Archivierter Artikel vom 18.09.2020, 09:05 Uhr
Rom

Stabhochsprung

„In den Wolken“: Duplantis übertrumpft Altstar Bubka

Noch in der Luft ballte „Mondo“ Duplantis beide Fäuste – nach der Landung war der Schwede auch im Freien der beste Stabhochspringer der Welt. Mit seinen 6,15 Meter übertraf der erst 20 Jahre alte Athlet den legendären Sergej Bubka – nach 9545 Tagen.

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Armand Duplantis
Der Schwede Armand Duplantis posiert neben der Anzeige mit seinem Freiluft-Weltrekord.
Foto: Gregorio Borgia/AP/dpa

Rom (dpa). Überflieger Armand Duplantis greift nach den Sternen – und nun gehört „Mondo“ die Leichtathletik-Welt: Mehr als 26 Jahre nach dem Freiluft-Weltrekord von Sergej Bubka hat der junge Schwede den legendären Ukrainer übertrumpft.

An einem lauen Spätsommerabend in Rom katapultierte sich der Stabhochsprung-Vollprofi über 6,15 Meter: Im fast menschenleeren Stadio Olimpico sprang der Youngster einen Zentimeter höher als der legendäre „Salami-Taktiker“ Bubka am 31. Juli 1994 in Sestriere. Italien scheint ein guter Startplatz für spektakuläre Höhenflüge der Stabakrobaten zu sein.

„Ich bin auf der Matte gelandet, aber ich bin nicht wirklich auf die Erde zurückgefallen“, sagte der erst 20 Jahre alte Duplantis nach seinem Coup. „Ich glaube, ich bin gerade noch in den Wolken. Es ist surreal, ein super verrücktes Gefühl“, meinte er. Nach der Flugshow bei der Golden Gala präsentierte er den Fotografen stolz die Goldmedaille. Mehr als ein Ellbogen-Check mit Sebastian Coe war aber nicht drin: Auch der Olympiasieger und Präsident des Leichtathletik-Weltverbands World Athletics musste sich an die strengen Corona-Regeln halten.

Da hatte es Bubka leichter – der 35-malige Weltrekordler schickte seine Glückwünsche via Twitter: „Gratulation an@mondohoss600, meinen Rekord gebrochen zu haben! Fantastisches Resultat!“, schrieb der 56-Jährige. Für die Leichtathletik und den Sport im Allgemeinen sei es ein Glücksfall, „dass wir so einen hellen Stern für die nächsten Jahre haben“.

Der Stern blinkte nicht zum ersten Mal, denn Europameister Duplantis hat in diesem Jahr bereits zwei Weltrekorde aufgestellt – beide in der Halle. 6,17 Meter meisterte der WM-Zweite von Doha am 8. Februar in Torun/Polen; eine Woche später katapultierte sich der Stabakrobat in Glasgow über 6,18 Meter. Dass seine 6,15 Meter vom Weltverband nur als „Allzeit-Freiluft-Weltbestleistung“ deklariert werden, das kann er verschmerzen.

„Ich wollte nur ganz oben auf der Rangliste stehen“, meinte der Sohn eines amerikanischen Vaters und einer schwedischen Mutter. Die „Verwirrung zwischen dem Hallen- und Freiluft-Weltrekord“ hat er nun vorerst beendet. „Ich hatte den Weltrekord bereits, aber ich wollte alles klar machen und der Beste im Freien sein.“

Woher sein ungewöhnlicher Spitzname kommt? „Nach meinem ersten Weltrekord rief mich jemand 'Mondo', was aus dem italienischen übersetzt 'Welt' heißt. Seitdem nennen mich alle so. Mir gefällt‘s“, hatte der Athlet schon im vorigen Jahr in einem Interview erklärt und selbstbewusst verkündet: „Ich werde 6,18 Meter im Freien springen, so dass keine zwei Rekorde mehr geführt werden. Ich weiß, dass ich das kann, es ist nur eine Frage der Zeit.“

Duplantis' 6,18 Meter von Glasgow sind der offizielle Stabhochsprung-Weltrekord. Denn der Weltverband hatte 1998 die Regel 260 („Weltrekorde“) modifiziert: Seither werden in technischen Disziplinen auch Hallen-Höchstleistungen als offizielle Weltrekorde anerkannt – sofern sie besser sind als der Freiluft-Weltrekord.

Bereits als Vierjähriger sprang Duplantis mit einem Besenstiel unbekümmert aufs Wohnzimmersofa, Vater Greg baute seinen sportverrückten Jungs im Garten eine Sprunganlage. „Mondo“ flog später am höchsten, er hält auch die Weltrekorde in den Altersklassen 7 bis 12 sowie zwischen 17 und 20.

Am 12. August 2018 meisterte der Teenager – damals noch 18 Jahre alt – zum ersten Mal die magische Sechs-Meter-Marke: Mit 6,05 Metern schnappte er der Konkurrenz im Berliner Olympiastadion EM-Gold weg.

Seine Mutter hat ihn auf Wettkampfreisen sonst immer begleitet – auch beim Weltrekord in Glasgow war Helena die erste Gratulantin. In Rom ging das nicht. „Mum und Dad waren diesmal nicht hier. Da bin ich ein bisschen enttäuscht“, gab der Weltrekordler zu. „Mein Vater war nie dabei, wenn ich Weltrekord gesprungen bin.“ Doch das lässt sich ja ändern: Denn selbst 6,18 Meter sind für den jungen Herrn der Lüfte mit Sicherheit nicht das Ende seiner One-Man-Show.

© dpa-infocom, dpa:200918-99-610798/3

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Bubka gratuliert via Twitter