mögliche Blaupause gesehen. Auch, weil sie überragend den Spagat hinbekommen haben zum Brot- und Buttergeschäft in der Liga und zusätzlich aufgestiegen sind. Und ich habe es in Bielefeld 2015 auch selbst erlebt, als wir als Drittligist im Halbfinale standen und aufstiegen. Auch unser Trainer hat das in dieser Saison überragend moderiert.

Neidhart: Ich habe tatsächlich schon vor dem ersten Pokalspiel gegen Bielefeld zur Mannschaft gesagt: Saarbrücken ist ein ideales Beispiel, wie es gehen kann. War das in etwa so ernst wie der Spruch nach dem Achtelfinale, dass sie ein Zimmer in Berlin fürs Endspiel schon gebucht haben?

Neidhart: Das mit dem Zimmer in Berlin war tatsächlich scherzhaft. Aber das mit Saarbrücken habe ich schon ernst gemeint. Wenn man so eine Vorlage bekommt, kann man versuchen sie zu nutzen.

Wie gehen Sie nun in das Spiel gegen Kiel? Einerseits war es als Zweitligist ein Wunsch-Gegner. Andererseits ist es dort ein Top-Team. Und nicht zuletzt auch der Bayern-Bezwinger.

Neidhart: Es ist sicher das perfekte Los für beide. Wir hatten uns gewünscht, nicht gegen eine der Top-Mannschaften spielen zu müssen. Kiel ist eben nicht Dortmund oder RB Leipzig. Aber sie spielen auch lieber gegen uns als gegen einen von denen. Wir sind Viertligist, deshalb gehen wir mit Demut ins Spiel. Und wir wissen: Wer Bayern München schlägt, will gegen Rot-Weiss Essen nicht ausscheiden.

Manch einer im Essener Umfeld wird eher sagen: Wer Leverkusen schlägt, wird auch gegen Kiel gewinnen. Wie gehen Sie mit dieser steigenden Erwartungshaltung um?

Uhlig: Teilweise spüren wir das schon. Aber wir versuchen, dem gegenzuwirken. Denn das ist extrem gefährlich. Wir sind auch diesmal der absolute Underdog. Wir sind Viertligist. Ein guter Viertligist, aber wir spielen auch gegen einen Top-Zweitligisten. Deshalb versuchen wir allen klarzumachen, dass wir nicht der große Favorit sind und jeder 100 Euro auf uns als sicheren Sieger setzen sollte.

Herr Uhlig, mit der Erfahrung der Bielefeld-Geschichte von 2015, wann haben Sie gespürt, dass hier etwas Besonderes entsteht?

Uhlig: Das hört sich jetzt seltsam an, und ich habe es nie offen gesagt: Aber ich habe sehr früh gemerkt, dass hier etwas ins Rollen kommt. Beim Zweitrunden-Spiel gegen Düsseldorf hatte ich schnell das Gefühl, dass es nur einen Sieger geben kann. Und gegen Leverkusen war die Körpersprache bemerkenswert. Normalerweise ist das 0:1 in der 105. Minute ein Genickschlag, aber schon fünf Sekunden später war eine Jetzt-erst-recht-Mentalität regelrecht zu greifen.

Neidhart: Wir hatten eigentlich den Nachteil, dass wir noch vor der Saison das Halbfinale und Endspiel im Niederrhein-Pokal bestreiten mussten. Das hat uns die Vorbereitung zersprengt, weil wir schon viel Wert darauf gelegt haben, den DFB-Pokal zu erreichen. Aber dadurch haben wir uns auch schnell in diesen Pokal-Modus gebracht. Eine plakative

Wenn Sie wählen müssten zwischen dem Pokalsieg und dem Aufstieg, was würden Sie wählen?

Neidhart: Ich bin gierig. Ich will beides. (lacht)

Uhlig: Ich natürlich auch. Aber wenn ich mit entscheiden müsste, würde ich ganz klar sagen: Der Aufstieg steht über allem. Weil er eine ganz andere planerische Perspektive bietet.

Inwiefern besteht die Gefahr, dass ein solches Märchen wie der Pokal, das immer mehr Raum einnimmt, am Ende den Aufstieg gefährdet? Durch die Ablenkung oder Kleinigkeiten wie den ramponierten Rasen.

Neidhart: In solchen Fällen kommen immer viele Pessimisten oder schlaue Theoretiker hervor. Aber mir soll mal einer erklären, was daran negativ sein kann, wenn du im DFB-Pokal so weit kommst. Rot-Weiss Essen ist in aller Munde, und es ist gibt nichts Geileres, als am Mittwoch ein Viertelfinale im DFB-Pokal spielen zu können. Das hat aber nullkommanull mit unserem Liga-Alltag zu tun. Ich kann daran nichts Negatives sehen.

