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Neuer Kreisjugendwart sagt: "Wir starten mit zu wenig helfenden Händen"

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Günther Reichardt, der künftige Kreis-Jugendwart, spricht die Schwierigkeiten in der Jugend im Kreis unverblümt an. 
Foto: Joachim Hähn
Günther Reichardt, der künftige Kreis-Jugendwart, spricht die Schwierigkeiten in der Jugend im Kreis unverblümt an.
Foto: Joachim Hähn

Herr Reichardt, Sie sind sozusagen noch in der Einarbeitungsphase für ihre künftige Aufgabe als Kreisjugendwart. Wie läuft diese Phase für Sie?

Ganz gut. Seit ich Mitte März gewählt worden bin, gehe ich bei Dieter Fey in die Lehre, sodass ich hoffentlich ganz gut vorbereitet auf mein Amt sein werde. Seit ein paar Tagen habe ich endlich auch eine Kennung fürs DFB-Net und bin damit jetzt also ein vollwertiger Funktionär.

Gab's Probleme mit dieser Kennung?

Ja, ganz erstaunliche. Als Kreisjugendwart muss ich mich ja auch mit den ganzen Mannschaftsmeldungen befassen. Am 20. Juni ist Meldeschluss für Jugendteams, und da war es für mich schon sehr befremdlich, dass es so lange gedauert hat, bis ich diese Kennung, ohne die ich ja nicht arbeiten kann, hatte. Obwohl ich mehrfach darauf hingewiesen hatte, hat es lange niemand beim SWFV fertig gebracht, mir zu dieser Kennung zu verhelfen.

Ab 1. Juli sind Sie verantwortlich, was wünschen Sie sich für sich und Ihre Amtsführung?

Ich hoffe, dass ich keinen Fehlstart hinlege und dass die die Jugendarbeit im Kreis weiter Bestand hat.

Ist die Situation so bedenklich?

Durchaus. Wir haben außer den Leuten im Kreisvorstand bisher niemanden gefunden, der sich als Staffelleiter zu Verfügung stellen würde. Das bedeutet, dass jeder im Vorstand drei Klassen außer seiner eigenen führen muss.

Warum möchte niemand eine Staffel im Jugendbereich leiten?

Das hat vielschichtige Gründe. Zum einen ist es natürlich ein gesellschaftliches Problem, dass sich immer weniger Leute ehrenamtlich engagieren wollen oder auch können. Viele haben natürlich auch Angst vor einer Menge zusätzlicher Arbeit.

Ist es denn viel Arbeit eine Staffel zu leiten?

Das kommt darauf an, um welche Staffel es geht. Die früheren Bezirksligen, die im Jugendbereich künftig Landesligen heißen, sind sicher etwas arbeitsintensiver als andere. Aber wir haben ja nicht einmal jemanden für die Bambini oder die E- und F-Junioren. Und in diesem Bereich ist die Arbeit überschaubar. Sie findet in erster Linie am PC statt. Außerdem wird einmal im Monat der Kreisjugendausschuss tagen. Aber die Angst vor zu großer Arbeitsbelastung ist auch nicht das entscheidende Problem.

Wo liegt dann aus Ihrer Sicht die größte Schwierigkeit, jemand für die Arbeit als Staffelleiter zu begeistern.

Wir haben ja tatsächlich Leute gehabt, die das gemacht hätten. Aber sie wollten sich nicht für vier Jahre, also eine komplette Amtsperiode, verpflichten. Diese Leute haben gesagt, ich schaue mir das mal in dieser Saison an, und dann sehen wir weiter. Leider hat das der SWFV kategorisch abgelehnt und darauf bestanden, dass die vierjährige Laufzeit eingehalten wird. Dass dieser lange Zeitraum für viele abschreckend ist, wurde dort nicht so gesehen. Meiner Argumentation, dass uns auch Leute helfen, die zunächst einmal nur ein Jahr dabei sein wollen, und dass diese Leute womöglich in diesem Jahr Gefallen an der ehrenamtliche Tätigkeit finden, wurde beim Verband leider nicht gefolgt.

Kandidaten für das Amt des Staffelleiters sind auch Eltern. Von denen gibt es einige, die am Platz stehen und das große Wort führen. Leute, die alles besser wissen. Ich habe zuletzt solche Leute gezielt angesprochen, doch offiziell als Staffelleiter Verantwortung zu übernehmen. Aber keiner hat zugesagt. Wenn es ans Eingemachte ging, dann wollte keiner. Und so stehen wir momentan im Kreis Birkenfeld ohne Jugend-Staffelleiter da.

Wie beurteilen Sie die allgemeine Situation des Jugendfußballs im Kreis Birkenfeld?

Differenziert. In der Spitze haben wir schon schlechter da gestanden. Immerhin haben wir mit dem VfR Baumholder und dem SC Idar-Oberstein zwei Vereine, die jeweils zwei Mannschaften in der höchsten Verbandsklasse haben. Baumholder und Idar wie auch der SC Birkenfeld oder der TuS Mörschied sind Vereine, in denen Jugendarbeit groß geschrieben wird – und dort gibt es auch Erfolge. Aber – und jetzt komme ich zu den Problemen – in meinen Augen existiert in vielen unserer Vereine gar keine richtige Jugendarbeit. Da steht zwar jemand als Jugendleiter auf dem Papier, aber konkret getan wird nichts. Oder es gibt Trainer, die sich nicht kümmern, weil sie nicht können oder wollen. Dann fällt das Jugendtraining halt aus. Jugendarbeit ist, wie das Wort schon sagt, auch Arbeit. Und die wird in vielen Vereinen aus den verschiedensten Gründen nur unzureichend erledigt.

Wie könnte die Situation verbessert werden?

Ich denke, es müssten mehr junge Leute in die Jugendarbeit.

Moment, wie alt sind Sie?

(lacht) Ich bin 62. Ich bin als Jugendwart eigentlich viel zu alt, bin eher ein Mann für die AH. Doch Spaß bei Seite. Die ganz Jungen engagieren sich durchaus, aber was uns fast komplett fehlt, ist die Generation der 40-50-Jährigen.

Sie starten demnächst ins neue Amt. Was glauben Sie, wie wird der Start?

Auf jeden Fall starten wir mit zu wenig helfenden Händen.

Das Gespräch führte Sascha Nicolay

Regionalsport Süd - Klasse 9 - Jugendfußball
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