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    RZ-SERIE Familienpolitik (2): So machen es die Briten

    Wir diskutieren über Geburtenrate und Betreuungsgeld. Ist das typisch deutsch? Unsere Auslandskorrespondenten schildern, welche Schwerpunkte andere Regierungen in ihrer Familienpolitik setzen – und ob die Hilfe fruchtet. Im zweiten Teil unserer Serie blicken wir nach Großbritannien, wo der Preis für die Karriere ist sehr hoch ist.

    Wir diskutieren über Geburtenrate und Betreuungsgeld. Ist das typisch deutsch?

    Unsere Auslandskorrespondenten schildern, welche Schwerpunkte andere Regierungen in ihrer Familienpolitik setzen – und ob die Hilfe fruchtet. Im zweiten Teil unserer Serie blicken wir nach Großbritannien.

     

    Preis für britische Karriere ist hoch - Kinder sind oft von 8 bis 19 Uhr in Betreuung

    Glück ist manchmal, wenn Träume nicht in Erfüllung gehen. Linda Whitehead wollte eine PR-Karriere machen, Dichterin werden, als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei ordentlich Geld verdienen und promovieren. Nichts davon hat geklappt. Trotzdem sieht die 56-jährige Britin hochzufrieden aus, wenn sie abends bei einem Glas Rotwein in ihrem kleinen Haus im Süden Londons von ihrem Leben spricht. Lindas Söhne Sunny (17) und Fionn (15) schlafen schon. Die Sängerin Hattie (23) tritt gerade in einer Londoner Bar auf. Die Tänzerin Mazie (27) macht Ferien in Thailand. "Es war gut für meine Kinder, dass ich immer für sie da gewesen bin", sagt Linda.

    Mehr als 20 Jahre lang organisierte die Frau eines viel beschäftigten Profimusikers größtenteils allein den Familienalltag. Linda spricht in höchsten Tönen von der staatlichen Unterstützung für Familien in Großbritannien. Doch ihrer Meinung nach zahlen viele Eltern im Königreich einen hohen Preis für ihre berufliche Flexibilität. "Die Leute lassen ihre Kleinen von 8 bis 19 Uhr in den Kindergärten, Schulen und in Nachmittagsklubs ,wegsperren’. Die Kinder haben keine Freude daran, und die Eltern haben Schuldgefühle", erzählt sie und schüttelt energisch den Kopf: "Kinder brauchen unsere Liebe. Und die kann man im Unterschied zur professionellen Kinderbetreuung eben nicht kaufen."

    Die gelernte Fremdsprachensekretärin hatte mit 29 Jahren ihr erstes Kind bekommen. Linda war damals bereits mit dem Jazz-Musiker Tim Whitehead verheiratet und als Literaturstudentin an der Uni eingeschrieben. "Im letzten Studienjahr war es kompliziert, mein Studium, Tims Arbeit und die kleine Mazie unter einen Hut zu kriegen. Ich ging drei Tage die Woche zu Vorlesungen und blieb zwei Tage zu Hause", erinnert sie sich. "Doch wir hatten gut organisierte Unterstützung von insgesamt vier Tagesmüttern." Nach dem Studienabschluss 1986 schlug sich Linda mit kleinen Jobs durch, bis sie drei Jahre später wieder schwanger wurde. Nach Hatties Geburt mussten die Whiteheads ein privates Netzwerk zur Kinderbetreuung aufbauen. "Ich fand zwei andere Mütter, mit denen ich mich abwechselte. Zwei von uns spielten mit den sechs Kindern, eine hatte frei", sagt Linda.

    Die große Herausforderung begann, als ihr Sohn Sunny 1995 mit dem Down-Syndrom auf die Welt kam. "Wir konnten auf spezielle Hilfe zurückgreifen. Die Gemeinde ließ sogar eine Tagesmutter entsprechend trainieren, damit sie ihn optimal betreuen konnte", sagt Linda. Bis heute bekommt sie wöchentlich fünf Stunden Betreuung für Sunny bezahlt. Das Geld wird auf das Konto der Mutter überwiesen, sie selbst entscheidet, wen sie dafür anstellt. Wie alle anderen Eltern in England erhalten die Whiteheads zusätzlich für ihre beiden jüngeren Sprösslinge ein Kindergeld von insgesamt 170 Euro im Monat. "Es ist nicht viel", sagt Linda seufzend. "Allein Fionns Training und seine Schul- und Rugbytouren kosten monatlich umgerechnet 75 Euro. Unser Wohlstand ist in den vergangenen 20 Jahren sicher nicht gestiegen."

    Trotzdem ist sie froh, in England zu leben. "Unsere Gesellschaft ist sozialer als früher, die Familien bekommen steuerliche Ermäßigungen, die Bildung der jungen Mütter wird gefördert, und es gibt viele Initiativen, die berufstätigen Eltern das Leben erleichtern." Gleichzeitig kritisiert Linda jedoch den zunehmenden "Karriere- und Wettbewerbszwang". "Der Staat drängt die Mütter in die Jobs zurück, weil die Wirtschaft kriselt. Auch viele große Firmen machen Druck, damit die Leute ihre Jobs vor die Familie stellen." Deswegen würden die englischen Kinder ihre Eltern kaum noch sehen, bedauert die Frau, die viel für ihre Familie geopfert hat.

    Alexei Makartsev

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