Uhlig: Auch ich sehe nullkommanull Gefahr, dass ein besonderer Erfolg in einem Wettbewerb einen Erfolg in einem anderen gefährdet. Und wir haben es bisher gut hinbekommen, die Dinge an den richtigen Stellen voneinander zu trennen und an der richtigen Stelle wieder zusammenzufügen. Hier ist keiner abgehoben. Und das wird auch niemand tun.

Wie groß ist der Ärger darüber, dass das Spiel als einziges Viertelfinale nicht live im Free-TV kommt.

Neidhart: Richtig nachvollziehen können wir das auch nicht, es ist für unsere Mannschaft und unsere Fans schade. Aber ich beschäftige mich nur mit Dingen, die ich beeinflussen kann.

Uhlig: Für unsere Fans und unseren Hauptsponsor ist es bitter, und ich bin sicher, dass bundesweit mehr Fans dieses Spiel sehen wollten. Aber unser Ziel ist bei aller Demut, dass wir weiterkommen. Und im Halbfinale würden wir dann sicher im Free-TV laufen.

Auch, wenn das Zimmer noch nicht gebucht ist: Haben Sie sich schon selbst beim Traum von Berlin ertappt?

Neidhart: Es sind nur noch zwei Spiele. Und wenn wir nicht daran glauben würden, bräuchte Kiel gar nicht zu kommen. Dann bräuchten wir nicht antreten und den Platz nicht weiter kaputtmachen. Aber ehrlich gesagt rede ich mit meiner Frau jedes Jahr um diese Zeit über das Pokal-Finale.

Wieso das denn?

Neidhart: Weil wir uns immer um Karten bemühen. Wir verbinden das oft mit einem Berlin-Besuch. Ich war zu meiner Spieler- und Trainer-Zeit schon sicher ein Dutzend Mal beim Finale dabei. In diesem Jahr gibt es ja leider keine Zuschauer. Wenn ich diesmal dann trotzdem dabei wäre, wenn es ein Traum, an den ich nie geglaubt hätte.

Haben Sie Ihrem Bruder oder Ihrer Frau je gesagt: „Irgendwann sitze ich da unten und bin dabei“?

Neidhart: Nein, niemals. Als Trainer im Amateur-Bereich träumst du nicht offen von so etwas. Aber man sieht, wie schnell es gehen kann.

Gab es irgendwelche besonderen Erlebnisse, von denen Sie Ihren Spieler erzählen?

Neidhart: Ich erinnere mich an ein Finale zwischen den Bayern und Stuttgart, als wir Karten für den Stuttgart-Block hatten. Und mein Bruder als Bayern-Fan das Trikot über der Jacke trug. Zum Glück haben wir nichts auf die Ohren bekommen. Grundsätzlich war jedes Finale etwas Besonderes. Auch das ganze Drumherum in der Stadt. Ich war auch schon mal zum Finale in Berlin, ohne dass ich eine Karte hatte. Einfach, um die Stimmung in der Stadt aufzusaugen. Wobei ja nicht klar ist, wie viel davon in diesem besonderen Jahr zu spüren wäre.

Nach dem Leverkusen-Spiel gab es kreative Sprüche und Aktionen. Der Verein schrieb zu einem Kneipen-Bild „eine Runde nehmen wir noch“, Sie, Herr Uhlig sagten „Mit Essen spielt man nicht“ und ein T-Shirt mit dem Hashtag „Freilos“ lief gut. Was planen Sie nach einem möglichen Sieg gegen Kiel? Ein „BayernBesiegerBesieger“-Shirt?

Uhlig: Mit so etwas beschäftigen wir uns erst, wenn es so weit sein sollte.

ZU DEN PERSONEN:

Marcus Uhlig (50) studierte Jura. Seit 2003 arbeitete er mit einem Medienbüro für Arminia Bielefeld, wurde dort später zunächst Pressesprecher, dann Teammanager und schließlich von September 2011 bis Juli 2015 Geschäftsführer. Anschließend übernahm er verschiedene Mandate in der Vereinsberatung, bevor er im November 2017 zu Rot-Weiss Essen wechselte. Seit März 2018 ist er dort geschäftsführender Vorstandsvorsitzender.

Christian Neidhart (52) ist geboren in Braunschweig und war als Spieler und Trainer fast ausschließlich in Norddeutschland verwurzelt. Als Cheftrainer war er von 2011 bis 2013 beim SV Wilhelmshaven tätig sowie von 2013 bis 2020 beim SV Meppen, den er 2017 in die 3. Liga führte und dort hiel. Im vergangenen Sommer übernahm er den Viertligisten Rot-Weiss Essen.

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