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Moskau

Putin-Spiele oder die beste WM aller Zeiten? Große Konkurrenz für die DFB-Auswahl

Eine weitere Propaganda-Show à la Sotschi oder doch die von der Fifa ausgerufene „beste WM aller Zeiten“? Wenn 1432 Tage nach der deutschen Sternstunde von Rio de Janeiro heute der Vorhang für die 21. Fußball-Weltmeisterschaft im Luschniki-Stadion fällt, ist die Bühne in Russland bereitet. Wladimir Putin hat keine Kosten und Mühen gescheut und nutzt sein Megaprojekt auch zur Selbstinszenierung.

Welches Gesicht zeigt der echte Wladimir Putin bei der WM in Russland? Der Staatspräsident gibt sich vor dem Turnierstart weltoffen. Die Fans aus Peru sind derweil bereits am Roten Platz in Moskau angekommen und haben noch keinen Grund zur Beschwerde.
Welches Gesicht zeigt der echte Wladimir Putin bei der WM in Russland? Der Staatspräsident gibt sich vor dem Turnierstart weltoffen. Die Fans aus Peru sind derweil bereits am Roten Platz in Moskau angekommen und haben noch keinen Grund zur Beschwerde.
Foto: imago/Agencia EF

Putin verspricht ein Fest. Die Strahlkraft von Lionel Messi, Cristiano Ronaldo oder Neymar soll an den 32 Turniertagen all die Kritikpunkte wie Korruption, Doping, Menschenrechte, Rassismus oder Hooligan-Gewalt vergessen lassen. Weltoffen will sich Russland präsentieren, nachdem es die Welt mit seiner Beteiligung am Bürgerkrieg in Syrien, der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim oder mit dem Konflikt in der Ostukraine gegen sich aufgebracht hat. „Sie werden es überall erfahren, dass wir gastfreundliche Menschen sind“, sagte Putin vor dem Fifa-Kongress. Beim Eröffnungsspiel zwischen den Gastgebern und Saudi-Arabien heute (17 Uhr, ARD) wird er in der Ehrenloge dennoch allenfalls mit seinem Freund und Altbundeskanzler Gerhard Schröder, aber kaum mit aktuellen westlichen Staatschefs anstoßen können.

Russlands Ruf ist in der westlichen Welt ähnlich angekratzt wie der des Weltverbandes Fifa. Da verwundert es kaum, dass sich Fifa-Chef Gianni Infantino und Putin verbal die Bälle zuspielen. „Russland ist zu 100 Prozent bereit. Die ganze Welt wird erleben, wie gastfreundlich dieses Land ist und wie die Organisation funktionieren wird“, schwärmt Infantino. Die Skandale, die die Olympischen Winterspiele 2014 in Russland ausgelöst hatten, verdrängt er. In Sotschi hatte Russland für den sportlichen Glanz mit einem Doping-System nachgeholfen – ein Riesenskandal. Auch russische Fußballer sind unter Verdacht geraten. Der Fall wurde von der Fifa aber ad acta gelegt. Bei der WM kontrolliert der Weltverband nun selbst. Anti-Doping-Experten macht das fassungslos.

Für die Fifa stehen andere Themen im Vordergrund. Rund 10 Milliarden Euro – so viel wie bei keiner WM zuvor – lässt sich der Gastgeber das Spektakel kosten. Ob es in Russland aber auch herzlich zugehen wird? Die mehr als eine Million Fans aus dem Ausland dürfen mit einer Fan-ID statt eines Visums ins Land und kostenfrei Strecken über Tausende Kilometer in vier Zeitzonen zurücklegen. Für die Sicherheit hat Russland besonders viel investiert, weit mehr als die 1,4 Milliarden Euro, die für die Sotschi-Spiele aufgewendet wurden. Hunderttausende Polizisten, Soldaten und Nationalgardisten sind im Einsatz, unterstützt von Beamten aus 33 Ländern. Sogar Kriegsschiffe werden mobilisiert. Szenen wie die Hooligan-Ausschreitungen bei der EM 2016 will Putin genauso verhindern wie Terroranschläge, wenn ab heute der Sport in den Mittelpunkt rücken soll.

Für Weltmeister Deutschland geht es dabei nach einer holprigen Vorbereitung mit schwachen Testspielen gegen Österreich (1:2) und Saudi-Arabien (2:1) sowie Erdogan-Diskussionen um Mesut Özil und Ilkay Gündogan am Sonntag (17 Uhr, ZDF) gegen Mexiko los. Bundestrainer Joachim Löw will Deutschland erstmals zu einer erfolgreichen Titelverteidigung führen, den Triumph von 2014 wiederholen, als ein 1:0 im Finale in Brasilien gegen Argentinien gelang. Er weiß aber um die Schwere der Aufgabe: „Es muss einfach alles passen. Deutschland wird gejagt werden wie nie.“ Von den Spaniern, die aber durch den Abgang ihres Coaches Julen Lopetegui plötzlich ein Trainer-Problem haben. Von den Brasilianern, die auf einen genesenen Neymar setzen. Von den Franzosen mit EM-Torschützenkönig Antoine Griezmann. Und natürlich auch von Argentinien und Portugal mit ihren Weltstars Messi und Ronaldo. Oder haben sogar die Engländer um ihren Star Harry Kane von Tottenham Hotspur eine Chance, ihre nun schon 52 Jahre währende WM-Misere zu beenden?

Nicht fürchten muss sich das DFB-Team vor den Italienern und Niederländern, die die Qualifikation verpasst haben. Die deutschen Erzrivalen müssen dabei zuschauen, wie die Außenseiter Panama oder Peru ums Weiterkommen kämpfen. Wie Panama wird übrigens auch der Videobeweis seine WM-Premiere feiern. Unerfahrene Referees, beispielsweise aus Tahiti, müssen mit dem neu eingeführten System zurechtkommen. Anlaufschwierigkeiten scheinen da programmiert zu sein. Sollten es die einzigen bleiben, wird Putin das verschmerzen können.

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