Archivierter Artikel vom 23.05.2021, 09:54 Uhr

Relegation gegen Kiel

Tor nach Tumor und Koma: „Tarzan“ Bornauw wird Kölns Held

Nach einer Saison mit einigen Aufs und vielen Abs bekommt der 1. FC Köln in der Relegation eine zusätzliche Chance auf den Klassenerhalt. Diese Zusatz-Chance sicherte einer, der besonders schlimme Wochen durchlebte. Und zwar nicht auf dem Spielfeld.

Sebastiaan Bornauw
Sebastiaan Bornauw war der Matchwinner für den 1. FC Köln.
Foto: Rolf Vennenbernd/dpa-Pool/dpa

Köln (dpa) – Es war zwar nur der Sprung in die Relegation gegen Holstein Kiel und noch nicht die Rettung, doch es fühlte sich schon sehr nach Happy End an.

Denn dass es Sebastiaan Bornauw war, der dem 1. FC Köln vier Minuten vor Schluss beim 1:0 (0:0) gegen den Absteiger FC Schalke 04 die Zusatz-Chance der Entscheidungsspiele ermöglichte, gab der „Achterbahnfahrt der Gefühle“ (Torhüter Timo Horn) noch einmal eine ganz besondere Note.

In der Vorsaison war Bornauw ein Shooting-Star gewesen. Mit sechs Treffern war er zweitgefährlichster Innenverteidiger der Bundesliga, beim Weltranglistenersten Belgien wurde er zum A-Nationalspieler. Doch Anfang dieses Jahres erlebte der 22-Jährige schlimme Wochen, über die er in der Vereins-Doku „24/7 FC“ bewegend berichtete.

Seine ständigen Rückenschmerzen stellten sich als gutartiger Tumor an der Wirbelsäule heraus. Beim ersten Versuch der Operation setzte eine allergische Reaktion auf die Narkose ein. „Die Ärzte mussten mich für 24 Stunden in ein künstliches Koma setzen. Vor 20 Jahren wäre ich zu 90 Prozent gestorben“, erzählte Bornauw: „Die Ärzte sagten mir, meine Körpertemperatur stieg um ein Grad pro Minute. Wenn man nicht innerhalb von wenigen Minuten reagiert hätte, wäre ich explodiert.“

Körperlich wie seelisch erholte sich der vom früheren Bayern-Star Daniel van Buyten betreute Bornauw, den wegen seiner Statur und seiner wilden blonden Haare viele „Tarzan“ nennen, beeindruckend schnell. Zunächst freute er sich, „dass ich schmerzfrei auf dem Sofa sitzen kann“, dann erkämpfte er sich seinen Stammplatz zurück und wurde zum wichtigen Stabilisator im Abstiegskampf. Nun stieg er mit seinem ersten Saisontor zum Helden auf.

Nach dem Treffer jubelte Bornauw ausgelassen. Nach dem Schlusspfiff versicherte er sich erst, ob das Spiel von Rivale Bremen beendet sei, dann fiel er Keeper Horn erleichtert in die Arme. „Ich bin sehr happy“, sagte er in einem seiner wenigen Interviews auf Deutsch.

Nachdem die Kölner 85 Minuten wild angerannt waren, am Schalker Torhüter Ralf Fährmann verzweifelten und auch noch einen Treffer per Videobeweis verloren, erinnerte sich Trainer-Routinier Friedhelm Funkel daran, dass Bornauw in der Jugend mal Stürmer war. „Ich habe ihn nach vorne beordert. Und ihm gesagt, dass es mal Zeit wird mit seinem ersten Saisontor“, berichtete der 67-Jährige lachend.

Die letztlich wichtigste Entscheidung traf Bornauw dann selbst. „Ich bin so oft vergeblich an den ersten Pfosten gelaufen“, sagte er. „Da dachte ich: Lauf doch mal zum zweiten.“ Genau dort kam die Flanke von Jan Thielmann hin.

Und so spielen die Kölner am Mittwoch und Samstag gegen Kiel in der Relegation. Und auch, wenn Kapitän Jonas Hector nicht genau wusste, „wie man mit der Gefühlslage umgehen soll“, war doch allen irgendwie klar: Der FC muss nicht in die Relegation. Er darf. „Wir sollten das als Chance sehen“, sagte Sportchef Horst Heldt, um dessen mögliche Ablösung mindestens im Fall des Abstiegs es unwidersprochene Gerüchte gibt. „Ich bin erleichtert, dass wir diese Chance haben“, sagte er.

Funkel schenkte den Spielern einen freien Tag, „damit sie einen schönen Sonntag mit ihren Familien, Frauen und Freundinnen haben können“. Ab Montag gilt die volle Konzentration der Relegation. In die der FC als klarer Favorit geht. „Wir sind der Bundesligist“, stellte Heldt schon mal klar. Und Sky-Experte Dietmar Hamann legte sich fest: „Sie haben unter Funkel ein anderes Gesicht gezeigt. Da müsste schon viel passieren, dass sie noch absteigen.“

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