40.000
Aus unserem Archiv
Leichtathletik

Für dieses Talent beendet der Altmeister den Ruhestand

Alexandra Wester (USC Mainz) nimmt zwei Jahre nach ihrer schweren Knieverletzung ihr Comeback in Angriff – bei Harry Letzelter.

Harry Letzelter hatte sich bereits aus der ersten Reihe der USC-Trainer zurückgezogen. Für Alexandra Wester jedoch revidierte der 63-Jährige seinen Entschluss, denn: "Alex hat Talent, Perspektive und Ehrgeiz." 
Foto: Bernd Eßling
Harry Letzelter hatte sich bereits aus der ersten Reihe der USC-Trainer zurückgezogen. Für Alexandra Wester jedoch revidierte der 63-Jährige seinen Entschluss, denn: "Alex hat Talent, Perspektive und Ehrgeiz."
Foto: Bernd Eßling

Mainz – Die Diagnose war ein Schock. "Unhappy Triad", lautete der erste Befund. "Als ich das gehört habe, musste ich mich erst mal hinlegen", sagt Alexandra Wester. "Da wurde mir richtig schwindelig."

Es war im Mai 2011. Zwei Wochen vor der Qualifikation für die U-18-Weltmeisterschaften – die Siebenkämpferin des USC Mainz galt als sichere WM-Fahrerin – war Westers linkes Knie kaputt. Bei den Deutschen Jugend-Mannschaftsmeisterschaften war sie für ihren Klub bereits über 100 Meter und im Weitsprung angetreten, nach einer Regenunterbrechung musste sie noch über 100 Meter ran. Wester touchierte die vorletzte Hürde, über die letzte kam sie ohne Berührung, verlor aber das Gleichgewicht. "Ich bin mit der Ferse aufgekommen und nach außen gerutscht", erzählt sie. "Hinten haben die Spikes ja keine Dornen."

Schlimmer als "Unhappy Triad"

Die Schmerzen kamen später, der Schock nach der ersten Diagnose, die niederschmetternde Gewissheit nach der Magnetresonanztomografie: Westers Verletzung war schlimmer als die befürchtete "Unglückliche Triade" – zu Kreuzband-, Innenband- und Innenmeniskusriss kamen ein lädierter Außenmeniskus und eine Knorpelquetschung hinzu.

"Nie ans Aufhören gedacht"

Knapp zwei Jahre später will Alexandra Wester wieder angreifen. "Ans Aufhören habe ich nie gedacht", versichert sie, auch wenn manch einer ihr nach der schweren Verletzung dazu geraten habe. "Aber für mich stand nie infrage, dass ich weitermachen würde. Schon mit sechs Jahren war Leichtathletik eigentlich das Wichtigste für mich, und Zeiten, in denen ich keinen Bock darauf hatte, gab es nie." Auch nicht nach einem weiteren Eingriff, nachdem die Ärzte bei einer Punktion des lädierten Knies 60 Milliliter Blut abgepumpt hatten.

"Talent, Perspektive und Ehrgeiz"

Diese Einstellung war eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass es mit dem gewünschten Trainerwechsel klappte. Weil Wester, die bislang vor allem von Julia Rinder betreut wurde, sich zunächst einmal auf Sprint und Weitsprung konzentrieren möchte, wurde sie bei Harry Letzelter vorstellig. "Ich hatte anfangs Angst, dass er nicht will", sagt die 19-Jährige. Schließlich hatte der Altmeister sich mit dem Karriereende seiner langjährigen Vorzeigesprinterin Marion Wagner aus der ersten Reihe zurückgezogen. Für Wester allerdings war Letzelter zu einem Comeback bereit.

"Alex hat Talent, Perspektive und Ehrgeiz", begründet der 63-Jährige seinen Entschluss. "In der nächsten Woche hatte er dann schon einen Trainingsplan ausgearbeitet", erzählt Wester lachend. Ihre Athletikeinheiten absolviert sie bei Jürgen Bernhart, demnächst will sie bei Stephan Kallenberg wieder ins Speerwurftraining einsteigen.

Alexandra Wester, gerade 19 geworden, hat perspektivisch denken gelernt. "Als das mit dem Knie passiert ist, habe ich mir selbst ein Ziel gesetzt. Ich habe mir gesagt: ,Ich kann erst wieder richtig gut Leichtathletik machen, wenn ich 19 bin.'" Zwei Jahre Geduld aufbringen, eine harte Zeit. "Aber die zwei Jahre sind schneller rumgegangen, als ich geglaubt hatte."

In der Zwischenzeit hat Wester ihr Abitur am Gonsenheimer Otto-Schott-Gymnasium mit den Leistungskursen Sport, Biologie und Deutsch und sich mit Modeljobs ein paar Euro verdient. Unter anderem lief sie bei der Berliner Fashion Week für die Mainzer Modedesignerin Anja Gockel. Im August will Wester beim USC einen einjährigen Bundesfreiwilligendienst aufnehmen.

Siebenkampf am Saisonende

Sportlich hat sich die 19-Jährige für 2013 zwei Ziele gesetzt: Ende Juni will sich Wester bei der Junioren-Gala in Mannheim im Weitsprung für die U-20-Europameisterschaften qualifizieren. Um einen der drei Plätze zu ergattern, müsse sie wohl über 6,30 Meter springen, vermutet sie. "Das wird nicht einfach, aber wenn ich verletzungsfrei bleibe und gut trainiere, ist das drin."

Am Saisonende würde Alex Wester zudem gerne wieder einen Siebenkampf absolvieren. Nach vernünftigem Aufbau und mit einer ordentlichen Punktzahl.

Und was sagt das linke Knie? "Für Sprint und Weitsprung ist es schon jetzt stabil genug", erklärt Wester, "zumal ich beim Sprung auf rechts umgestellt habe." Ob das auch für den Hochsprung funktioniert, wird sich zeigen, "überstürzen werden wir jedenfalls nichts. Und über die Hürden ist mein linkes ohnehin das Nachziehbein." Angst vor dieser Disziplin habe sie nicht, sagt die USC-Athletin. "Eines weiß ich aber auch: Bei Regen werde ich keine Hürden mehr laufen."

Peter H. Eisenhuth


2009 war Westers Topjahr

Alexandra Wester, 19, wurde 1994 als Tochter eines Deutschen und einer Ghanaerin in Gambia geboren. Drei Jahre später zog die Familie nach Saulheim. Mit Leichtathletik begann Wester im Alter von sechs Jahren beim TuS Saulheim, als 14-Jährige wechselte sie zum USC Mainz. 2009 wurde sie Deutsche Schülermeisterin im Siebenkampf und stellte mit 4094 Punkten einen Deutschen Rekord auf. Im selben Jahr gewann sie DM-Silber im Weitsprung der B-Jugend. Westers Siebenkampf-Bestleistung lieg bei 5103 Punkten. phe

Regionalsport Mainz
Meistgelesene Artikel