Archivierter Artikel vom 23.05.2021, 12:10 Uhr

VfL in Königsklasse

„Eine geile Gruppe“: Glasner trotzdem vor Wolfsburg-Abschied

Oliver Glasner hat den VfL Wolfsburg in die Champions League geführt und wird den Club nach dieser Saison wahrscheinlich trotzdem verlassen. Seine Aussagen nach dem letzten Spieltag klangen bereits wie eine Abschiedsrede. Was ist da los?

Oliver Glasner
Steht in Wolfsburg vor dem Abschied: VfL-Coach Oliver Glasner.
Foto: Swen Pförtner/dpa

Wolfsburg (dpa). Die letzten Interviews einer erfolgreichen Saison waren wahrscheinlich auch die letzten Interviews von Oliver Glasner als Trainer des VfL Wolfsburg.

Denn vieles von dem, was er nach dem 2:3 (0:1) gegen den FSV Mainz 05 gesagt und vor allem nicht gesagt hat, deutet darauf hin: Der Österreicher wird den Tabellenvierten der Fußball-Bundesliga in Kürze verlassen, obwohl er den Club gerade in die Champions League geführt hat und sein Vertrag mit den Niedersachsen noch für eine weitere Saison gültig ist.

„Natürlich werden wir uns über verschiedenste Dinge unterhalten. Sollte sich an meiner persönlichen Situation etwas ändern, werden wir das zügig mitteilen“, sagte Glasner. Ob er die von ihm so geprägte Mannschaft auch gern in der Champions League trainieren würde, oder ob es noch eine tragfähige Basis für eine weitere Zusammenarbeit mit dem Sport-Geschäftsführer Jörg Schmadtke gibt: Auf all diese konkreten Fragen gab der 46-Jährige gar keine oder nur ausweichende Antworten.

Immerhin kündigte Glasner Gespräche mit Schmadtke und Sportdirektor Marcel Schäfer an, die die verfahrene Situation endlich auflösen sollen. Schon seit Wochen verweisen der Trainer und die Clubführung auf ihren bis 2022 gültigen Vertrag, ohne darüber hinaus ein klares Bekenntnis zu einer weiteren Zusammenarbeit abzugeben. Mit dem früheren Bayern-Profi Mark van Bommel (zuletzt PSV Eindhoven) gibt es sogar schon einen Favoriten auf die Glasner-Nachfolge.

Solange sich niemand klar äußert, kann über die Hintergründe des bevorstehenden Abschieds nur spekuliert werden. Ist das Verhältnis zwischen Glasner und Schmadtke zu stark belastet? Zieht es den österreichischen Trainer zurück zu seiner Familie? Oder geht es darum, wer einen wie großen Einfluss im sportlichen Bereich hat?

Auch bei den Modalitäten einer möglichen Trennung geht es um viel Geld. Denn ob der Trainer freiwillig zurücktritt, ob ihn ein anderer Club aus dem Vertrag herauskauft, oder ob sich beide Seiten auf eine Abfindung einigen, macht finanziell einen großen Unterschied.

Zuspruch erhielt Glasner von etwa 50 VfL-Fans, die ihr Team nach dem Mainz-Spiel vor dem Stadion feierten. Sie sangen: „Wir wollen den Glasner sehen.“ Und: „Ohne Glasner wär' hier gar nichts los.“

Die Anhänger sehen auch: Schmadtke und Schäfer haben ihren Verein vor drei Jahren als Beinahe-Absteiger übernommen und ihn seitdem durch exzellente Transfers und den Aufbau funktionierender Strukturen zu einem Champions-League-Teilnehmer geformt. Doch obwohl der Volkswagen-Club wirtschaftliche Sicherheiten und eine herausragende Infrastruktur bietet, will nun nach Bruno Labbadia 2019 offenbar schon der zweite erfolgreiche Trainer in kurzer Zeit dieses für viele beneidenswerte Arbeitsumfeld aus eigenem Antrieb verlassen.

Erst Mirko Slomka bei Hannover 96, dann Peter Stöger in Köln und jetzt Labbadia und Glasner in Wolfsburg: Wer alle Konflikte mit seinen jeweiligen Trainern miteinander verrührt, fällt sehr schnell das Urteil: Mit Schmadtke als Vorgesetztem kann man offenbar nur schwer zusammenarbeiten. Abgesehen davon, dass ein Dieter Hecking oder Michael Frontzeck das ganz anders sehen, ist diese Herleitung dem 57-Jährigen auch zu platt. „Es stört und nervt mich, wenn meine Arbeit auf das natürliche Konfliktpotenzial zwischen Geschäftsführer und Trainer reduziert wird“, sagte Schmadtke der „FAZ“.

Woran es auch liegt: Glasners Aussagen am Samstag klangen bereits wie eine Abschiedsrede. Der Österreicher erzählte darin, wie er im Oktober nach dem Ausscheiden in der Europa-League-Qualifikation in Athen zusammen mit einigen Betreuern vor dem Mannschaftsbus saß „und wir alle die Köpfe ziemlich weit unten hatten“. Vor einer Woche nach der Qualifikation für die Champions League „habe ich dann in dieser Saison noch ein zweites Mal vor dem Bus gesessen. Und ich sagte zu den Betreuern: Wisst ihr noch, wie wir in Athen dasaßen?“

Das seien „emotionale Momente, die für mich hängenbleiben“, sagte Glasner. „Wir sind nach dem Athen-Spiel noch enger zusammengerückt und haben die Ärmel aufgekrempelt. Diesen Geist habe ich von dem Tag an gespürt, diesen Zusammenhalt haben wir jeden Tag gelebt. Ich habe mich jeden Tag gefreut, hierherzukommen, weil ich wusste: Da ist einfach eine geile Gruppe. Der Erfolg ist die Champions League!“

© dpa-infocom, dpa:210523-99-711835/2

Homepage des VfL Wolfsburg

Homepage des FSV Mainz 05

Daten zum Spiel

Der Direktvergleich

Die Pressekonferenz im Video