Archivierter Artikel vom 29.11.2020, 11:01 Uhr

Revierclub in der Krise

FC Schalke: Ein 1:4 gilt als Fortschritt

Die sportliche Bilanz ist verheerend und die Außendarstellung besorgniserregend. Schalke 04 erlebt ein frustrierendes 2020 und nähert sich einem fast 55 Jahre alten Liga-Negativrekord. Endet die Entwicklung nicht, könnte der personelle Kahlschlag weitergehen.

Lesezeit: 3 Minuten
Ozan Kabak
Ozan Kabak und der FC Schalke 04 musste gegen Borussia Mönchengladbach die nächste Niederlage hinnehmen.
Foto: Marius Becker/dpa

Mönchengladbach (dpa) – Ein Jahr zum Vergessen für den FC Schalke 04: Was vielversprechend begann, droht im Desaster zu enden.

Beim bislang letzten – und einzigen in 2020 – erreichten Bundesligasieg wähnte sich der stolze Traditionsclub auf dem Weg zurück an die Liga-Spitze. Mehr als zehn Monate liegt das damals beeindruckende 2:0 gegen Borussia Mönchengladbach nun zurück. 25 sieglose Ligaspiele später wirkt der 17. Januar inzwischen wie eine Fantasie.

Am Samstag sahen sich beide Clubs wieder. Ohne großen Aufwand besiegte Gladbach in einem für Borussias Verhältnisse eher schwachen Spiel den seit Januar beispiellos abgestürzten Tabellenletzten 4:1. Schalke begann ordentlich, Gladbach zwischen zwei wichtigen Champions-League-Spielen ohne einige geschonte Schlüsselspieler unkonzentriert. Dies gaukelte dem Revierclub vor, mithalten zu können. Ein Trugschluss. Die Differenz der individuellen Klasse beider Teams ist inzwischen so frappierend groß, dass Gladbach zu viel zu einfachen Toren eingeladen wurde. „Aufwand und Ertrag stehen in keinem Verhältnis bei uns“, schimpfte Schalke-Coach Manuel Baum.

Dass Schalke das Spiel, das auch 1:6 oder 1:7 hätte enden können, trotzdem als Fortschritt wertete, verdeutlicht den Ernst der Lage. „Das war ein Schritt nach vorne. Jetzt müssen wir uns aber einfach auch mal belohnen“, sagte etwa Teammanager Sascha Riether.

Es sind absolute Horrorbilanzen, die Königsblau vorzuweisen hat. Von 75 möglichen Punkten seit dem 2:0 im Januar gegen Gladbach holte Schalke ganze neun. Zum Bundesliga-Negativrekord Tasmania Berlins mit 31 sieglosen Spielen am Stück fehlen nur noch sechs Partien. Nur drei Zähler nach neun Spieltagen einer Saison wies der Club zuletzt vor 53 Jahren auf. Club-Negativrekord sind die 28 Gegentore zum jetzigen Zeitpunkt – zugleich ist die schwächste Abwehr der Liga auch die schwächste eines Bundesligisten in diesem Jahrtausend.

Logisch, dass die Nerven blank liegen. Schon ein Trainerwechsel – auf David Wagner folgte nach nur zwei Spielen Manuel Baum – verpuffte wirkungslos. In den vergangenen Tagen hatte es Schalke mal wieder mit dem Rausschmiss von Spielern versucht. Stürmer-Oldie Vedad Ibisevic musste gehen, Nabil Bentaleb und Amine Harit wurden zum wiederholten Mal suspendiert. „Wir müssen jetzt endlich als Einheit auftreten“, befand Angreifer Steven Skrzybski. Gegen Gladbach gelang dies nicht, wie das Auseinanderbrechen nach der Halbzeit bewies.

Zudem lässt sich erahnen, wie tief die Risse im Kader sein müssen, die in den vergangenen Monaten entstanden sind. „Das Allerwichtigste ist, dass wir auf Schalke wieder ein Team werden“, sagte auch Trainer Baum. Der hatte zuvor geunkt, Erleichterungen bei einigen Spielern nach den Personalentscheidungen ausgemacht zu haben. Angesprochen darauf reagierte Skrzybski vielsagend irritiert: „Wenn das der Trainer sagt. Ich glaube, dass wir zur Zeit andere Probleme haben.“

In der Tat scheint der Club gerade in seine Einzelteile zu zerfallen. Sollte die sportliche Entwicklung Schalkes nicht schleunigst in eine andere Richtung gehen, dürfte der personelle Kahlschlag wohl weitergehen. Nach den erzwungenen Abgängen von Clubboss Clemens Tönnies, Finanzvorstand Peter Peters und Kaderplaner Michael Reschke steht Sportvorstand Jochen Schneider immer mehr in der Kritik. Fans taten diese zuletzt mit mehreren Plakaten auf der Clubanlage kund.

„Es ist das gute Recht der Fans, ihre Meinung zu äußern“, sagte Schneider im ZDF, schließt einen Rücktritt aber aus: „In so einer Situation verlassen Sie nicht die Brücke. Das macht man nicht. Sondern man stellt sich der Aufgabe und versucht, da im Team herauszukommen.“

Längst muss der 50-Jährige wieder Fragen nach dem bislang glücklosen Baum beantworten. Einen erneuten Trainerwechsel schließt Schneider (noch) aus. „Er hat eine ganz, ganz schwierige Aufgabe übernommen. Wir gehen da jetzt gemeinsam durch“, sagte Schneider. Doch was soll er auch anderes sagen? Ein zweiter Trainerwechsel nach nicht einmal dem Drittel einer Saison würde Schalke endgültig zum Gespött der Liga machen. Und Schneider dann wohl auch den Job kosten.

© dpa-infocom, dpa:201129-99-504236/2

Schalke zum Spiel in Gladbach

Bundesliga-Spieltag

Bundesliga-Tabelle