Formel 1

Wie bei den „Feuersteins“? Motoren-Partnersuche bei Red Bull

Der geplante Ausstieg von Honda hat auch Max Verstappen ins Grübeln gebracht. Sebastian Vettels früherer Rennstall Red Bull braucht ab 2022 einen neuen Antrieb. Wer wird es? Und was wird mit Verstappen?

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Bulle ohne Motor
Das Team Red Bull Racing sucht einen neuen Motorenpartner.
Foto: Frank Augstein/Pool AP/dpa

Nürburg (dpa). Vor einem Rückfall in die Steinzeit muss sich Red-Bull-Pilot Max Verstappen nicht fürchten.

„Ich hoffe, ich ende nicht wie Fred Feuerstein“, scherzte der Niederländer mit Blick auf den Ausstieg von Motorenpartner Honda zum Ende der Saison 2021. „Ich konzentriere mich einfach darauf, was ich zu tun habe und das heißt, den Wagen mit einem Motor im Heck so schnell zu fahren, wie ich kann.“ In der Zeichentrickserie „Die Familie Feuerstein“ um Titelheld Fred Feuerstein wurden die steinzeitlichen Automobile mit den eigenen Beinen angetrieben, die Räder waren Walzen aus Stein.

Die Ausstiegsankündigung des japanischen Herstellers, der erst 2015 wieder zurückgekehrt war, hatte Red Bull und sein Schwesterteam Alpha Tauri in der vergangenen Woche geschockt. Es war ein Hammer für die gesamte Formel 1. Honda will sich das milliardenschwere Engagement nicht mehr leisten, die Corona-Pandemie mit Produktionsstopps und Gewinnrückgängen in der Autoindustrie dürfte diesen Plan befeuert haben. Die Ressourcen sollen in Forschung und Entwicklung von Zukunftsantrieben gesteckt werden. Oberste Priorität: Bis 2050 will Honda klimaneutral sein.

„Man muss alle Möglichkeiten in Betracht ziehen, man muss für alle Möglichkeiten offen sein“, beteuerte am Rande des Grand Prix der Eifel auf dem Nürburgring Red-Bull-Teamchef Christian Horner. Bis Ende des Jahres will er eine Entscheidung über die neuen Antriebe treffen. Welche Optionen bleiben Red Bull?

Eine Möglichkeit wäre, dass der Top-Rennstall von Energy-Drink-Milliardär Dietrich Mateschitz sich und das Schwesterteam von 2022 an mit eigenen Antrieben versorgt. Eine Variante dafür wäre, dass Red Bull die Honda-Infrastruktur übernimmt und von deren Knowhow profitiert. Es wäre ein kostspieliges Projekt. Honda-Rennchef Masashi Yamamoto zeigte sich jedoch gesprächsbereit, dem Team auch künftig helfen zu wollen. In welcher Form auch immer.

Mercedes schließt eine Motorenpartnerschaft mit Red Bull schon mal kategorisch aus. „Nein“, antwortete Mercedes-Teamchef Toto Wolff auf eine entsprechende Frage. „Wir sind fast auf einem Stand, dass wir nicht mal für uns alle Power Units machen können, deshalb ist da keine Kapazität.“

Mercedes fährt mit eigenen Motoren, dazu erhalten noch das künftige Werksteam Aston Martin und Hinterbänkler Williams Antriebe. Ab 2021 kommt noch McLaren dazu. „Das engt die Wahl auf aktuell zwei Ausstatter im Sport ein“, bemerkte Horner, der seit der Partnerschaft mit Honda zur Saison 2019 im WM-Kampf erheblich vorangekommen ist.

Eine Rückkehr zu Ferrari wäre auch eine Option. Red Bull war 2006 Kunde der Italiener, ehe man zu Renault wechselte; Alpha Tauri (das früher noch Toro Rosso hieß) hatte sogar von 2007 bis 2013 und 2016 Scuderia-Antriebe im Heck. Aber für Ferrari gilt dasselbe wie für Mercedes: Warum sollte ich einen direkten WM-Konkurrenten beliefern?

Ferrari hat sich nach Aussage von Teamchef Mattia Binotto aber noch nicht mit einem Red-Bull-Szenario auseinandergesetzt. „Es ist etwas, worüber wir uns allmählich Gedanken machen sollten“, meinte er. „Ein Team wie Red Bull ist kein Standardkunde“, bemerkte Horner, „unsere Ziele sind extrem hoch, wir wollen Siege holen“. Und dafür braucht es einen starken Motor.

Bliebe noch eine Rückkehr zu Renault. Von 2010 bis 2013 mit Star-Pilot Sebastian Vettel hatten Red Bull und die Franzosen als Motorenlieferant alle WM-Titel abgeräumt. Der Übergang in die Hybrid-Ära misslang Renault jedoch, man trennte sich nach der Saison 2018 im Streit. „Renault ist jetzt eine andere Organisation als das letzte Mal, als sie uns beliefert haben“, sagte Horner und näherte sich dem Werksteam damit auch öffentlich an, „sie haben einen neuen Vorstandschef (Luca de Meo), der von der Formel 1 begeistert scheint, das ist gut zu sehen.“ Daher müsse man Renault als „möglichen Lieferanten für die Zukunft in Betracht ziehen“.

Der Fall Red Bull/Alpha Tauri illustriert ein Problem der Formel 1: das Motoren-Reglement wirkt für potenzielle Interessenten abschreckend. Zu kompliziert, zu teuer. Sowohl Autokonzerne als auch private Motorenschmieden wollen ja ordentlich verdienen. Nach Informationen von „Auto, Motor und Sport“ soll es deshalb nach dem Grand Prix im portugiesischen Portimao in zwei Wochen eine Strategiesitzung der Teamchefs, mit Weltverbandspräsident Jean Todt und Vertretern von Formel-1-Eigner Liberty Media geben.

Honda ist weg – Verstappen auch bald von Red Bull? Horner wies Spekulationen darüber zurück, dass der offiziell bis Ende 2023 vertraglich gebundene 23-Jährige vorab wegen einer Motorenklausel aussteigen könnte. Er wolle nicht über vertragliche Details reden, sagte der Brite. „Ich kann aber sagen, dass sich Max dem Team komplett verschrieben hat, er ist in derselben Situation wie wir und will auch künftig nicht ins Seifenkistenrennen einsteigen.“

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